Während andere Regisseure wie Wolfgang Petersen und Roland Emmerich Jahre warten mussten, bevor sie in den USA drehen konnten, bekommst du direkt mit deinem zweiten Film diese Möglichkeit und startest dann von 0 auf Platz 1 in den US-Kinocharts durch. Wie fühlt sich das an?

Sehr schön, aber auch ziemlich surreal. Vor allem, wenn ich durch Los Angeles fahre und dort überall die gigantischen Werbetafeln für meinen Film sehe. Es ist einfach verrückt: Die Produktion meines Debütfilms ?A Necessary Death? hat extrem lange gedauert, bei ?The Last Exorcism? kam alles sehr überraschend und ging erstaunlich schnell.

Dein erster Film wurde ebenfalls im ?Pseudo-Doku-Stil? gedreht. War es deswegen eine logische Konsequenz, auch den zweiten Film auf diese Weise zu machen?

Nein, denn darauf hatte ich gar keinen Einfluss, das Drehbuch war ja bereits fertig als Eli [Roth, Produzent] mich fragte, ob ich den Film mit ihm zusammen machen würde. Außerdem ist das Produktionsteam durch den Stil meines Debüts überhaupt erst auf mich aufmerksam geworden, weil ihnen so etwas eben für ?The Last Exorcism? vorschwebte. Mir kam das zusätzlich zu Gute, denn auf diese Weise hatte ich zumindest eine bekannte Komponente während des Drehs: Denn wie man Dokumentationen dreht, weiß ich. Zum Glück durfte ich auch mein gesamtes Team von ?A Necessary Death? mitnehmen, wir wurden sozusagen als Kollektiv ?eingekauft?. (lacht)

Die schauspielerischen Leistungen in ?The Last Exorcism? sind beeindruckend. Wie hast du mit den Schauspielern gearbeitet?

Ich habe sie vor allem viel improvisieren lassen, das ist bei dieser Art Film unglaublich wichtig. Denn: Dieser Film sollte so realistisch wie möglich wirken und nicht, als wäre er in einer ?Filmwelt? angesiedelt. Wenn man sich klassische Spielfilme ansieht, nimmt man es als Zuschauer hin, dass die Figuren anders sprechen und anders reagieren als du und ich im wirklichen Leben. Man weiß, es ist eine erfundene Geschichte. ?The Last Exorcism? aber spielt sozusagen in der echten Welt und es ist sehr schwierig, das glaubwürdig herüberzubringen, denn der Zuschauer ist schließlich ?Experte? in der echten Welt, sie umgibt ihn jeden Tag. Darum habe ich die Schauspieler so viel improvisieren lassen und zur Not eine Szene mehrfach gedreht, auch wenn das für sie zunächst sehr anstrengend war: Es sollte möglichst authentisch und echt wirken.

Das ist dir gelungen. Dazu trägt auch das stimmungsvolle Setting in Louisiana bei. Was kannst du uns zu dem Drehort erzählen?

Es war wirklich gespenstisch dort. Das Haus, in dem der größte Teil des Films spielt, war von Hurricane Katrina ungefähr zwei Meter unter Wasser gesetzt worden und stand mitten im Nirgendwo. Man konnte noch die Wasserlinien an den Wänden sehen. Die Treppen haben geknarrt, der Fußboden geknackt: Eine geniale Geräuschkulisse für einen Horrorfilm also, wir mussten so gut wie nichts nachher künstlich hinzufügen. Eines Tages tauchte plötzlich ein riesiger Alligator auf der Veranda auf. Das war eine ziemlich gefährliche Situation, denn wir waren an diesem Tag nur zu viert am Set und keiner von uns wusste, wie man mit so einem Vieh umgeht. Das hat uns ca. 3 Stunden Drehzeit und eine Menge Nerven gekostet. Dafür taucht der Alligator jetzt auch kurz im fertigen Film auf. (lacht)

Obwohl du in Deutschland geboren bist, hast du in deinem Film die für die südlichen USA sehr typische Stimmung gekonnt eingefangen. Wie ist dir das gelungen?

Ganz einfach: In dem ich die Schauspieler ermutigt habe, ihre eigenen Erfahrungen und Gefühle miteinzubringen. Ich glaube es gibt zwei Schulen der Regie: Die Anhänger der ersten erzählen ihren Schauspielern, was sie zu tun und zu lassen haben. Die zweite besteht eher darin, auf die Reaktionen der Schauspieler zu warten und genau das habe ich getan. Denn New Orleans an sich ist ein unglaublich beeindruckender Ort, der auf die Schauspieler gewirkt hat und ihre Performance beeinflusst hat. Wir haben uns also ganz auf sie verlassen, denn da mein Kameramann aus Ungarn und meine Cutterin aus Indien kommt, konnten die beiden mir in dieser Hinsicht wohl auch nicht helfen... (lacht)

Kannst du ein Beispiel für deine Art der Regie geben?

Ja. Ich besprach mit Ashley Bell, die im Film ?Nell? spielt, die Szene in der sich ihre Besessenheit zeigen soll. Ich ermutigte sie, ein wenig zu improvisieren und plötzlich machte sie diese Brücke, verdrehte also ihren Körper, bis sie mit ihrem Hinterkopf auf den Boden stieß. Alle verrückten Bewegungen und Verrenkungen im Film hat sie wirklich selbst ohne zusätzliche Effekte gemacht, sie ist nämlich ?double-jointed?, kann also ihre Gelenke ohne Schmerzen verdrehen – was ich nicht wusste, als ich sie gecastet habe. Ich war total begeistert und schrieb sofort die entsprechende Stelle im Drehbuch um und am nächsten Tag drehten wir die Szene, allerdings ohne den anderen Darstellern von Ashleys ?Fähigkeiten? zu erzählen. Wir begannen zu drehen und filmten vor allem die Reaktionen der anderen Schauspieler, die natürlich völlig aus dem Häuschen waren. (lacht) Die geschockten Gesichtsausdrücke sind also ebenfalls absolut authentisch.

(ACHTUNG SPOILER) Es gibt viele Diskussionen über das Ende des Films. Wieso hast du dich dazu entschieden, am Ende doch eine ?übernatürliche? Erklärung zu liefern.

Ich wollte in ?The Last Exorcism? Religion und Wissenschaft aufeinander treffen lassen, oder vielleicht noch eher: Zweifel und Glaube. Ich wollte aber für keine der beiden Seiten Stellung beziehen, sondern sie nur gegenüberstellen. In den USA haben die Menschen darauf teilweise sehr extrem reagiert, ich bekam Nachrichten auf Twitter, die in etwa lauteten: ?Warum springst du nicht einfach vom Empire State Building, du Idiot?? Natürlich bekam ich aber auch viele positive Rückmeldungen. In Europa waren die Reaktionen bisher viel weniger emotional aufgeladen. Ich glaube, viele Amerikaner sind der Meinung, dass man ihnen als Regisseur für ihre 8 Dollar Eintritt eine eindeutige Auflösung schuldet...

Ist denn das von dir gewählte Ende nicht letztendlich doch eine Stellungnahme?

Ich finde nicht. Der Kernpunkt scheint mir hier folgendes zu sein: Wenn Gordon am Ende in Flammen steht, betet er zu Gott ihm zu helfen, obwohl er vorher vom Glauben abgefallen war. Ich zeige explizit nicht, ob Gordon überlebt oder nicht, also ob sein Gott ihn erhört oder nicht. Diese Lücke wollte ich die Zuschauer selbst füllen lassen.

Was kannst du uns über dein nächstes Projekt sagen?


(lacht) Ich habe gerade einen Anruf bekommen, der mir absolutes Stillschweigen verordnet hat. Ich kann aber so viel verraten: Es wird diesmal ein ?echter? Spielfilm sein, ein Mystery-Thriller, bei dem außerdem ein überaus bekannter Filmemacher involviert sein wird.

>> geführt und verfasst von Tim Lindemann




Shut In
Kinostart: 15.12.2016Shut In wird als intensiver Thriller beschrieben, in dem eine verwitwete Kinderpsychologin im Mittelpunkt steht, die weit abgeschieden in England lebt. Als eines Tages ei... mehr erfahren
Resident Evil: The Final Chapter
Kinostart: 26.01.2017Das letzte Kapitel beginnt...... mehr erfahren
Rings
Kinostart: 02.02.2017Der The Ring-Nachfolger Rings befasst sich auf neuartige Weise mit dem grausigen Mythos um das berüchtigte Killervideo und Brunnengeist Samara. Denn hinter dem berüchti... mehr erfahren
Sieben Minuten nach Mitternacht
Kinostart: 09.02.2017Wie jede Nacht erwartet Conor den Alptraum, der ihn quält, seit seine Mutter unheilbar an Krebs erkrankt ist. Doch diesmal begegnet er einem Wesen, das seine geheimsten ... mehr erfahren
The Girl with All the Gifts
Kinostart: 09.02.2017Nach dem Ausbruch einer tödlichen Spore, die aus den Befallenen willenlose „Hungries“ mit akuter Gier auf Menschenfleisch macht, haben sich die Überlebenden in Mili... mehr erfahren
Anger of the Dead
DVD-Start: 08.12.2016Anger of the Dead von Francesco Picone erzählt von einer Welt, in der ein Virus Menschen in blutrünstige Kannibalen verwandelt. Trotz aller Gefahren gelingt es der schw... mehr erfahren
The Shallows
DVD-Start: 27.12.2016The Shallows begleitet eine emotional gebeutelte Frau beim Surfen vor einer einsamen Insel. Die tiefe Trauer um ihre kürzlich verstorbene Mutter ist dabei jedoch nicht d... mehr erfahren
Stephen King's Puls
DVD-Start: 12.01.2017In Stephen Kings Cell ist Clayton Riddell geschäftlich in Boston, hat schon Geschenke für seine Familie besorgt und möchte gerade bei einem Straßenhändler ein Eis ka... mehr erfahren
Don't Breathe
DVD-Start: 19.01.2017Im Mittelpunkt von A Man in the Dark stehen drei Teenager, die in fremde Wohnungen einbrechen und die dort lebenden Besitzer bestehlen. Dabei werden ihre Einbrüche bis i... mehr erfahren
Last Shift
DVD-Start: 27.01.2017Die junge Polizistin Jessica soll die letzte Schicht in einer verlassenen Polizeiwache übernehmen in der nur noch altes Beweismaterial lagert. Was die junge Frau zunäch... mehr erfahren