Deine bisherigen Filme unterscheiden sich alle sehr voneinander, man bekommt fast das Gefühl, als wolltest du jedes Subgenre des Horrors einmal ausprobieren. War das deine Absicht oder ist das eher Zufall?

Nein, das ist voll und ganz Absicht. Als ich "High Tension" in Frankreich gedreht habe, war das sehr schwierig, denn dort gab es scheinbar keinen Markt für Horrorfilme. Mein guter Freund Gregory (Levasseur) und ich waren schon immer große Horrorfans und dieser erste Film war eine Hommage an das Genre. Der Film wurde sehr gut aufgenommen, auch in Amerika. Wir wurden dorthin eingeladen, trafen eine Menge neuer Leute und man bot uns verschiedene Projekte an. Für mich war das so, als hätte man ein Kind in den Süßigkeitenladen gelassen: Ich konnte plötzlich alles machen, wovon ich immer geträumt hatte. Als hätte mir Willy Wonka persönlich das goldene Ticket zur Schokoladenfabrik gegeben. (lacht) Schon damals las ich das Skript zu "Piranha", aber dann meldete sich Wes Craven bei mir und fragte mich, ob ich "The Hills Have Eyes" übernehmen würde. Und schon da war mir klar, dass ich nicht direkt noch einmal einen Film wie "High Tension" machen wollte. Als Regisseur will man sich weiterentwickeln, neue Dinge ausprobieren und sich nicht immer wieder wiederholen. Und in Hollywood bot sich mir nun die Möglichkeit, all die verschiedenen Subgenres zu erkunden: Backwoods-Horror, klassische Ghost-Story und schließlich überdrehter Tier-Horror. Zum Glück gibt es ja noch genug weitere Möglichkeiten...

Aber ein gänzlich anderes Genre als Horror hast du bisher noch nicht ausprobiert. Du bist dem Horror sozusagen treu geblieben...

Ja, denn das ist, was mir am meisten Spaß macht. Weißt du, vielleicht mache ich als nächstes wieder einen Film, der eher an "High Tension" erinnert, vielleicht auch einen im Stil von "Mirrors" - ich weiß es noch nicht. Wichtig ist mir nur, dass sich aufeinander folgende Projekte nicht zu sehr ähneln.


Deine letzten drei Filme waren Remakes anderer Projekte, wenn "Piranha" auch nicht mehr viel mit dem Original gemein hat. Fasziniert es dich, eine bereits existierende Story in einen anderen Kontext zu verlegen?

Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten. Zunächst einmal möchte ich folgendes sagen: Ich halte nur einen von meinen Filmen für ein tatsächliches Remake und das ist "The Hills Have Eyes". Dort habe ich mich wirklich an der Stimmung und den Charakteren des Originals orientiert. "Mirrors" hingegen ist nur sehr lose an der koreanischen Vorlage orientiert. Ähnliches gilt bei "Piranha": Als ich das Skript zum ersten Mal las, hieß es noch nicht einmal "Piranha". Es hat weder mit dem Film von Joe Dante noch mit dem von James Cameron irgendetwas zu tun, außer eben das Piranjas vorkommen. Während wir aber noch an dem Film arbeiteten, kaufte das Studio die Rechte an dem Titel "Piranha", um ihn als Marketing-Tool zu verwenden. Und ich glaube alleine das sagt einiges über das heutige Hollywood aus. Denn die einzigen Filme, die heutzutage noch grünes Licht von den Studios bekommen, müssen sich auf irgendein bereits bestehendes Franchise beziehen. Ob das nun ein Videospiel, ein Comic oder ein anderer Film ist, ist dabei egal. Ich würde aber noch nicht einmal unbedingt von einer Krise in Hollywood sprechen, die Regeln haben sich einfach nur geändert. Mit neuen Konzepten und Ideen kann man in Hollywood leider nur noch sehr selten jemanden überzeugen – außer vielleicht man heißt Christopher Nolan. (lacht) "Inception" und "Avatar" sind vielleicht die einzigen Blockbuster der letzten Jahre, die sich wirklich etwas Neues getraut haben.

Fühlst du dich eigentlich noch als europäischer Regisseur, der vielleicht eher Filme über Amerika dreht, oder drehst du amerikanische Filme?
"Piranha" fühlte sich für mich von der Machart und dem Humor, mehr noch als deine letzten Filme, wirklich sehr amerikanisch an.

Ich sehe mich selbst als europäischer Regisseur, der amerikanische Filme dreht. (lacht) Es freut mich, was du da über "Piranha" sagst. Ich glaube, dass ich noch vor 6 Jahren, als ich das Drehbuch zum ersten Mal gelesen habe, den Film nicht so hätte machen können und auch das Skript nicht so hätte umschreiben können. Denn zu diesem Zeitpunkt kannte ich die amerikanische Kultur noch nicht genug. Ich habe etwa 6 Jahre gebraucht, um dieses Land wirklich zu verstehen. Darum fühle ich mich jetzt eben als europäischer Regisseur, der amerikanische Filme dreht und nicht etwa europäische Filme in Amerika. Meine europäischen Wurzeln sind aber dennoch vorhanden, das äußert sich in einer gewissen Distanz zur amerikanischen Kultur in dem Subtext meiner Filme, die viele Amerikaner vielleicht gar nicht wahrnehmen. Wir Europäer sind zum Beispiel vielleicht eher auf der Seite der Piranhas. (lacht) Europäische Zuschauer werden eher bemerken, dass das ganze Springbreak-Setting auch eine Metapher für die amerikanische Konsumgesellschaft darstellen kann. Das sind explizit europäische Sichtweisen, die vielen Amerikanern auf den ersten Blick verschlossen bleiben.


Wenn man den Film so sieht, könnte man meinen, dass du eine ganze Menge Spaß während des Drehs gehabt haben musst: Viele hübsche Frauen, komplett übertriebene Gore-Szenen, wunderschöne Landschaft...


Haha, von wegen! Das war der fürchterlichste Dreh aller Zeiten für mich. Denn im Sommer in einer Wüste einen Film zu drehen, ist nicht unbedingt die beste Idee. Es war permanent um die 50 Grad warm, teilweise ist unser Equipment geschmolzen. Die Wasser-Szenen waren nicht viel besser. Ich weiß nicht, ob du das Making-Of von "Der Weiße Hai" gesehen hast, aber ich kann dir sagen: Es ist alles wahr! Unterwasserszenen sind am schlimmsten. Alles schwimmt herum, aber nie so, wie es soll. Bei der großen Massaker-Szene mussten wir mit über 100 Komparsen drehen, was unglaublich chaotisch war. Dazu kamen die ganzen Gore-Effekte, die funktionieren und ausgelöst werden mussten. Dabei standen wir knietief in Kunstblut! Außerdem musste ich ja auch noch ungefähr 45 halbnackte Mädels mit Sonnencreme einreiben - man kann sich also vorstellen: Es war unglaublich anstrengend! (lacht)

In deinem Film treten prominente Gaststars auf, von Richard Dreyfuss bis hin zum legendären Christopher Lloyd. Wie hast du die dazu bekommen in so einem Anarcho-Splatterfilm mitzuspielen?


Zunächst einmal muss ich sagen, dass es eine Ehre war vor allem Christopher Lloyd am Set zu haben. Denn für mich IST er einfach Doc Brown aus "Zurück in die Zukunft"! Dieser Film hat mich meine ganze Kindheit über begleitet, von daher war es nicht weniger als ein Traum, dass er nun in meinem Film auftaucht. Dafür muss ich mich ganz besonders bei den Weinstein-Brüdern bedanken. Aber auch Richard Dreyfuss, Ving Rames und all die anderen Schauspieler waren wunderbar; sie alle haben etwas ganz Eigenes, Spezielles mit in den Film eingebracht.

Eli Roth hat auch einen Kurzauftritt...

Eli ist ein sehr guter Freund von mir und ganz nebenbei noch ein unglaublich begabter Regisseur und Schauspieler. Abgesehen davon hat er mir während der Pre-Production von "Piranha" sehr geholfen. Denn es war nicht so einfach, das Studio davon zu überzeugen, den Film als überdrehte Komödie zu inszenieren. Aber er und Quentin Tarantino haben mich die ganze Zeit darin bestärkt, bei diesem Ansatz zu bleiben und meine Vision in die Tat umzusetzen. Deswegen war für mich klar, dass er auch in dem Film auftauchen muss. Am Set haben wir uns dann nur kaputt gelacht, es war wirklich toll.

Wann bist du eigentlich auf die Idee gekommen, den Film als überdrehte Splatter-Komödie zu inszenieren?

Bereits die erste Fassung des Skripts las sich ein wenig wie ein "American Pie" mit Killerfischen. Das hat mir sehr gut gefallen. Als mir das Drehbuch dann wenig später offiziell angeboten wurde, war einiges geändert worden: Es war nun ein "ernster" Monster-Horrorfilm, aber das hat einfach nicht funktioniert. Mir hat dieser "Braindead"-Stil viel mehr zugesagt. Darum haben wir das Skript erneut umgeschrieben und die Grenzen des guten Geschmacks so weit wie möglich gedehnt. (lacht)

Wie stehst du zu dem Begriff "Splat Pack"? Fühlst du dich als ein Teil einer neuen Horror-Generation?

Absolut. Denn all die Regisseure, die zu dieser Welle gehören, haben unabhängig voneinander ähnliche Ideen aufgegriffen: Während ich in Frankreich "High Tension" drehte, filmte Eli "Cabin Fever" und das Remake von "Dawn Of The Dead" kam auf die Leinwand, Rob Zombie arbeitete an "Haus der 1000 Leichen". Viele verschiedene Regisseure auf der ganzen Welt wollten gleichzeitig zu einem gewissen Stil des Horrorkinos zurückkehren: Nämlich dem brutalen, unheimlichen, gnadenlosen Horror der 70er-Jahre. Das "Splat Pack" bedeutet für mich also hauptsächlich, zurück zu den Wurzeln zu gehen. Wir waren alle von den 90er-Jahren enttäuscht, in denen Horror drastisch gesprochen seine Eier verloren hatte. Es war einfach nicht mehr unheimlich oder erschreckend. Mittlerweile weiß ich allerdings nicht, ob wir immer noch alle die gleichen Ziele und Vorstellungen haben.

Die obligatorische letzte Frage: Was kannst du uns über deine nächsten Projekte verraten?

Nun, welchem Projekt ich mich als nächstes als Regisseur zuwende, weiß ich noch nicht genau. In naher Zukunft steht nun erstmal das Regiedebüt von Greg Levasseur an, bei dem ich als Produzent fungieren werde: Ein Remake des 80er-Schockers "Maniac". Ich freue mich aber auch schon sehr darauf, wieder ein eigenes Projekt in Angriff zu nehmen.

>> verfasst und geführt von Tim Lindemann




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