Im Interview - KIM SØNDERHOLM

Von Janosch Leuffen

Herr Sønderholm, warum wollten Sie bei CRAIG die Regie und ebenso die Hauptrolle übernehmen und wie haben Sie zu der Geschichte des Films gefunden? Haben Sie womöglich solche Erfahrungen schon in Ihrem privaten Leben gemacht?
Haha, nun, ich habe noch Niemanden umgebracht, aber ich denke, was Craig passiert sind wohl die schlimmsten Ängste, die dem Menschen widerfahren können. Diese Idee schwirrte mir schon seit einigen Jahren im Kopf herum und ich habe immer gedacht, dass es interessant wäre, zu sehen, was einen Mann über die Grenze zur Verrücktheit oder dazu bringt, anderen Menschen unaussprechliche Gewalt anzutun. Ich war schon immer ein großer Horrorfan, aber ich wollte versuchen, das Ganze etwas tiefgründiger als simple Slasher mit einem Killer, der irgendwelchen Unschuldigen grundlos hinterher jagt, zu inszenieren. Mein Charakter sollte einen Hintergrund und ein Motiv haben (auch wenn es keine logischen Gründe gibt für das, was er tut, aber ein Grund warum er so wird) und ich habe versucht, einen Charakter aufzuzeigen, für den man auch Mitleid empfindet, auch wenn er schlimme Dinge tut. Im Grunde wollte ich sehen, wie weit ich gehen kann bis man absolut kein Verständnis mehr für sein Handeln aufbringen kann. Ich wollte auch schon immer solch einen Charakter spielen, weshalb ich die Rolle auch selber mit mir besetzen wollte. Da ich auch noch die Regie übernommen habe, konnte ich den Film nach meinem persönlichen Geschmack kreieren.

Was macht Craig falsch, was könnte er besser machen?
Er ist ein sehr einsamer Kerl, der sich von den Leuten, die ihn umgeben, gestört fühlt. Er hat nur einen Freund, ein Kerl namens Cliff, der hat aber genügend eigene Probleme. Craig hat seine Familie in einem Feuer verloren und er nimmt Nervenmedizin und verliert diese auch. Craig ist allein und weiß nicht, wie man Frauen anmacht, jeder in seiner Umgebung ignoriert oder meidet ihn. Er ist wie ein Mann, oder man kann sogar sagen ein kleiner Junge, der in eine Welt eintritt, die er nicht versteht und in der er nicht verstanden wird und die ihn ignoriert, als wäre er ein Außerirdischer. Einer dieser Menschen, der sterben kann und niemand würde es bemerken, bis der stinkende Leichnam gefunden wird. Eine traurige Geschichte. Ich persönlich denke, dass es aber auch einige lustige Szenen in CRAIG gibt. Vermutlich extrem schwarzer Humor, aber immer noch Humor. Ich möchte jetzt nicht mehr sagen, man muss den Film sehen, um es zu wissen, aber ich vermute, wenn die Welt so wäre wie Craig sie sieht: uns Menschen würde eine böse Zukunft erwarten. Es ist nicht in erster Linie ekelig oder blutig, viel mehr versuchte ich, eine klaustrophobische Atmosphäre zu schaffen.

Warum wählten Sie den Namen „Craig“? Gibt es da einen Zusammenhang mit der Droge „Crack“?
Haha, gute Frage. Um ehrlich zu sein habe ich daran noch gar nicht gedacht, aber das ist eine nette Idee. Nein, ich mochte diesen Namen irgendwie und das ist der Grund. Es gibt da keine Doppeldeutigkeit, obwohl ich jetzt in zukünftigen Interviews behaupten kann, dass ich eine Doppeldeutigkeit im Sinn hatte, dank Deiner Idee, haha…


Wo sehen Sie die Gesellschaft im Moment?
Oh je… Nun, Du hast den Film gesehen und vielleicht festgestellt, dass ich versucht habe, verschiedene soziale Anspielungen auf die Gesellschaft zu geben… Und ja… Und nein… Cliffs Charakter spricht über all die schlechten Dinge in der Welt, Craig spricht nicht darüber, aber er durchlebt sie. Offensichtlich befinden sich beide Charaktere in einem Extrem, denn wenn die Gesellschaft wirklich so schlecht wäre, wie sie sagen, würden wir ein Problem haben. Aber das sagt, dass ich definitiv denke, dass die Leute kälter und kälter untereinander werden. Menschen kümmern sich um keinen als um sich selbst. Es gibt mehr depressive Menschen mit psychischen Problemen und Ängsten als jemals zuvor, die Anzahl der Körperverletzungen, Angriffe und Vergewaltigungen nimmt immer mehr zu, und niemand hilft dem anderen wirklich, außer wenn es dabei um sich selbst geht. Die Gesellschaft hat in vielen Wegen die Barmherzigkeit unter den Menschen betäubt. Ich meine, wir haben diese Erfahrung erst gemacht, als wir einige Nachtdrehs in Kopenhagen am frühen Sonntagmorgen hatten. Eine Gang hat uns ohne Grund attackiert. Sie wollten unser Equipment nicht klauen; sie nahmen es, zerschmetterten es auf dem Bürgersteig und verpassten uns einige dicke blaue Flecken. Ich verstehe diese Denkweise nicht, aber ich nehme an, dass die Leute einfach nur gelangweilt sind und sich irgendetwas suchen, was sie reizt. Es ist beschämend, dass ihr Gehirn nicht etwas Kreativeres herausbringt als Unwesen zu treiben. Ich glaube, ich kann das einfach nicht verstehen, ich hab’s echt aufgegeben. Ich genieße Gewalt in Filmen, das dient gewöhnlich zur Unterhaltung, aber Gewalt im realen Leben ist etwas komplett Anderes und überhaupt nicht lustig. Ich habe also versucht, dass Ganze in CRAIG ein wenig aufzuzeigen, aber nicht an die große Glocke zu hängen. Ich möchte nicht, dass die Leute denken, ich würde mit dem Finger auf sie zeigen, denn das mache ich nicht. Ich denke nur, dass diese Dinge einmal angesprochen werden sollten.

Sie haben bereits viele Filme gedreht, meistens standen Sie dabei als Schauspieler vor der Kamera. Was macht Ihnen mehr Spaß? Regie zu führen, zu schauspielern oder Drehbücher zu verfassen und warum?
Ich glaube, ich bin schon viel rum gekommen, habe noch nicht viel für’s Fernsehen gemacht, hauptsächlich Filme. Ich liebe es, zu schauspielern, das ist meine Lebensmission… Wenn man das so sagen kann, ohne zu klingen wie ein Geistlicher, haha… Das ist mein Beruf und ich möchte es machen, solange es mir Spaß macht. Regie führen und Schreiben ist ein ziemlich neues Ding für mich. Ich habe immer gesagt, dass ich keine Regie führen möchte, aber ich glaube, ich habe meine Meinung geändert als ich einmal damit angefangen habe. Es ist ein sehr aufregender und kreativer Prozess und wenn ich einmal drin bin tendiere ich dazu, alles um mich herum zu vergessen, die Zeigt fliegt nur so…

Können Sie die Unterschiede zwischen einem Drehbuchautor, einem Regisseur und einem Schauspieler einmal verdeutlichen?
Öh… Ja… Der Regisseur befindet sich hinter der Kamera und der Schauspieler davor, haha… Nein, ernsthaft, für mich ist das ein großer Misch Masch… Nun, offensichtlich war es eine enorme Umstellung, aber man sollte die Vorteile nicht vergessen, die daraus entstehen, weil ich genau weiß, was ich will und das würde das keinem anderen Schauspieler abverlangen. Ich wusste, wo und was ich in den Szenen bin und würde nicht stundenlang da sitzen und ewig lesen, um es richtig hinzubekommen. Offensichtlich nimmt das alles mehr in Anspruch, wenn man Regie führen und schauspielern muss, es war eine gewaltige Aufgabe für mich, aber ich würde es jeder Zeit wieder tun. Kann man Prioritäten setzen? Nein – als ich hinter der Kamera stand, führte ich Regie und als ich vor der Kamera stand, spielte ich. Ich danke den extrem guten Produzenten, die mir alle Freiheiten ließen und mir 100%iges Vertrauen schenkten.

Welches Filmgenre mögen Sie am liebsten und warum?
Ich mag eigentlich alle Genres. Drama, Horror, Komödie, Action, alles… Aber ich finde, dass man bei Horror und Action am meisten Spaß hat, Regie zu führen… Zur Zeit jedenfalls… Aber ich würde auch gerne eines Tages mal ein Drama machen. Ich habe in vielen Dramen mitgespielt, allerdings bisher noch bei keinem die Regie übernommen.


Worin sehen Sie den Unterschied, Filme in Dänemark und in Hollywood zu produzieren?
Ähm, nun, das ganze Hollywood-Ding ist ein großes System und eine gigantische Industrie, wo man sich keine Fehler erlauben darf. Du hast ein Budget von Millionen und Abermillionen, und ich nehme an du stehst unter großem Druck. Ich kann das nicht genau sagen, ich war noch nie ein Teil einer bedeutenden Hollywood-Produktion, aber ich würde es gerne eines Tages mal versuchen. In Dänemark Filme herzustellen ist etwas anderes. Ich meine, ein typisch dänischer Film kostet für gewöhnlich zwischen einer und zwei Millionen Dollar und wenn man das mit Hollywoodfilmen vergleicht ist das ungefähr das Geld, was ein Catering für die gesamte Crew kostet. In Betracht darauf nehme ich an, dass alle Filme Dänemarks Low-Budget-Filme sind. Ich hatte eben solche Summen nicht, als ich CRAIG produziert habe. Uns standen viel (!) weniger Geldmittel zur Verfügung – vergiss es, ich werde Dir nicht sagen, wie hoch unser Budget war, haha – aber ich denke, dass wir dennoch gut damit klar gekommen sind. Ich bin sehr zufrieden mit dem Resultat.

Hollywood produziert neuerdings Remakes zu Filmen, die noch nicht mal in den Kinos liefen. Wenn Hollywood zu Ihnen kommen und sagen würde: „Wir werden ein Remake zu CRAIG machen.“, wie würde Ihre Antwort lauten?
Wir befinden uns zur Zeit auf einer traumhaften Reise. Offenbar würde ich ja sagen, aber ich würde die Bedingung stellen, dass ich beim Remake ebenfalls die Regie übernehme und die Hauptrolle spiele – ich denke in diesem Fall würde ich zunächst alle Gründe, dass Ding neu zu verfilmen, wegwischen. Außerdem ist es in Englisch, also würde da kein Problem bestehen. Wo wir gerade über Remakes sprechen, ich finde es sehr berechenbar wie Hollywood immer weiter Remakes ausspuckt. Ich meine, die Neuverfilmungen schlagen die Originale eh nicht, also warum das alles? Sie behaupten, dass sie sie „aktualisieren“, aber in den meisten Fällen machen sie einfach eine billige B-Version vom Original. Wenigstens ein paar von diesen Remakes bringen etwas Neues in den Film mit ein, wie es zum Beispiel James Gunn tat, als er „Dawn of the Dead“ geschrieben hat, oder Alexandre Aja mit seiner Version von „The Hills Have Eyes“. Aber allgemein ist es eine Schande. Ich meine, hast Du davon gehört, dass sie jetzt „Freitag, der 13.“ neu machen wollen? Was denken die sich bloß? Vor einigen Jahren wollte auch irgendwer „Predator“ wieder aufnehmen. Im Grunde ist alles, was Hollywood in diesen Tagen bringt, nur Remakes von alten amerikanischen oder ausländischen Filmen und Sequels zu alten Hits. Nichts ist heilig im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wo sind all die Ideen hin? Kann ja auch keine geben, weil Hollywood neue Schreiber braucht. Ich kenne verschiedene Autoren, die Arbeit suchen. Ich denke, dass sie einfach nur auf Nummer Sicher gehen. Ich nehme an, dass sie mehr an ihr Geld als an ihr Publikum denken. Offensichtlich gibt es dennoch einige Regisseure, die mit etwas Neuem ankommen. Vor denen ziehe ich den Hut, weil es definitiv immer seltener und seltener wird… Bedauernswert!

Wenn CRAIG in Dänemark erfolgreich werden sollte, könnten Sie sich schon vorstellen, wie es in Zukunft mit CRAIG und Ihnen weiter gehen wird?
Nun, meine Schauspiel-Karriere läuft sehr gut in Dänemark, ich denke nicht, dass sich da in naher Zukunft viel ändern wird, und das ist gut so. Ich hoffe auch, dass es für mich möglich ist, außerhalb von Dänemark zu drehen und mehr Sachen zu machen. Im letzten Jahr war ich in Großbritannien und habe fünf Filme gemacht, ein Kanadisch-Deutsches Projekt in Polen und eins in den Staaten, sie befinden sich alle in der Post-Produktion. Ich möchte einfach das fortführen, was ich liebe, und das ist schauspielern und Filme zu produzieren. Ich mag, wie der Indie-Film weiter vorankommt. Um ehrlich zu sein, leere Hotelräume und Wohnwagen haben mich nie wirklich angesprochen, hehe.


Haben Sie ein Idol, vielleicht einen Schauspieler oder Regisseur?
Hmm, ich glaube nicht an die Vergötterung von Menschen. Wir alle sind Menschen. Es ist ziemlich „gefährlich“, vermute ich, weil man dazu tendiert, seine Idole zu „kopieren“, wenn man spielt, und das lässt deine Persönlichkeit in der Performance verschwinden. Aber doch, es gibt einige Leute, die ich wirklich sehr gerne mag. Natürlich sind es alle Schauspieler: DeNiro, Pacino, Nicholson, Brando… Ich bewundere Edward Norton sehr, ich finde ihn fantastisch. Johnny Depp ist ein Genie, wenn es darum geht, Charaktere zu kreieren – dieser Kerl ist einer derjenigen, die übertrieben spielen können (positiv gemeint!) und damit ohne Probleme klar kommen (das ist wirklich als Kompliment gemeint, auch wenn es sich nicht so anhören mag). Ich denke, das sind die dramatischen Darsteller und A-Schauspieler. Ich mag auch viele Schauspieler aus anderen Genres, aber das kommt eher daher, weil ich die Charaktere mag, die sie verkörpern.

Vielen Dank für das ausführliche Interview!
Ich bedanke mich für’s Lesen! Wenn Ihr auf dem Laufenden bleiben wollt, was ich in nächster Zeit tue, besucht meine Webseite www.sonderholm.net/en oder schreibt mir ein paar Worte unter www.myspace.com/sonderholm.
Passt auf Euch auf.


Mehr zum Film CRAIG findet Ihr unter www.craigthemovie.com

 




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