Passend zum baldigen Start beim 20. Fantasy Filmfest in acht deutschen Städten, haben wir Drehbuchautor Florian Puchert und Regisseur Robert Krause zur deutschen Horror-Hoffnung Blood Trails befragt. Warum Blood Trails die große Chance für deutsche Horrorfilme sein könnte, erfahrt Ihr neben vielen weiteren Details im Interview. Zur Story: Anna verdient sich als Kurrier eine goldene Nase und will noch eben eine Lieferung absenden. Als sie auf einen Mann mit dem Namen Chris trifft, findet sie sich plötzlich in dessen Apartment wieder. Am nächsten Tag will sie trotz Kater und Unwissen über die vorigen Nacht ein romantisches Wochenende mit ihrem Freund in den Bergen verbringen. Als das Liebespaar ankommt, wird ihr Freund kaltblütig ermordet. Anna muss nun um ihr eigenes Leben kämpfen. 

 

Interview von Torsten Schrader

Mit:

Robert Krause (Buch + Regie)

Florian Puchert (Co-Autor, Junior-Producer)

 

Was hebt Eurer Meinung nach "Blood Trails" von der großen Masse an Horrorfilmen, mit denen wir zur Zeit konfrontiert werden, ab?

Robert Krause:

Ich denke, "Blood Trails" vereint verschiedene Dinge auf faszinierende Art und Weisse. Wir haben das Horrorgenre mit einem fesselnden psychologischem Unterbau versehen und das ganze mit dem Bergfilm der 20er Jahre kombiniert. Bei unserer Premiere in Schottland beim Horrorfilmfest "Dead by Dawn" war die Kraft der psychologischen Komponente deutlich zu spüren. Da saßen Horrorfans 

im Kino, für die "Blood Trails" mitunter der achte oder zehnte Horrorfilm an diesem Wochenende war und so hatte ich eine gewisse Abnutzung des Genres erwartet - aber das Kino war während der Vorstellung mucksmäußchenstill vor Spannung. Der erste Mord hat dann richtig eingeschlagen…

Florian Puchert:

Ich denke, er hat eine originelle, düstere Atmosphäre. Der Film baut auf ein spezielles Verhältnis zwischen dem Opfer und dem Jäger. Schließlich 

Beginnt die Geschichte mit einem Seitensprung, den die Protagonistin mit ihren späteren Peiniger hat. Dieses Verhältnis, die Schuld in Verbindung mit der unverbrauchten, originellen Kulisse der Bergwelt schaffen eine sehr eigene Stimmung, die neben dem physischen Horror auch psychisch Wirkung zeigt. Aber natürlich fließt auch Blut…

 

Woher stammte die Inspiration für "Blood Trails"? Habt Ihr die Story mit einer eigenen Handschrift versehen, oder dürfen wir uns auf Anspielungen bekannter Genregrößen freuen?

Florian:

Die Story beruht auf einer Grundidee von Robert und Kai Schneppel, 

die vor einigen Jahren schon einmal einen Thriller um Mountainbikes entwickelt haben. Der war sehr stark an Spielbergs "Duell" angelegt, wurde jedoch nicht realisiert. Wir haben diese Idee aufgegriffen. Letztlich ist aber durch die Seitensprung, Dreiecks-Thematik ein ganz anderer Grundgedanke in den Vordergrund getreten. Die Idee war also, in einer klassischen Survival-Horror Story neue Aspekte zu finden, den Horror der Vorbilder aber weiter zu transportieren.

Robert:

der Anfang der Entwicklung von "Blood Trails" war mit der Inspiration von anderen Filmen verbunden. Doch waren wir mit dem Ziel aufgebrochen, nicht eine Genrekopie anzulegen oder gar einen Film zu designen, der tolle Effekte mit eine Pseudohandlung verbindet. Wir waren auf der Suche nach einer originären und starken Geschichte. Im Laufe der Entwicklung des Drehbuchs gab es dann den Moment, da Florian und ich uns von unseren Vorbildern lösten und plötzlich bekam die Geschichte eine ganz eigene Kraft die uns mitunter selbst überraschte.

Beim Dreh konnten die Schauspieler und ich viel von dieser Kraft heben und mit ihr arbeiten. Die Schauspielerische Leistung von Rebecca in der Rolle der Hauptfigur "Anne" ist ein gutes Beispiel für diese Quelle.

 

"Blood Trails" wurde komplett in englischer Sprache abgedreht. Wieso kam es zu dieser Entscheidung, und denkt ihr, dass rein deutsche Horrorfilme heutzutage überhaupt denkbar wären?

Robert:

Das war eine ganz simple Entscheidung. Der Film sollte eine Chance auf dem Weltmarkt haben, und da ist nun mal Englisch der Türöffner. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen. "Blood Trails" ist nun, nur wenige Wochen nach Fertigstellung bis auf wenige Länder weltweit verkauft. Die Vorstellung, dass dieser Film in genauso in Südafrika, Thailand, Brasilien und Kanada (...) auf den Markt kommt ist schon irre.

Florian:

Das ist wirklich in erster Linie eine verkaufstechnische Entscheidung gewesen. Als deutschsprachige Produktion hat man mit einem Genre- Film fast keine  Chancen auf dem Weltmarkt. Da unsere Story inhaltlich in  keiner Weise eine deutsche Identität gefordert hat und in jedem Land mit entsprechender

Bergkulisse spielt, haben wir uns recht schnell entschieden, den Film auf Englisch zu drehen. Ich würde nicht komplett ausschließen, dass man mit der richtigen Thematik einen deutschsprachigen Horrorfilm erfolgreich produzieren kann, aber dann müsste sich der Film schon im deutschsprachigen Raum finanzieren lassen. Man muss bedenken, dass wir unsere Horrorfilme komplett unabhängig finanzieren und keinerlei Fördermittel oder Senderunterstützung bekommen, die normalerweise für eine deutsche Kinoproduktion unverzichtbar sind. Gleichzeitig ist "Blood Trails" aber sehr wohl eine heimische Produktion: Die K5 Film war unter dem Banner Anormal Pictures alleinige Produktionsfirma, wir hatten ein deutsches Team und es wurde zu großen Teilen in Deutschland (der Rest in Österreich) gedreht.

 

Bei den Cannes Filmfestspielen habt Ihr "Blood Trails" Interessenten vorgestellt. Wie fällt Euer Fazit aus?

Florian:

Wir sind sehr zufrieden, da sich der Film in praktisch alle Territorien (inkl. UK, Spanien, Frankreich, Italien, Kanada, Japan, Russland, etc.) verkauft hat. Für Nordamerika, UK und den deutschsprachigen Raum stehen wir / bzw. Imagination noch in Verhandlungen.

 

Robert, mit "Blood Trails" lieferst du deinen ersten Spielfilm ab. Was war für dich der wichtigste Aspekt um dich auf die Dreharbeiten vorzubereiten?

Robert:

Für mich gibt es beim Dreh eines Films drei wichtige Dinge, die man losgelöst gar nicht betrachten kann: 1. eine gute Story als Fundament, 2. faszinierendes Schauspiel und 3. eine packende Bildästhetik. Diese Dinge greifen unbedingt ineinander. z. B.: ohne gute Story, selten gutes Schauspiel, und ohne gute Story oder ohne gutes Spiel ist gute Bildästhetik einfach nur hohl ... (da gibt es tausend Beispiele) Und so habe ich z.B., um meinen Schauspielern ein perfektes Fundament zu geben, am Morgen vor jedem Drehtag die jeweiligen Szenen noch einmal "angefasst" und zum Teil noch mal gewaltig umgeschrieben. Das war perfekt. Ich war "drin" in der Geschichte und konnte alles bisher 

Gedrehte und die Erfahrungen mit den Schauspielern mit einfließen lassen. Und da die Schauspieler dann mit etwas neuem konfrontiert wurden, blieben sie auch wach und aufmerksam. Und so machte dann die Kameraarbeit auch richtig Spaß. Aber auch da haben wir uns so frei wie möglich gemacht, um der Magie, die beim Drehen entsteht, Raum zu geben. Wir hatten den größten Teil des Film vorher geboardet, d.h. gezeichnet, und dennoch war ich bedacht, die nötige Freiheit zu haben, am Set neue Ideen einfließen zu lassen und so lag dann an manchen Tagen das Storyboard unbeachtet in der Ecke ...

 

Florian, mit Abnormal Pictures habt ihr euch auf den Leib geschrieben, deutsche Genrefilme für den internationalen Markt zu produzieren. Was kommt nach "Blood Trails“, und vor allem, wie sieht die Zukunft des deutschen Horrorfilms aus?

Florian:

Auf den ersten Teil der Frage, kann ich Dir eine sehr schnelle Antwort geben: Wir haben mehrere Projekte in verschiedensten Entwicklungsstufen und Budgetierungen in Entwicklung. Der nächste Film steht allerdings schon fest. Er wird "The Garage" heißen und im Herbst diesen Jahres gedreht werden. Es handelt sich dabei um eine recht drastische Horrorstory, die man irgendwo zwischen "Saw" und "Texas Chainsaw Massacre" platzieren kann. Wir haben hierbei auch schon wieder den US-Vertrieb Imagination Worldwide mit an Bord, die bereits bei "Blood Trails" großartige Arbeit geleistet haben.

Zum zweiten Teil der Frage: Abnormal Pictures ist natürlich die Zukunft des deutschen Horrorfilms ;)! Aber im Ernst, das ist auf ganz Deutschland bezogen schwierig zu sagen. Ich denke, dass wir zu einer günstigen Zeit angefangen haben und bin der festen Überzeugung, dass wir mit niveauvollen Produktionen auf dem Weltmarkt bestehen können. Wir haben auf jeden Fall viel vor und es würde mich sehr freuen, wenn die Fans honorieren, dass wir aus Deutschland heraus produzieren.

 

Obwohl es in den letzten Jahren deutlich einfacher geworden ist, einen blutigen Film mit einem vermarktbaren Rating durch die FSK zu bekommen, ist die Freiwillige Selbstkontrolle dennoch die letzte Hürde, die ein Horrorfilm hierzulande stemmen muss. Wie sieht der Gewaltpegel in "Blood Trails" aus?

Florian:

Mmh, schwer einzuschätzen, wie die FSK auf "Blood Trails" reagieren wird. Der Film ist nicht gerade zimperlich in seinen Gewaltdarstellungen. Ich denke aber, dass das sehr intensive und psychisch grausame Finale ausschlaggebend für die Entscheidung der FSK sein wird. Ich kann mir aber angesichts der Freigaben ohne zusätzliche Schnittauflagen für Filme wie "Hostel", "The Hills Have Eyes", etc. nicht vorstellen, dass wir ernsthafte Probleme bekommen werden.

 

Die Jungs von "Chris Creatures" (BloodRayne) waren für die Effekte im Film zuständig. Handgemacht oder im Computer entstanden?

Robert:

Fast alles Handmade. Tommy von Chris Creatures hieß bei uns am Set nur Mr. Blood. Er ist auf seinem Gebiet ein wahrer Künstler und obwohl SFX beim Dreh unglaublich zeitaufwendig ist (ein misslungener Take und man muss die Schauspieler und das Set für den nächsten Take komplett cleanen), sieht's in den meisten Fällen einfach besser aus - zumal wenn man einen Filou wie Tomy am 

Set hat - und so haben auch wir fast alles beim Dreh gelöst. Nebenbei hatte das auch eine recht komische Komponente: Da wir in der Bergen oft keine Totalsperrung des Sets hatten, gab es nicht selten Zuschauer ... Irgendwelche Wanderer, die auf der Suche nach der Schönheit der Natur dann doch den Blick von Tomys Arbeit nicht lassen konnten ... Nur einmal haben wir tricksen müssen. Die Szene am Gipfelkreuz haben wir nur teilweise an einem echten Kreuz gedreht, alle "bösen" Bilder sind nachträglich gebaut, da wir kein echtes, geweihtes Kreuz besudeln wollten.

 

Mit welchem Budget konntet Ihr bei der Produktion haushalten?

Florian:

Knapp 1 Mio US Dollar.

 

Wie steht Ihr zu den "neuen Größen des Horrors", also Filmemachern wie Eli Roth, Alexandre Aja, James Wan, Darren Lynn Bousman, Rob Zombie?

Florian:

Ich finde es generell toll, dass sich neue Regisseure mit einer erkennbaren Handschrift etabliert haben, die ihre sehr eigenen Horrorvisionen auf die Leinwand bannen. Ich finde, die Qualität der Filme genannter Regisseure ist sehr hoch, gerade was die visuelle Gestaltung angeht. Klar gibt es Präferenzen. So kann ich persönlich mit Rob Zombies Filmen nicht soviel anfangen und schätze dafür die Inszenierung von Aja sehr. Und James Wan und Darren Lynn Bousman muss ich mit "Saw" wirklich den cleversten Thriller / Horrorfilm seit Langem zugestehen! Ich denke man sollte auf jeden Fall auch Neil Marshall mit auf die Liste setzten. "The Descent" fand ich schon herausragend.

 

Das Horrorgenre befindet sich nicht nur in Deutschland in einem regelrechten Boom-Zustand. Was schätzt Ihr, wie lange wird es noch dauern, bis das Interesse der Kunden abebbt?

Florian:

Auch hier ist es ganz schwer Prognosen zu Treffen. Der Horrorfilm befindet sich ja seit Mitte der 90iger wieder im Aufschwung. War's zuerst ein augenzwinkerndes Slasher-Revival, dann der übernatürliche Horror, der sich wunderbar mit dem J-Horror verbündet hat, sind's momentan eben sehr handfeste Horrorstreifen, wie man sie seit den späten 70ern nicht mehr in den Kinos gesehen hat. Ich glaube, dass für das Genre immer eine Offenheit und ein Interesse besteht. Die Form der Filme wird sich ändern, aber an einen bevorstehenden Zusammenbruch des Genres glaube ich nicht. Die Schwankungen des Zuschauerinteresses trifft natürlich auch die teuren Hollywood-Produktionen, die mit enormen Werbebudget an den Start gebracht werden, am schnellsten und härtesten. Kleinere Produktionen sind hier etwas beweglicher. Aber natürlich bleibt es immer sehr wichtig, mit aller Kraft nach innovativen Ideen zu suchen. Stagnation setzt auch im Horrormarkt immer dann ein, wenn ein Erfolgskonzept zu Tode kopiert wird.




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