Hell
"Hell" ist dein Debütspielfilm und schon hier hast du große Namen wie Roland Emmerich und Paramount Pictures hinter dir stehen. Wie fühlt sich das an und wie ist es überhaupt genau dazu gekommen?

Das fühlt sich natürlich verrückt und gleichzeitig sehr schön an. Das Ganze kam ins Rollen als (Produzent) Thomas Wöbke auf einige meiner Kurzfilme, die ich während meines Studiums an der Filmhochschule München gedreht habe, aufmerksam wurde. Konkret war das ein sehr kurzer Zombiefilm namens ´"Am Flaucher" den wir in 3 Tagen auf Mini-DV gedreht haben. Darin passiert nicht viel mehr, als dass ein Pärchen am See von ein paar Zombies attackiert wird. (lacht) Thomas hat den Film Roland Emmerich gezeigt.

War diese Begeisterung für das Horrorgenre bei dir schon immer vorhanden?

Absolut! Natürlich schaue ich auch viele andere Sachen, aber Horror war schon immer mein Lieblingsgenre. Das fing als Kind an mit einer Faszination für Hitchcock an, danach folgten dann die üblichen Verdächtigen: Romero und so weiter.


Es ist kein Geheimnis, dass es um den deutschen Horrorfilm nicht so gut bestellt ist. Hattest du Schwierigkeiten, das Projekt nach deinen Wünschen realisiert zu bekommen? Gab es da Ressentiments aufgrund des Genres?

Es gab schon einige Schwierigkeiten, ja. Einige Sachen mussten am Skript verändert werden – ursprünglich sollte das Ganze ja auch mal ein Zombie-Film werden. Letztendlich hat sich das aber als gar nicht so schlecht herausgestellt: Mir gefällt es ohnehin meistens besser, wenn sich der Horror im Kopf abspielt, wenn nicht alles gezeigt wird. Es muss ja nicht unbedingt immer Splatter sein. Vor allem muss ich mich aber bei den Produzenten Thomas Wöbke, Gabriele Walther und Ruth Waldburger bedanken, der mir immer wieder zugesprochen und an das Projekt geglaubt haben und letztlich dafür gesorgt hat, dass ich meine Vorstellungen realisieren konnte. Was die Ressentiments angeht: Die gibt es natürlich, aber oftmals sind die bei den Fans am stärksten vertreten. Da liest man dann Sachen im Internet wie: "Solche Filme will ich aus Deutschland nicht sehen, ist sowieso scheiße!" Dabei gibt es auch tolle Genrebeiträge aus Deutschland.

Zum Beispiel?

Da fällt mir spontan zum Beispiel "Wir Sind Die Nacht" ein, der mir sehr gefallen hat. Oder, auch wenn das eigentlich eine ganz andere Schiene ist, der österreichische Film "Der Räuber". Da ist vor allem das Finale einfach nur grandios.

Dein Film ist ja auch "sehr deutsch": Man sieht "ja!"-Produkte herumliegen, die letzte noch funktionierende CD ist von Nena...

(lacht) Respekt, dass dir das mit den "ja!"-Sachen aufgefallen ist. Ich wollte schon eine gewisse nationale "Identität" für den Film kreieren, denn dieser Wiedererkennungsfaktor macht meiner Meinung nach auch einen großen Teil des Reizes aus: Apokalypse auf Deutsch eben. Deswegen auch die Einfügung von "99 Luftballons", das ist schließlich DER deutsche Popsong schlechthin.

Du hast einen sehr eigenen Stil entworfen, der gut zum Inhalt des Films passt: Ausgeblichen und teilweise verwackelt. Wie hast du das entwickelt?

Der Kamermann Markus Förderer hat viele Tests gemacht, was die Beleuchtung des Films angeht. Immerhin geht es in dem Film ja hauptsächlich um Licht. Irgendwann haben wir uns für diesen überstrahlten Look entschieden, der nicht nur bestens zum Film passt sondern sich auch noch als sehr praktisch erwies: Wir konnten durch diese starke Überblendung unpassende Bildelemente, etwa grüne Bäume, verschwinden lassen ohne Computer-Effekte zu benutzen. Anfangs hatten wir mal mit 50 Computereffekten geplant, am Ende kamen wir mit etwa vier aus. Ich wollte einen dokumentarischen Look entwickeln, um das Geschehen noch direkter wirken zu lassen.


Gab es dabei konkrete Inspiration von anderen Filmen?

Ja, was den Stil angeht vor allem die dänischen Dogma-Filme. Ich sehe "Hell" als eine Art Dogma-Film nach der Apokalypse. Eine andere große Inspiration waren George Romeros "Dawn Of The Dead" und "Mad Max". Das sind natürlich ganz andere Filme, aber was ich bei denen so beeindruckend finde, wollte ich auch für "Hell": Der Zuschauer wird in eine völlig veränderte Realität geworfen und findet sich dennoch schnell zurecht – nicht durch aufwendige Erklärungen, sondern weil man sich gemeinsam mit den Charakteren in diese Extremsituation einfühlt.

"Hell" spielt in einer von der Sonne verbrannten Welt. Wo habt ihr die passenden Settings gefunden?

Das war nicht einfach. Zunächst haben wir in einem Waldgebiet in Bayern gedreht, in dem die Bäume durch Schädlingsbefall entlaubt waren. Die Bäume mussten wir dann noch nur noch schwarz ansprühen (mit umweltfreundlicher Farbe natürlich). Trotzdem konnten wir natürlich keine großen Kameraschwenks machen, das hätte die Illusion zerstört. Dann haben wir auf Korsika in einem Waldbrandgebiet weitergedreht, in dem wir dann auch größere Panoramen zeigen konnten.

Der Film spielt, mit Ausnahme einer Szene auf der Autobahn, komplett im ländlichen Bereich. Gab es Überlegungen auch Szenen in menschenleeren Städten einzubauen?

Nein, denn das hätte unsere finanziellen Möglichkeiten klar überschritten und dann sollte man so etwas lieber gleich lassen: Gegen Blockbuster wie "28 Days Later" hätten wir sowieso nicht ankommen können. Für mich geht es in "Hell" ohnehin nicht um möglichst spektakuläre Bilder der Apokalypse sondern um die zwischenmenschlichen Beziehungen in extremen Situationen und die Geschichte einer jungen Frau, die ihre Schwester sucht, ihren einzigen Halt in dieser Welt.


Kannst du schon etwas über deine Zukunftspläne verraten? Viele deutsche Regisseure gehen ja zurzeit nach Hollywood, hast du darüber schon einmal nachgedacht?

(lacht) Bisher hat noch niemand aus Hollywood angerufen. Aber generell plane ich erstmal, in Deutschland zu bleiben. Mir hat der Dreh mit den Leuten hier so viel Freude bereitet, das war eine so angenehm familiäre Atmosphäre, dass ich auf jeden Fall erst einmal hier bleibe. Ein konkretes nächstes Projekt steht aber noch nicht an, im Moment bin ich auch immer noch viel zu sehr mit "Hell" beschäftigt, schaue wie Leute auf Filmfestivals reagieren und fiebere dem Kinostart entgegen.

Wirst du denn dem Horrorgenre treu bleiben?

Auf jeden Fall! Ob mein nächster Film ein reinrassiger Horrorfilm werden wird, kann ich natürlich noch nicht sagen. Aber in dem Bereich möchte ich mich auf jeden Fall weiterhin bewegen!

>> verfasst von Tim Lindemann




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