Silent Hill 2Zunächst einmal: Entspricht es der Wahrheit, dass dir die Rolle als Heather ganz spontan in Sundance angeboten wurde?

Adelaide Clemens: Oh ja, das entspricht in der Tat der Wahrheit. Das war eigentlich sehr witzig. Mich haben damals meine Mutter und ein paar Freunde zum Sundance begleitet. Sammy, also Samuel Hadida, ist durch den Schnee und über die Straße spaziert und uns quer über das Festival gefolgt. Ich habe mich ständig gefragt: „Wer ist dieser Mann?“ Er kam dann schließlich auf einer Filmpremiere vor Ort auf mich zu und sagte: „Du musst unbedingt in meinem Film mitspielen!“ Das ist echt einer dieser wirklich surrealen Momente. Zunächst hatte ich auch gar keine Ahnung, was ich überhaupt davon halten sollte. Aber es handelt sich bei ihm um eine wirklich sehr aufrichtige Persönlichkeit. Jedes Wort war ernst gemeint.

Dann ist das Sundance jetzt sicher ein jährlicher Pflichttermin für dich.

Ja, nicht wahr? Ich sollte da wirklich häufiger herumspazieren und einfach darauf warten, dass irgendwelche Leute auf mich zukommen. (lacht)

Die Krankenschwestern melden sich mit ihren Scheren zurück.

Und als es dann offiziell war: Wie wichtig war es dir, dich vor den Dreharbeiten mit der „originalen“ Heather aus der Videospielvorlage vertraut zu machen?

Für mich war es unglaublich wichtig, mich mit der Figur und insbesondere auch mit dem Videospiel und dem ersten Film an sich auseinanderzusetzen. Ich hatte also Verständnis und war mir bewusst, welches Erbe ich hier antreten würde. Aber als es darum ging, sich der Figur anzunähern, habe ich mich auf das Drehbuch fokussiert, welches ich vor mir liegen hatte. Michael (J. Bassett) hat ein richtig tolles Drehbuch geschrieben. Auf eine Weise war Heather für mich ein verlorenes Mädchen, weil sie für eine sehr lange Zeit stets auf der Flucht war. Es gab da so einige Dinge, die sie für mich sehr interessant gemacht haben: Ihre falsche Identität, das ständige Umziehen… Darin fühlte ich ohnehin eine Art Verbundenheit. Ich bin als Kind sehr oft umgezogen und weiß daher nur zu gut, wie sich so etwas anfühlt. Für mich ging es also überwiegend darum, sicherzustellen, eine möglichst wahrheitsgemäße und ehrliche Darstellung von Heather zu verkörpern und glaubwürdig auf jede Szene, jedes Monster und die Evolution in der Geschichte zu reagieren.

Glaubst du, dass es einen Einfluss auf das Schauspiel haben kann, wenn man sich als Darsteller zu intensiv mit der Videospielfigur befasst, die man anschließend in einer filmischen Adaption repräsentieren soll?

Ich denke eher, dass es dein Schauspiel sogar unterstützt. Du kannst dich darauf beziehen, dich inspirieren lassen oder einfach nur ein paar Ideen sammeln. Für mich war es wie ein Segen, all diese Spiele zu haben, von denen ich mich ein wenig habe lenken lassen können. Ich denke, gerade die Mythologie als Zeichen war so eine Eigenschaft, die ich aus den Spielen übernommen habe. Es war aber auch von Bedeutung, die Energie des ersten Films fortzuführen.

Red Pyramid stattet dem Vergnügungspark einen Besuch ab.

Du verkörperst neben Heather auch noch Memory of Alessa, ebenfalls bekannt aus der Vorlage. Wie war das für dich, sowohl das Gute als auch das Böse in ein und demselben Film zu verkörpern?

Ohh… (begeistert) Das war um ehrlich zu sein richtig einmalig! Genau genommen habe ich ja sogar drei verschiedene Charaktere verkörpert. Zum einen eine jüngere und unschuldigere Version von Heather – bei der es sich tatsächlich um Sharon handelt – und zum anderen eine ältere und etwas abgehärtete Variante von ihr. Dann gab es da noch Alessa, das pure Böse. Das war beinahe so wie bei einem Exorzismus. (lacht) In diese Rolle zu schlüpfen war eine wirklich sehr schwierige Aufgabe. Ich würde sogar sagen, dass es von den drei Figuren die war, die mich am meisten herausgefordert hat.

Alessa taucht in der Vorlage beim Karussell auf, genau wie in eurem Film. Es sah so aus, als wurde nahezu der ganze Vergnügungspark aus dem Videospiel übernommen. Wurde denn wirklich alles komplett errichtet?

Ach du meine Güte! Alle Settings waren real, alle! Sie wurden danach einfach digital erweitert. Zum Beispiel die kontinuierlich fallende Asche, was ohne CGI ziemlich schwierig umsetzbar gewesen wäre. In solchen Szenen wurde natürlich auch digital gearbeitet und dann erst später ins jeweilige Setting integriert. Aber es wurden für alle Locations unglaubliche Settings aufgebaut. Auch die Kreaturen wurden von unseren Make-Up Spezialisten kreiert. Paul Jones hat den wohl unglaublichsten Job geleistet! Ich meine, einen so großen Red Pyramid bei sich zu haben, der inklusive seiner großen Axt am Set herumspaziert, war einfach unglaublich! Außerdem machen die Schauspieler und Stuntmänner, die diese Kostüme tragen, diese ganzen Figuren ziemlich persönlich. Ihre Performances machen sie erst lebendig.

Adelaide Clemens bereitet sich auf das Unheil vor.

Und „echte“ Krankenschwestern sind sicherlich auch weitaus gruseliger, oder?

Oh mein Gott, das war so was von unheimlich! Ich habe auch gerade eben wieder mit Kit (Harington) darüber gesprochen. Ich meine, es gab da einen runden Raum und wir befanden uns in der Mitte, umgeben von Krankenschwestern, die alle Arten von Waffen und Scheren in ihren Händen trugen. (lacht) Das war ganz schön einschüchternd, vor allem weil es an mir lag. In einer Szene muss ich dann die Fesseln an seinem Körper lösen. Und währenddessen haben sie dann ihre Choreographie in Gang gesetzt. Ich erinnere mich sogar noch daran, bei einem der Takes daran gescheitert zu sein, eine der Schnallen aufzubekommen…

Michael J. Bassett würde liebend gern einen weiteren Silent Hill-Film drehen. Wäre eine Rückkehr für dich auch wünschenswert?

Das wäre wirklich toll und natürlich bin ich bereit dazu. Das Team war wunderbar und der Film einfach eine schöne Erfahrung für mich. Ich habe im Augenblick zwar keine Ahnung, was meinen Charakter erwartet. Aber wenn Heather tatsächlich zurückkehrt, dann würde ich es lieben, mich abermals Michael und seiner Crew anschließen zu können.

Gelingt es Heather, ihren Vater vor Claudia zu retten?

Du hast auch eine Rolle im Psycho-Thriller „No One Lives“ ergattert. Deine Figur, Emma, wird von einigen Kritikern als komplex und unerwartet beschrieben.

Ja, den Charakter zu spielen war wirklich interessant. Die Herausforderung bei dieser Rolle war, dass ich teilweise totale Stille verkörpern, gleichzeitig aber auch glaubwürdig auf die Psychoanalyse reagieren musste. Der Film war also auch eine ziemlich lehrreiche Erfahrung für mich.

Bisher haben wir dich überwiegend in Serien wie „Parade’s End“ und kleineren Filmen wie „Wasted on the Young“ wahrgenommen. Wie war der Sprung vom TV und Indie-Projekten zum Kinoformat? Immerhin sehen wir dich nach „Silent Hill 2“ bald auch in „The Great Gatsby“.

Wenn man an Filmen arbeitet, die ein größeres Budget haben, dann trittst du mit wesentlich mehr Leuten in Kontakt. Da realisiert man dann auch, wieso diese Filme solch hohe Produktionskosten haben. Ich empfinde es aber als sehr inspirierend mit so vielen professionellen Filmschaffenden gleichzeitig arbeiten zu dürfen. Mit der Rolle in „The Great Gatsby“ ging für mich zudem ein großer Traum in Erfüllung. Das repräsentiert eines der bedeutsamsten Highlights meiner bisherigen Karriere! Aber das war verglichen mit „Silent Hill“ noch einmal eine Schippe größer. Ich meine, in „Revelation“ bin ich in nahezu allen Szenen zu sehen. Ich glaube, ich war damals beim Dreh lediglich einen Tag abwesend. Aus diesem Grund habe ich mich der ganzen Crew und den anderen Schauspielern ziemlich verbunden gefühlt. Obwohl trotzdem immer noch eine Menge Leute in den Film involviert waren, hat es sich für mich dennoch so angefühlt, als wären wir alle eine große Familie.

>> verfasst und geführt von Carmine Carpenito




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