Hallo Herr Eisner. Mir ist aufgefallen, dass "The Crazies" schon das zweite Remake eines Romero-Films ist, das einen Johnny-Cash-Song im Vorspann hat...

Endlich fragt mal jemand danach! Also: Ich hatte völlig vergessen, dass das "Dawn Of The Dead"-Remake auch einen Cash-Song am Anfang hatte; ich habe das Stück "We'll Meet Again" aus einem ganz anderen Grund ausgewählt, nämlich als Hommage an den Film "Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben" - dort läuft eine Version des Songs zu einer Montage von Atombombenabwürfen. Ich finde, das passt gut in den Kontext von "The Crazies". Damit habt ihr übrigens absolut exklusive Informationen, das hat, wie gesagt, noch niemand gefragt. [lacht]

War die Tatsache, dass Romeros Original "The Crazies" weniger bekannt ist, eher ein Vor- oder Nachteil bei der Produktion deines Films?

Für mich war das eher ein Vorteil. Es gibt beim Dreh eines Remakes immer zwei Dinge zu beachten. Erstens: Gibt es etwas, dass man an dem Original hätte besser machen können? Einen perfekten Film muss man meiner Ansicht nach nämlich nicht neu verfilmen. Zweitens: Ist der Film auch heute noch relevant? Und während der alte "The Crazies" eine Reaktion auf den Vietnamkrieg und die Macht des Militärs war, ist unser Film nun eher ein Kommentar auf die Post-9/11-Stimmung und den Irakkrieg. Es war befreiend, nicht an so große Erwartungshaltungen gebunden zu sein, da viele Menschen den Film gar nicht kennen. Ich wollte dem Original zwar treu bleiben, aber auch meine eigenen Vorstellungen integrieren. Unsere Version ist also ein komplett anderer Film geworden, hält das Original aber in Ehren.


Aber einen gewissen Druck wirst du wohl schon verspürt haben. Auch wenn "The Crazies" nicht eines seiner bekanntesten Werke ist: Es geht hier immerhin um DEN Romero...

Absolut! Ich meine, verdammt: Ich drehe ein Remake eines George A. Romero-Films! Die Besonderheit an Neuverfilmungen von Romero-Werken ist, dass er an fast keinem seiner alten Filme die Rechte hält. Das bedeutet also, er bekommt weder Geld dafür, noch kann er überhaupt entscheiden, ob die Remakes produziert werden. Bei "The Crazies" ist das anders: An diesem Film hatte er die Rechte und hat sich entschieden, sie für ein Remake zu verkaufen. Er verdient also mit an unserem Film und hat auch seinen Segen gegeben, was mir sehr wichtig war.

Ich habe kürzlich ein Interview mit ihm gelesen, in dem er deinen Film sogar ein bisschen lobt...

Wir haben ihm den Film in Torronto vorgeführt und er war sehr wohlwollend. Er war mit meinen Veränderungen einverstanden und war froh, dass das Remake seinem Film treu bleibt.

Viele aktuelle Horror-Remakes sind ja viel zynischer und bösartiger als die Originale. Auch Romero hat in seine Filme ja gerne mal Comic-artige Elemente eingefügt...

Das stimmt, trifft aber nicht auf "The Crazies" zu. Das Original ist unglaublich düster und zynisch; einige Szenen sind derart finster, dass wir sie unmöglich übernehmen konnten. Das Ende von Romeros Film gehört wohl zu den niederschmetterndsten Filmenden, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe! Die komischen Elemente in diesem Film entspringen wohl eher dem mangelnden Talent der Darsteller, denn man darf nicht vergessen, dass Romero aus Geldmangel fast ausschließlich mit Laiendarstellern gedreht hat. Auch die Effekte erscheinen uns heutzutage teilweise unfreiwillig komisch. Aber abgesehen davon stimmt es durchaus: George ist ein lustiger Mensch, der seine Filme schon immer gerne mit subversivem Humor angereichert hat.


Du hast gerade schon erwähnt, dass auch dein Film durchaus über politische Elemente verfügt. Bei Romero sind die politischen Botschaften ja immer recht explizit ausformuliert. Wie bist du mit diesem Anspruch umgegangen? Gab es da nicht Einschränkungen?

Doch, die gab es. Besonders Romeros alte Filme sind moralische Erzählungen, die immer mit einer politischen Botschaft aufwarten. Es war mir wichtig, dieses Element auch in unseren Film zu übernehmen und eine gewisse Message zu erschaffen. Gleichzeitig konnten wir unmöglich so explizit politisch werden wie Romero in seinen Filmen. Wenn man wie George einen Film für 200.000 Dollar ohne Beteiligung eines großen Studios dreht, kann man im Grunde machen was man will. Wenn man aber einen Film produziert, der von einem großen Studio unterstützt wird und Geld einspielen muss, dann ist man gezwungen, gewisse Kompromisse zu machen, eine Balance zu finden. Unser Film hat also durchaus eine soziale, politische Botschaft, vor allen Dingen ist er aber eine unheimliche, spannende, unterhaltende Achterbahnfahrt.

War es genauso ein Balance-Akt, den
"richtigen" Anteil an filmischer Gewalt zu finden? Es gibt ja schon einige recht deftige Szenen in deinem "The Crazies", ohne dabei selbstzweckhaft zu wirken. Wenn man den Erfolg von ultrabrutalen Filmen wie "Saw" oder "Hostel" betrachtet, fühlt man sich da nicht in der Zwickmühle zwischen der Zuschauererwartung und den eigenen Vorstellungen?

Wenn man einen Horrorfilm drehen will, muss man zunächst einmal entscheiden, was für eine Art von Horror man machen will. Es gibt ja auch innerhalb des Genres große Unterschiede. In Filmen wie "Saw" und "Hostel" geht es eben um die Gewalt an sich und nicht um die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander. Die Typen, die diese Filme machen, sind in ihrem Metier sicherlich tausendmal besser, als ich das sein könnte. Aber ich will solche Filme eben nicht machen. Mich haben schon seit Kindesbeinen die subtilen Schocker beeindruckt, wie etwas "Rosemary's Baby", "The Shining" oder "Der Exorzist". Diese Filme waren zwar teilweise brutal, aber vor allem hatten sie "echte Menschen" als Figuren, die einem nicht von Anfang an völlig egal waren. Es ging diesen Filmen vor allem um ihre spannenden Figuren und deren Beziehungen. Man konnte mit den Helden mitfiebern und hat sich gewünscht, dass sie überleben, anstatt ihnen einen möglichst blutigen Tod zu wünschen.


Ein weiteres Motiv, das du in "The Crazies" benutzt hast, ist der Einbruch des Grauens in den geschlossenen Kosmos einer Kleinstadt. Standen da vielleicht einige der Romane von Stephen King Pate, die dieses Motiv ja auch immer wieder aufgreifen?

Nein, aber ich kann den Vergleich verstehen. Tatsächlich ging es mir darum, eine perfekte amerikanische Kleinstadt zu kreieren, in der es kein McDonald's oder Burger King gibt, sondern wo alles noch recht altmodisch seinen Gang geht und jeder jeden kennt. Es sollte eine dieser Städte sein, in denen ganze Generationen von Familien aufwachsen und leben und dem permanenten Fortschritt mehr oder weniger trotzen. Ich wollte aber keinesfalls eine Utopie oder eine völlig stilisierte Kleinstadt entwerfen. Die Einwohner sind keineswegs perfekte Menschen, sie haben Probleme und Sorgen wie jeder andere auch.

Wie kam es zu der Entscheidung, nicht wie im Original zwischen verschiedenen Erzählperspektiven zu wechseln sondern konsequent der Geschichte der
"Helden" zu folgen?

Das war eine schwierige Entscheidung. In der ersten Fassung des Drehbuchs war der Wechsel zwischen Militär und Bevölkerung wie im Original noch vorhanden. Ich habe dann allerdings aus verschiedenen Gründen die Entscheidung getroffen, darauf zu verzichten. Zum einen finde ich es grundsätzlich viel gruseliger und spannender, die Perspektive des ″Schurken″, in diesem Fall also des Militärs, nicht zu kennen. Außerdem wollte ich mir mehr Zeit für unsere "Helden" nehmen, der Zuschauer sollte sie besser kennen lernen, ihre Handlungen nachvollziehen können.


Du zeigst mit dem Remake großen Respekt vor dem Original. Kannst du trotzdem verstehen, warum viele Fans mit Remakes von Horror-Klassikern generell ein Problem haben?

Absolut. Allerdings würde ich im Fall von "The Crazies" sagen, dass der Film zwar von einem "Kultregisseur" gedreht wurde, aber nicht unbedingt als "Horror-Klassiker" zu bezeichnen ist. Es gibt nicht allzu viele Menschen, die das Original tatsächlich gesehen haben. Das war auch einer der Gründe, warum ich in das Projekt eingestiegen bin: Ich wollte die Zuschauer wieder für Romeros Original begeistern. Was Remakes generell angeht: Ich kenne kaum jemanden, der sich über Carpenters Version von "The Thing" beschwert, obwohl es sich dabei zweifellos um ein Remake handelt. Daher ist meine Meinung, dass es keinen Grund gibt, auf ein Remake zu verzichten wenn man einen Film dank neuer Technologien oder anderer Entwicklungen heute besser machen kann. Ein Film aber, der trotz seines Alters immer noch perfekt funktioniert, muss meiner Meinung nach nicht neu verfilmt werden.

Eine letzte Frage, die mich nach deinen Ausführungen zu Remakes besonders interessiert: Bei deinen nächsten Projekten handelt es sich ebenfalls um Neuverfilmungen großer Klassiker. Was kannst du uns dazu sagen?


Nun, bei "Flash Gordon" handelt es sich nicht wirklich um ein Remake, eher um eine Neuinterpretation der berühmten Comics aus den 30er und 40er Jahren. "Escape from New York" hingegen ist definitiv ein Remake von Carpenters Original. Aber hier gilt das Gleiche wie bei "The Crazies": John Carpenter ist an dem Projekt beteiligt und hat sein Einverständnis gegeben. Außerdem wird unsere Version völlig anders werden. Natürlich muss man bei solchen Klassikern immer vorsichtig sein, aber im Moment ist es nun mal das, was die Studios haben wollen und da wir für und mit den Studios zusammenarbeiten, müssen wir uns damit arrangieren. 

>> geführt und verfasst von Tim Lindemann 




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