SAW 4 - Interview

Tobin Bell

 

Frage: Mr. Bell, eigentlich sind Sie im dritten Teil der "Saw"-Reihe aus der Geschichte ausgeschieden. Warum sind Sie beim vierten Teil trotzdem wieder dabei?

Tobin Bell: Ich kann nur verraten, dass man die Gründe dafür bereits in der ersten Szene des vierten Teils erfahren wird. Da wird erklärt, warum ich noch mitspielen darf. Ich bin sehr froh, noch Teil der Geschichte sein zu können. Ich mag die bizarre und sonderbare Art und Weise, wie wir manchmal Entscheidungen in letzter Sekunde treffen. Denn die Geschichte, die wir anfangs im Drehbuch festlegt haben, unterscheidet sich oft ganz gravierend von dem, was wir am Ende drehen. Deswegen arbeite ich auch so gerne mit Darren: Er ist nicht nur flexibel, sondern hat auch die Qualitäten, die eine gute Führungskraft auszeichnen. Er nutzt die Ideen derer, die für ihn arbeiten.

Frage: Eine mögliche Erklärung für Ihre erneute Beteiligung ist, dass Jigsaw einen Bruder hat, den Sie nun spielen...

Bell: Das haben schon einige vermutet. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich weder einen Zwilling noch einen Onkel von Jigsaw oder ähnliches spiele.

Frage: Verraten Sie uns wenigstens soviel: Werden wir einen Jigsaw mit neuen Wesenszügen erleben?

Bell: Ich persönlich habe Jigsaw noch nie als seltsam handelnde oder diabolische Person gesehen. Da er sich selbst nicht so sieht, denke ich als Schauspieler auch nicht in diesen Kategorien. Ich erlebe die Dynamik der Rolle mit den Situationen, in denen ich ihn spiele. Im Drehbuch des dritten Teils etwa war nicht die Rede davon, dass Jigsaw irgendeine Art von Beziehung zu Amanda aufbaut, aber es hat sich im Verlauf der Dreharbeiten trotzdem so ergeben. Alles ergab sich durch Berührungen, Blicke, Gefühle und andere situative Momente. Wenn man diese Form der Realität als Schauspieler kreieren darf, ist das ein wahrer Segen. Wenn solche Szenen auf Kamera festgehalten werden und dazu noch die Hürde des Schneideraums überspringen, ist das ein sehr befriedigendes Gefühl für mich.

Frage: Erlaubt die Geschichte des vierten Teils auch wieder diese Form von Improvisation?

Bell: Ich improvisiere als Schauspieler immer, wenn auch oft nur in einem sehr kleinen, gegebenen Rahmen. Auf der Schauspielschule wurde uns beigebracht, unseren Impulsen zu folgen. Aber wenn man das wirklich bedingungslos am Drehort umsetzen würde, käme eine Szene wohl nie zustande. Also macht man es im Rahmen seiner Möglichkeiten. Man ist als Schauspieler nämlich in erster Linie dazu da, den Bedürfnissen der Techniker gerecht zu werden. Es ist immer wieder überraschend, wie wenig es im TV und bei Filmarbeiten um die Schauspielerei an sich geht. Licht, Kamera, Ton: Ein Großteil meiner Arbeit spielt sich auf technischer Ebene ab. Deswegen ist der Rahmen, in dem ich improvisieren darf, oft sehr klein.

Frage: Wie verleihen Sie der Rolle sonst noch Glaubwürdigkeit?

Bell: Ich lege mir eine Biographie zurecht und stelle meiner Figur ganz essenzielle Fragen: Wer bin ich? Wo bin ich? Was will ich, und warum – und wie bekomme ich es? Für die Beantwortung einer einzigen Frage könnte ich bis zu fünfzig Seiten schreiben, die dann wieder vier neue Fragen aufwerfen. So komme ich der Rolle nach und nach näher.

Frage: Seit dem zweiten Teil gab es bei Jigsaw immer wieder Menschen, zu denen er auf eine besondere Art und Weise eine enge Bindung hatte. Wird sich dieses Prinzip im vierten Teil fortsetzen?

Bell: (überlegt lange) Es gibt im vierten Teil einen Menschen, dem wir vorher noch nicht begegnet sind und der das exakte Gegenteil von Jigsaw darstellt. Es gibt eine ganze Menge Menschen, die viel darüber reden, was ihnen wichtig ist – und trotzdem nicht dementsprechend handeln. Jigsaw dagegen macht immer einen Schritt vorwärts und tut, was er zu tun hat, egal ob das nun richtig oder falsch ist. Jigsaw ist extrem gebildet, ein Philosoph und studierter Chemiker. Er hatte in seinem früheren Leben alles, was ein Leben lebenswert gemacht hat. Aber sein Gegenüber, dem er im vierten Teil begegnen wird, hatte nie dergleichen, er gehört zu den Losern unserer Welt. Es prallen also zwei gegensätzliche Lebensweisen aufeinander, die unter anderem in einem sehr interessanten Dialog zum Ausdruck kommen werden.

Frage: Welche guten Grund können Sie Unschlüssigen geben, sich auch noch einen vierten Teil von "Saw" anzusehen?

Bell: Es gibt ein fantastisches, absolut sehenswertes Ende.

Frage: Kann es mit dem des ersten Teils mithalten?

Bell: Ja. Was die "Saw"-Filme neben den vielen Fallen, blutigen Szenen und Todesarten so besonders macht, ist die Intelligenz der Geschichte, die alles andere in den Schatten stellt. Das Filmerlebnis ist vergleichbar mit dem Hören einer Symphonie: Es beginnt mit einem lauten, sehr pompösen Teil, geht über in ein sanftes, entspannendes Mittelstück und schwillt dann plötzlich und unerwartet wieder an. Dieses Schema hat wohl großen Anteil am Erfolg der Filme.

Frage: Wie würden Sie die Intelligenz der "Saw"-Filme umschreiben?

Bell: Die Geschichte spielt sich auf verschiedenen Ebenen ab. Es gibt philosophische Fragestellungen, die den Menschen etwas über das Leben beibringen. Ein Beispiel ist die Erklärung der Tatsache, dass die Entwicklung der Menschheit in den vergangenen Jahrhunderten dem Prinzip gefolgt ist, dass nur die Stärksten überleben. In unserer Gesellschaft hat sich das abgewandelt. Dank Lügen und Betrug überleben jetzt auch die Mittelmäßigen, und das regt Jigsaw fürchterlich auf. Diese Theorie, die relevant ist, um Jigsaws Psyche zu verstehen, bringt auch andere Leute dazu, über ihr Verhalten nachzudenken. Die Frage, ob man sein Leben anders leben würde, wenn man den genauen Zeitpunkt seines Todes kennen würde, hat sogar zwölfjährige Kids beeindruckt. Wenn ich auf "Saw" angesprochen werde, scheint all das mehr zu begeistern als die absurdesten Fallen.

Frage: Trotzdem stellt sich die Frage, ob junge Menschen so gewalttätige Filme überhaupt sehen sollten.

Bell: Es liegt meiner Meinung nach im Verantwortungsbereich der Eltern, zu entscheiden, ob ihre Kinder unsere Filme sehen sollten oder nicht. Es ist das gute Recht eines jeden, sich unsere Filme nicht anzusehen, weil er sie für geschmacklos oder zu brutal hält.

Frage: Wächst der Erwartungsdruck bei einem vierten Teil?

Bell: Es kommt mir so vor, als ob das wachsame Auge der Welt auf unser Projekt gerichtet ist. Wir haben die verdammte Verpflichtung, dem gerecht zu werden. Das Drehbuch wurde präzise ausgearbeitet, um frisch und überraschend zu wirken, und ich tue mein möglichstes, so echt wie nur irgendwie möglich zu spielen.

Frage: Stehen weitere Teile zur Debatte?

Bell: Warten wir ab, was das Publikum über Teil vier denkt. Ich würde mich selbst nicht gut fühlen, wenn wir es nicht schaffen, wieder die höchste Qualität abzuliefern. Wenn der vierte Teil allerdings gut ankommt, erwarte ich einen fünften Teil. Es ist wie Harry Potter: Wenn es Aspekte einer Geschichte gibt, die noch nicht erzählt wurden, und ein Publikum vorhanden ist, das daran Interesse findet, erfüllen wir doch den Grundzweck des Kinos!

Frage: Jigsaw ist inzwischen eine weltbekannte Kultfigur. Sind Menschen bei Ihrem Anblick schon einmal in Panik ausgebrochen?

Bell: Es kommt vor, aber nur sehr selten. Ich erinnere mich an eine Nacht in Toronto, als ich mein Hotel verließ, um mir etwas zu Essen zu holen. Als ich eine relativ verlassene Bar betrat, wich die Bedienung völlig verschreckt in die hintere Ecke des Raumes zurück und stammelte: "Nein, nein!" Ich lachte und antwortete: "Ist doch nur ein Film!" (lacht)

Interview geführt von Rico Pfirstinger

 




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