Katakomben Höhlen, Tunnel, Geheimgänge – der Faszination für diese Unter- und Zwischenwelten kann sich wohl kaum jemand entziehen, trotz oder gerade wegen ihrer unergründlichen Dunkelheit, Enge und Unwirtlichkeit. Ein unterirdischer Ort konfrontiert uns mit unseren eigenen Grenzen und auch unserem Ursprung: Einerseits lernen wir Licht, Luft und Bewegungsfreiheit wieder neu zu schätzen, andererseits regt sich vielleicht auch irgendwo in unserem innersten Bewusstsein der Teil, der unsere urzeitlichen Vorfahren zu Höhlenbewohnern machte. Wie dem auch sei: Die Enge und Gefahr von unterirdischen Plätzen ist ein hervorragender Rummelplatz für das Horrorgenre – in der stickigen Dunkelheit könnte schließlich jede Monströsität lauern. Letztlich, und das wissen auch die Brüder John und Drew Dowdle, Regisseure des Films “Katakomben“, ist es aber doch nur unsere eigene Angst vor dem Tod, die unter der Erde auf uns wartet.

“Drew und ich hatten schon lange vor, einen Found-Footage-Film im Indiana-Jones-Stil zu drehen, wussten aber noch nicht genau wie und wo“, erklärt Regisseur John Dowdle. “Dann kam Drew plötzlich mit der Idee, in den Pariser Katakomben zu drehen. Wir wurden ganz aufgeregt und schickten uns täglich gegenseitig Fotos hin und her.“ Dazu kam die Faszination der beiden Brüder für Alchemie und den angeblichen Entdecker des Steins der Weisen, Nicolas Flamel. Flamel, um den sich tausende Mythen ranken, wurde unweit eines Eingangs zu den Katakomben begraben – das sorgte für die notwendige Story-Verbindung. Die Dowdles hatten sich bereits mit dem Kammerspiel “Devil“ in übernatürliche Gefilde gewagt, im Found-Footage-Genre kennen sie sich spätestens seit ihrem Debüt "The Poughkeepsie Tapes" aus. Die Idee, mit Kameras bewaffnet in die Katakomben unter der französischen Hauptstadt zu steigen, fiel also auf fruchtbaren Boden.

Die Vorbereitungen für den Abstieg laufen auf Hochtouren

Was aber hat es überhaupt mit den sogenannten Katakomben auf sich? Es handelt sich um uralte Steinbrüche unter der Stadt, die ab dem 18. Jahrhundert als Grabstätte genutzt wurden – dort liegen noch heute die Gebeine von bis zu sechs Millionen Parisern. Diese Knochenhaufen können besichtigt werden und tragen natürlich zur ohnehin beklemmenden Stimmung der engen, dunklen Gänge bei. Der heute für Besucher geöffnete Teil, etwa zwei Kilometer, macht aber nur einen Bruchteil der verzweigten Gewölbe aus. Immer wieder dringen waghalsige Hobby-Archäologen in ungenutzte Teile der Katakomben vor, hippe Pariser Kids veranstalten dort illegale Techno-Raves; immer wieder aber fordern diese Unternehmungen auch Tote, Vermisste und Verletzte.

So gelingt es auch den Hauptfiguren im Film, illegal in die Katakomben abzusteigen um dort nach dem legendären Stein der Weisen zu suchen. Die Filmemacher begaben sich dabei selbst auf die Spuren ihrer Charaktere und stiegen bei ihrem ersten Besuch in Paris direkt durch das mehr als dubios aussehende Loch in die Gänge ein, das auch im fertigen Film zu sehen ist. “Es war heftig, gibt John zu. “Wir standen bis zu den Knien im Wasser und es ging immer tiefer. Nach einer guten Viertelstunde wurde mir ziemlich mulmig.“ Den beiden Regisseuren gelang es schließlich, ihre Angst zugunsten des Projekts zu überwinden, andere Crew-Mitglieder waren weniger belastbar: “Wir wollen keine Namen nennen“, lacht Drew, “aber der ein oder andere ist ziemlich ausgerastet und wollte uns an den Kragen. Am Ende waren dann aber alle begeistert von der Erfahrung.“

Scarlett (Weeks) und George (Feldman) stoßen auf ein merkwürdiges Siegel

Auch die vornehme Britin Perdita Weeks, die in “Katakomben“ in die Rolle der Archäologin und Abenteurerin Scarlett Marlowe schlüpft, war nicht von Anfang an überzeugt vom Setting: “Als wir am ersten Drehtag vor diesem Eingang standen, dachte ich: Das soll ein Witz sein! Die können nicht ernsthaft vorhaben da unten zu drehen“, lacht sie im charmanten Londoner Akzent. “Ich bin ja wirklich nicht gerade groß, aber selbst mir war das zu eng!“ Ben Feldman, männlicher Hauptdarsteller, bekannt aus der TV-Serie “Mad Men“, war von der Aussicht in den Katakomben zu drehen wiederum geradezu angezogen: “Ich fand das Skript herrlich nerdig! Alchemie, alte Inschriften, Geheimgänge – super! Ich gebe ganz offen zu, dass ich Horrorfilme eigentlich grundsätzlich langweilig finde. Diese Idee aber hat mich begeistert, ganz abgesehen von der Möglichkeit, für zwei Monate in Paris zu leben.“ Seine Rolle als junger Experte für tote Sprachen hat außerdem Spuren hinterlassen: “Klar, ich spreche jetzt fließend Aramäisch!“, feixt er.

Die Herausforderung, der sich die Schauspieler stellen mussten, war zudem eine doppelte: Nicht nur fand der Dreh bis auf wenige Studio-Szenen tatsächlich in dem Pariser Gängesystem statt, auch der gefakete Realitätsanspruch des Films trug zur Belastung bei. Die Dowdle-Brüde bedienten sich nämlich erstaunlich extremer Mittel: “Oftmals wussten die Schauspieler nicht, was sie hinter der nächsten Ecke erwarten würde“, erklärt John. “Die Kameras auf ihren Helmen waren auch echt, man bekommt also immer wieder ihre ungefilterten Emotionen zu spüren.“ Ben Feldman erzählt: “Einerseits ist es wie bei jedem anderen Dreh auch: Es gibt Kameras und Requisiten und so weiter und so fort; andererseits war es aber auch eine neue, frische Erfahrung für mich, weil du nie genau weißt, wann du im Bild bist und dadurch viel stärker ins Geschehen involviert bist.“

“Katakomben“ erscheint beinahe als eine “letzte Zuckung des sogenannten Found-Footage-Genres, das vor einigen Jahren, nach dem Erfolg von “Paranormal Activity“ wieder zur neuen Größe im Horror aufgestiegen war. Schnell wurden aber auch die ersten genervten Stimmen anhand dieser Flut von billig produzierten Streifen hörbar. Die Dowdle-Brüder verteidigen ihr Leib- und Magen-Genre: “Es wundert mich eigentlich, dass nicht auch andere Genres verstärkt auf diese Ästhetik setzen – bisher tun das nur Horror und seit einiger Zeit Komödien. Dabei braucht man sich nur die wachsende Popularität von YouTube-Channels und Handy-Videos anzuschauen um zu verstehen, dass dieser Stil nicht am Ende ist. Im Gegenteil: Er wird noch viel salonfähiger werden.“

Ihr Point-of-View-Zugang kann in diesem Fall durchaus als Erfolg verbucht werden: Die wackligen Bilder erzeugen eine dichte Atmosphäre, geben uns das Gefühl selbst in die Katakomben hinabzusteigen. Dafür ist aber ebenso das hervorragende Produktionsdesign verantwortlich: “Als John und ich zum ersten Mal da unten waren, haben uns diese ganzen Knochen total beeindruckt“, erzählt Drew freimütig. “Wir haben sogar direkt ein paar Selfies vor den Gebeinen gemacht – auch wenn uns das im Nachhinein etwas peinlich war." Er lacht herzlich. Die echten Knochen konnten im Film natürlich nicht verwendet werden, darum ließen die Brüder täuschend echte Imitationen anfertigen, “richtig schön staubig und dreckig.“ Der Aufwand hat sich gelohnt: Die Höhlenwelt unter der Stadt erwacht effektvoll und authentisch zum diabolischen Leben.

Die Katakomben stecken voller Geheimnisse. Hier ist Körpereinsatz gefragt

Die Katakomben stecken voller Geheimnisse. Hier ist Körpereinsatz gefragt

“Es war, als würde man in einem verrückten Vergnügungspark arbeiten“, schwärmt Perdita Weeks. “Überall standen gruselige Requisiten herum. Vieles davon haben uns die Dowdles vorher absichtlich nicht gezeigt, um später unsere echten Reaktionen einzufangen.“ Die gemeinsame Arbeit am räumlich begrenzten Set hat die Crew ganz offensichtlich zusammengeschweißt, nicht zuletzt auch wegen zahlreicher absurder Alltags-Momente. Ben: “Um aufs Klo zu gehen, musste man einen endlosen Weg an die Oberfläche in Kauf nehmen.“ Perdita ergänzt: “Der Einstieg zu dem Tunnel, in dem wir drehten, war im Keller eines Krankenhauses. Oft kamen Ben und ich für eine Zigarette zwischendurch nach oben, voll mit Dreck und Kunstblut. Mehrmals mussten wir den Krankenschwestern erklären, dass es uns bestens geht.“

Thematisch schlägt der Film einen Bogen von seinem alchemistischen Ausgangspunkt zur Selbstfindung seiner Charaktere, die in den Katakomben mit ihren Urängsten und Verfehlungen der Vergangenheit konfrontiert werden. Für John Dowdle ist das ein durchaus persönlicher Aspekt seines Films: “In meinen Zwanzigern habe ich mich vor vielen Dingen versteckt, vor denen ich Angst hatte – bis ich mich entschloss, sie zu konfrontieren. Das war eine wichtige Entwicklung für mich. Daher kam die Idee einen Film zu drehen, in dem es um die Konfrontation mit den Ängsten des Lebens geht.“ Drew hat eine andere Erklärung: “Das Konzept der Reinigung der Seele von vergangenen Sünden ist einerseits mit dem Mythos des Steins der Weisen verknüpft, andererseits liegt es uns vielleicht auch wegen unserer Jugend in einem katholischen Internat so nahe.“

Der Trip ins Ungewisse fordert erste Opfer

Für ihr nächstes Projekt haben sich die Brüder von den ungemütlichen Pariser Unterwelten in heikles politisches Terrain begeben: “The Coup“ erzählt von einer amerikanischen Familie in einem fremden Land, die nach dem Umsturz der dortigen Regierung um ihr Leben fürchten muss. “In unseren Filmen geht es um Krisen, die überwunden werden müssen“, fasst John schlicht zusammen und fügt lachend hinzu: “Unsere Protagonisten tragen am Ende des Films meist noch die gleiche Kleidung wie zu Beginn – sie ist dann nur zerrissen und blutverschmiert.“

  • von Tim Lindemann




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