Eduardo Sanchez
Über zehn Jahre nach "The Blair Witch Project" scheint das Genre, das du ja miterfunden hast, das "Found-Footage-Genre", so beliebt zu sein, wie noch nie. Wart ihr damals eurer Zeit voraus?

Ach, nein. Dan [Myrick, Co-Regisseur] und ich haben das Genre ja auch gar nicht erfunden, da gab es schon andere Filme vorher. Die waren nicht so erfolgreich, klar, aber dennoch... Du hast ja bestimmt mal von "Cannibal Holocaust" gehört – der gilt ja gemeinhin als der erste "Found-Footage-Film". Witzigerweise hatten weder Dan noch ich jemals von dem Film gehört. Erst nachdem "Blair Witch" auf dem Sundance Festival Premiere feierte, schickte uns jemand ein VHS des Films, der ja in den USA verboten war. Wir schauten uns den Film an und dachten: "Verdammt! Hätten wir den Streifen eher gesehen, hätten wir 'Blair Witch' nicht gedreht." Denn warum sollte man etwas machen, was Leute schon vor einem ausprobiert haben? Aber abgesehen davon: Es war nie unsere Absicht, ein neues Genre oder einen neuen Stil zu kreieren.

Wir waren nur beide der Ansicht, dass Dokumentationen manchmal unheimlicher sein können als "normale" Filme. Das war der Ausgangspunkt. Wir hatten viele Dokus über solche Themen wie UFOs, Bigfoot und so weiter gesehen – die waren natürlich alle unsinnig, aber sie riefen ein unheimliches Gefühl in uns hervor: Was wäre, wenn diese Dinge wirklich wären und man sie auf Kamera festhalten würde? Außerdem: Viele Filme dieses Genres sind an den Kinokassen kürzlich ziemlich untergegangen, von "Paranormal Activity" einmal abgesehen. Es muss eben jedes Jahr wieder einen neuen Trend geben und im Moment ist dieser Stil eben noch recht angesagt – zu Recht, wie ich finde: Es gibt immer noch Filme in dem Genre, die mich und andere Horrorfans begeistern

Was ich an den Filmen eigentlich meist noch am interessantesten finde, ist, wie sie sozusagen ihre eigene Existenz erklären müssen. Denn um in der Filmstory zu bleiben, muss irgendwer die Aufnahmen, wie der Name schon sagt, schließlich immer "finden"...

Ja, das stimmt. In den Vorspann von "Blair Witch" haben wir geschrieben: "This footage was found by..." und so weiter. Daher der Name des Genres. Ich bevorzuge aber ehrlich gesagt den Ausdruck "First Person Cinema", denn das beschreibt es viel treffender. Viele dieser Filme handeln doch eigentlich gar nicht von "gefundenem Material", sondern zeigen uns einfach die Perspektive der Charaktere. Wer soll denn beispielsweise bitte das Filmmaterial von "Apollo 18" gefunden haben? Das war schließlich auf dem Mond! Ich finde es also unsinnig, immer erklären zu müssen, wie und wo die Aufnahmen nun genau gefunden wurden. Der Zuschauer sieht diese Aufnahmen einfach, fertig, aus. Da braucht man nicht mehr zu erklären. Genau so mache ich das auch in meinem neuen Film "Lovely Molly". Ich mag die Mechanismen des "First Person Cinema", aber was ich hasse, ist die Verpflichtung, die damit einhergeht, dass ständig eine Kamera eingeschaltet sein muss.

Warum sollte man sich filmen, wenn man gerade von etwas gejagt wird? Das ergibt keinen Sinn! Man würde das blöde Ding doch wegwerfen und dann Rennen was das Zeug hält! Das haben wir in "Blair Witch" versucht zu begründen, indem wir es sozusagen als Streitthema in den Dialogen der Charaktere haben auftreten lassen. In "Lovely Molly" wechselt der Stil nun zwischen "First Person-" und klassischem Filmmaterial, was ein Experiment war, aber meiner Meinung nach sehr gut funktioniert. Das werde ich in meinem nächsten Film, "Exists", ganz genauso machen. Es ist ein guter Trick, der, wie ich denke, die Zuschauer auch nicht verwirrt.

Amy Smart flieht in "Seventh Moon" vor ruhelosen Geistern.

Was hältst du von den europäischen Genrebeiträgen, wie z.B. "Rec" und "The Troll Hunter"?

"Rec" finde ich großartig, vermutlich einer der besten First-Person-Filme überhaupt, "Troll Hunter" habe ich bis jetzt noch nicht gesehen. Es stimmt, die Europäer haben da oft einen etwas frischeren Ansatz als die Amerikaner. Ich bekomme so viele von diesen Filmen zugeschickt und soll dann etwas dazu sagen. Viele davon werden niemals von einem Verleih gekauft, aber hin und wieder ist auch was Gutes dabei...

Halten dich die Leute also für einen Experten in dem Genre?

Ja, das kann man schon so sagen. Es war lustig: Als ich "Paranormal Activity" zum ersten Mal sah, hat er mir natürlich sehr gut gefallen, der Regisseur hat gute Arbeit geleistet. Gleichzeitig dachte ich aber auch: "Verdammt, warum bin ich nicht darauf gekommen? Warum hab ich den Film nicht gedreht?" Ob meine Version besser oder schlechter gewesen wäre – wer weiß? Aber Fakt ist, ich weiß wie man solche Filme dreht, darum ärgere ich mich jedesmal ein bisschen, wenn so ein Film erfolgreich ist und denke: "Warum war ich daran nicht beteiligt?" Aber ich schätze das ist normal, so fühlt sich George Romero vermutlich auch immer, wenn ein neuer Zombiefilm einen Haufen Geld einspielt. (lacht)

Erzähl doch mal ein bisschen was über "Lovely Molly". Worum geht es und wann bekommen wir den Film in Europa zu sehen?

Wir suchen zurzeit noch einen amerikanischen Vertrieb, zu Europa kann ich also noch nichts sagen, außer, dass wir viele Anfragen haben. Wir wollten mit dem Film diesen Sommer eigentlich zu ein paar europäischen Festivals, aber das klappt wohl erst im nächsten Jahr. Die Idee hinter dem Film stammt von meinem Co-Autor Jamie Nash, und zwar geht es um die Frage, was passieren würde, wenn sich jemand selbst filmt, der glaubt besessen zu sein. Zuerst sollte der Film also komplett aus der Perspektive der Hauptfigur gedreht werden, was mir aber, aus zuvor genannten Gründen, irgendwann nicht mehr so gut gefiel. Darum ist der Großteil des Films nun konventionell gedreht worden und wir wechseln nur in kurzen, spannungsreichen Momenten in die subjektive Perspektive. Das ist eine sehr interessante Mischung und man hat so sozusagen das Beste aus beiden Welten. Je stärker sich Mollys Besessenheit (oder ihre Psychose, das bleibt offen) auswirkt, desto öfter setzte ich dieses intime, voyeuristische Stilmittel der Handkamera ein.

Ist Gretchen Moll in "Lovely Molly" von düsteren Mächten befallen?

Dir scheinen ja diese ambivalenten Plots zu gefallen, bei denen man nie genau weiß, ob etwas Übernatürliches passiert oder nicht...

Das stimmt, das gefällt mir sehr. Wenn man einmal weiß, wer oder was das Monster ist, ist es doch schon nicht mehr unheimlich. Bei Horrorfilmen braucht man meiner Meinung nach einfach ein gewisses Mysterium, das nicht erklärt werden kann. Warum sind denn seit Jahrzehnten die Geschichten über Big Foot, UFOs und Loch Ness so beliebt? Weil man sie weder vollständig beweisen noch widerlegen kann! Angenommen man würde den Big Foot fangen, dann wäre das für eine kurze Zeit eine Riesenstory, aber irgendwann würden sich die Leute daran gewöhnen und es wäre eben auch nur irgendeine neue Tierart. Da man aber nicht genau weiß, ob er existiert, bestehen diese und andere Legenden auf der ganzen Welt und bleiben lebendig.

Es gibt in "Lovely Molly" zwar einige Szenen, die relativ eindeutig übernatürlich sind, aber dennoch lässt das Ende einiges offen. Bisher reagiert das Publikum etwa so darauf wie bei "Blair Witch", dessen Ende ja auch recht offen ist: Manche Leute lieben es und diskutieren darüber, andere mögen es weniger. Es wird aber immer schwieriger, solche Filme zu machen, da es die großen Studios immer recht gerne eindeutig haben wollen. Darum haben wir ja damals auch Geld dafür bekommen, alternative Enden für "Blair Witch" zu drehen, haben aber zum Glück darauf bestanden, das von uns beabsichtigte Ende zu behalten.

Dein nächstes Projekt "Exists" handelt ja von dem bereits von dir erwähnten Big Foot. Kannst du uns darüber schon etwas berichten?

Ja, gerne. Der Film hat ein sehr kleines Budget, wir drehen bald in Austin, in einem kleinen Studio mit einer tollen Außenanlage. Das Skript zu "Exists" ist bereits das dritte Drehbuch, das ich über Big Foot geschrieben habe. Das erste hätte gute 80 Millionen Dollar gekostet, das zweite dann um die 20, bei diesem hier sind wir nun im niedrigen Millionenbereich. Wir hoffen aber, dass dies der erste Film einer ganzen Big-Foot-Trilogie werden wird, das hängt natürlich von unserem Erfolg ab. Seitdem ich zwölf Jahre alt war, wollte ich immer einen Film über Big Foot drehen, das ist also so etwas wie ein Traum-Projekt von mir. Kürzlich haben wir angefangen mit den Make-Up- und Kostüm-Tests für den Film:

Der Schauspieler, der Big Foot spielen wird, hat schon mal den Big-Foot-Anzug angezogen. Wir wollen so wenig wie möglich CGI verwenden, denn, das wird dir jeder bestätigen, bei Monsterfilmen wirken echte Schauspieler in Kostümen viel authentischer als Computergrafiken. Eine Firma aus Neuseeland, die oft auch mit Guillermo del Toro zusammenarbeitet, hat den Anzug für uns designt und ich kann dir sagen, es sieht super aus! Normalerweise muss man bei solchen Kostümsachen ja immer schauen, wie man versteckt, dass es sich um ein Kostüm handelt. Das wäre hier gar nicht notwendig, so echt sieht unser Big Foot aus. Ab April fangen wir dann mit den Dreharbeiten an.

Diese Szene aus "The Blair Witch Project" machte Heather Donahue bekannt.

Unheimliche Mythen und Legenden scheinen dir ja zu liegen. Wie kamst du denn ausgerechnet auf den Big Foot, diese typisch amerikanische Legendengestalt?

Hm, so auf Amerika beschränkt ist das gar nicht. Klar, hier sind diese Geschichten am bekanntesten, aber denk mal an den Yeti! Und auch in Russland gibt es da wohl einen entsprechenden Mythos. Vermutlich hat jede Kultur eine Geschichte die sich mit dem Thema "Haariger Mann im Wald" beschäftigt. Ich glaube, dass ist auch der Grund, warum "Blair Witch" so erfolgreich war: Jeder hat an einem gewissen Punkt in seinem Leben mal Angst vor dem Wald, es gibt immer Gerüchte oder Geschichten, dass sich im Dunkeln des Waldes etwas Gefährliches verbirgt. Deswegen hoffe ich, dass ich mit "Exists" ein Thema anspreche, mit dem sich Menschen weltweit identifizieren können. Abgesehen davon gab es schon seit ewigen Zeiten keinen guten Big-Foot-Film mehr. Der Schlüssel wird, wie schon bei "Lovely Molly", sein, eine Mischung aus normalen Filmaufnahmen und "First Person" Videoaufnahmen zu verwenden. Denn mit was für Bildern assoziieren wir Big Foot? Mit verwackelten Fotos und Videos, die man nicht genau einordnen kann.

Eine letzte Frage, die du wohl öfter hörst: Wie stehen die Chancen für einen dritten "Blair Witch"-Teil?

Die Situation ist ähnlich wie schon seit einigen Jahren, aber langsam machen wir Fortschritte. Dan und ich haben eine gute Idee für eine Fortsetzung des ersten Teils und Lionsgate hat bereits Interesse gezeigt – noch gibt es aber keine konkreten Absprachen. Ich bin mir aber sicher, dass sich bald etwas tun wird. Generell wäre es natürlich ganz schön schwer, die Erwartungen der Fans zu erfüllen, aber das ist natürlich auch gerade das Spannende an der Sache. Und auch unsere eigenen Ansprüche wollen wir halten: Der Film muss von Herzen kommen und nicht bloß ein sinnloses Sequel sein.

>> geführt und verfasst von Tim Lindemann




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