PossessionThe Possession“ unterscheidet sich im Stil stark von deinen dänischen Filmen. Bist du mit dem Resultat zufrieden und wie siehst du den Film im Kontext deines Werks?

Ich sehe ihn als Hollywood-Genre-Film. Genau das war die Herausforderung für mich: Ein so traditionsreiches Genre wie Horror zu bedienen – vielleicht DAS Hollywood-Genre überhaupt. Nun ja, als Sam Raimi mich fragte, ob ich den Film inszenieren wollte, konnte ich kaum ablehnen. Es ist aber eben keine Geschichte von mir, normalerweise verfilme ich nur eigene Geschichten – ich war also mehr oder weniger ein Auftragsregisseur, es wurde handwerkliches Talent von mir gefordert, mehr nicht. Ich habe allerdings versucht, dem Film so viel Charakter und Psychologie wie möglich zu verleihen, die Menschen auf der Leinwand zu echten Menschen zu machen, anstatt nur die typischen Klischees zu bedienen, die man in diesem Genre leider viel zu oft sieht.

Mir hat der Vater als Hauptfigur sehr gefallen. Kannst du etwas zur Konstruktion dieser Figur sagen?

Siehst du, man kann den Film auf verschiedene Weise betrachten. Als Exorzismusfilm oder als Metapher, für etwas anderes: Familie, Trennung, gescheiterte Kommunikation. Ich mag die gewisse Traurigkeit in dieser Story, die nichts mit Geistern oder Dämonen zu tun hat, sondern mit den Schwierigkeiten des Alltags. Es ist also auch ein Scheidungsfilm.

Ob ein Exorzismus hier noch helfen kann?

Dieser Zusammenhang ist mir besonders in einem Moment aufgefallen: kurz nachdem das Mädchen die verfluchte Box gekauft hat, trägt der Vater seine Kartons („boxes“) aus dem Haus seiner Exfrau.

Ja, genau das wollte ich erreichen.

Du hast bereits von dem psychologischen Anspruch des Films gesprochen. Gehören dazu auch die auffällig zahlreichen Motive, die mit dem Mund zu tun haben? Es geht um Zähne, Essen, Spucken, etc...

Da steckt keine direkte Aussage hinter, es ist aber durchaus Absicht. Man kann sich das wie bei einem surrealistischen Gemälde vorstellen: Da wählt der Maler auch bestimmte Motive oder Farben, die keinem direkten Zweck dienen. Dies waren bei diesem Film eben meine Farben – Motive, die mit Essen und Verdauen zusammenhängen. Es verleiht der Story eine zusätzliche, unheimliche Dimension, macht den Film organischer. Einer der großen Meister der Suspense, Roman Polanski, hat beispielsweise auch immer surrealistische Motive in seine Stories mit eingewebt, etwa in „Der Mieter“. Die Szene in „Possession“ als Brad seine Zähne verliert, mag ich sehr. Das hat mit Intimität, Überlebensdrang und Tod zu tun. Aber wie gesagt: Eine eindeutige „Übersetzung“ gibt es nicht, ich wollte dem Film lediglich „meine Farben“ verleihen.

Der Geist wehrt sich mit aller Macht gegen die Austreibung.

Apropos Farben: Warum hast du dich für diesen düsteren, aber sehr glatten Look entschieden?

Ach, ich weiß nicht. Ich wollte einfach, dass der Film so organisch wie möglich wirkt. Es sollte eine dynamische Verbindungslinie zwischen Story, Schauspielern und Look geben – das habe ich versucht. Vielleicht habe ich mich ein wenig am typischen Film-Noir-Look orientiert.

Einige deiner früheren Filme berühren das Horror-Genre ja zumindest teilweise, in letzter Zeit aber immer weniger. Was ist deine Beziehung zum Horror?

Ich mag das Genre überhaupt nicht, kein bisschen. Ich mag Horrorfilme nicht, ich schaue mir auch keine mehr an. Sie sind mir entweder zu blutig, zu drastisch oder zu oberflächlich und existieren nur für den „Shock Value“. Man spricht immer davon, dass diese Filme wie eine Achterbahnfahrt sind – das mag sein, aber das ist für mich einfach zu simpel. Gute Horrorfilme sind „The Shining“ oder „Poltergeist“...

Aber gerade „Poltergeist“ ist doch der Achterbahn-Film schlechthin!

Das stimmt zwar, aber Tobe Hooper hat auch große Mühe darin investiert, die Familie glaubwürdig und psychologisch darzustellen. Der Film ist interessant, weil das ganze Setting, der psychologische Kontext, sehr genau charakterisiert sind.

Es ist offensichtlich: mit diesem Kind stimmt etwas nicht.

Wie bist du denn mit dieser Einstellung an „Possession“ herangegangen? Was ist dein „Rezept“ für einen guten Horrorfilm?

Ich glaube, man kann keinen guten Horrorfilm drehen, ohne die Figuren psychologisch zu betrachten. Man muss darüber philosophieren können, was Gut und was Böse ist. Wenn man nicht versteht, was das Böse ist, dann erreicht man nichts außer ein Grusel-MTV-Video zu drehen. Leider gibt es viel zu viele Filme von dieser Sorte.

Wie in vielen Horrorfilmen steht ja auch in „Possession“ eine Familie im Mittelpunkt. Wie verbindest du dein Konzept vom Bösen mit diesem Element? In familiären Beziehungen gibt es ja meist kein Schwarz und Weiß, Gut und Böse...

Familie sollte eigentlich der ultimativ sichere Ort auf der Welt sein, wo Liebe empfangen und geteilt wird. Wenn man diesen Ort nun plötzlich mit Gewalt und Gefahr assoziiert, entsteht Horror, eben durch diesen Kontrast. Ein Exorzismusfilm über einen Soldaten in Afghanistan beispielsweise, würde überhaupt keinen Sinn machen. Das Böse umgibt ihn schließlich ständig, es wäre völlig uninteressant. Man sucht sich also einen Ort der Unschuld und lässt das Böse eindringen. Genau das ist es auch, was ich an diesem Thema so interessant finde: Wir sprechen über das Böse oft, als wäre es eine externe Macht, die uns angreift. Ich glaube aber, dass „das Böse“ an sich nicht existiert, außer in uns selbst. Man könnte also sagen, dass jeder von uns eine Dibbuk-Box wie im Film in sich selbst mit herumträgt – und unser ganzes Leben versuchen wir, sie geschlossen zu halten.

Ist diese Box der Auslöser allen Übels?

Ich finde die Idee in „Possession“ spannend, Exorzismus einmal nicht mit dem Christentum, sondern mit einer anderen Religion, dem Judentum, zu verknüpfen...

Seitdem William Friedkin vor 40 Jahren in „Der Exorzist“ Max von Sydow als katholischen Priester besetzt hat, ist Exorzismus im Film für immer mit Katholizismus verbunden. Aber als ich mich auf den Dreh vorbereitet habe – wie jeder andere Mensch auch, auf YouTube – war ich regelrecht geschockt und überrascht, als ich herausfand, dass das Prinzip des Exorzismus eigentlich in jeder Kultur der Welt existiert. Wenn man genauer darüber nachdenkt, ist das aber auch nur logisch.

Der Film basiert ja angeblich auf einer wahren Geschichte, es wird sogar mit einer Texttafel vor Beginn des Films darauf hingewiesen. Im Horrorfilm kann das ja oftmals eher albern wirken, wie stehst du dazu?

Darüber solltest du eher mit den Autoren sprechen, ich bin nicht derjenige, der den Film so bewirbt. Das Drehbuch aber ist sehr gut recherchiert und basiert auf einem Artikel über eine Familie, die diese Box über eBay gekauft hat und danach schreckliche Dinge erlebt hat: Krankheiten, plötzliche Todesfälle. Als ich das Drehbuch bekam und begann daran zu arbeiten, habe ich mich aber dagegen entschieden, diese Vorgeschichte selbst genauer zu recherchieren – es war mir einfach zu unheimlich. Ich bin wirklich kein abergläubischer Mensch aber ich habe sehr deutlich gespürt, dass ich diesen düsteren Weg nicht beschreiten wollte und habe mich konsequent davon abgewendet. Ich wollte keinesfalls mit den echten Betroffenen sprechen. Ich glaube, je mehr Aufmerksamkeit man solchen Dingen schenkt, desto lebendiger werden sie.

>> verfasst und geführt von Tim Lindemann




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