Ihre Vorliebe für gefährliche Kletterszenarien haben britische Filmemacher in der Vergangenheit immer wieder bewiesen. Neil Marshall schickte im Höhlen-Horror "The Descent" eine Truppe von kletterbegeisterten Frauen in die Hölle – so gut, dass ein zweiter Teil gedreht wurde und Marshall zum gefragten Mann wurde. Regisseur Julian Gilbey begibt sich mit seiner vierten Regiearbeit "A Lonely Place to Die", die ihre Premiere beim diesjährigen Fantasy Filmfest feierte, ins gleiche Metier. Gilbeys Werk beginnt vielversprechend, verkommt in der zweiten Hälfte jedoch zu einem Thriller nach bekanntem Muster.
Unheimliche Laute hallen durch den einsamen schottischen Bergwald. Noch unheimlicher wird es, als die fünf Bergsteiger die Ursache entdecken: Ein kleines Mädchen wurde lebendig in einer Kiste vergraben, durch ein Atemrohr sind ihre Rufe nach draußen gedrungen. Wer kann so etwas Grausames getan haben? Anna spricht nur Kroatisch und kann nichts erzählen. Dem Kind muss so schnell wie möglich geholfen werden. Deshalb wollen Alison und Rob die Abkürzung über den senkrecht abfallenden "Devil’s Drop" wagen, während die anderen sich mit Anna auf den meilenweiten Weg ins nächste Dorf machen. Doch die Kidnapper haben die Gruppe bereits im Visier und machen die einsame Wildnis zur Arena eines blutigen Überlebenskampfs ...
Man möchte die Darsteller fast beneiden. Vor einer solch grandiosen Kulisse seinen Job zu verrichten muss fantastisch sein. Gut, sie hängen zwar durchgehend mit Seilen an Felsen und schreien – aber dafür werden sie schließlich auch fürstlich vergütet. Kameramann Ali Asad fängt die Schönheit der schottischen Highlands perfekt ein. Seine Bilder zeigen die scheinbar unendlichen Weiten, die traumhafte Natur und Menschen, die an den großen Felsen wie Ameisen wirken. Für Zuschauer mit Höhenangst eignet sich das nur bedingt, beschleicht einen beim Blick von der Klippe ein leichtes Schwindelgefühl.
Die Exposition des vermeintlichen Abenteuerurlaubs beginnt Gilbey, der zusammen mit seinem Bruder William auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, in luftigen Höhen und unter Anspannung. Nach einem dramatischen Zwischenfall flacht die Einführung jedoch in eine standardisierte Charaktereinführung ab. Damit hält sich der Regisseur allerdings erfreulicher Weise nicht lange auf, die Truppe macht im tiefen Wald einen schrecklichen Fund. Die Schauspielerriege rund um Melissa George ("Triangle", "Amityville Horror") und Fiesling Sean Harris, der Genrefreunden noch aus "Creep" bekannt sein dürfte, macht ihren Job solide, ohne sich groß anzustrengen. George läuft die meiste Zeit mit hochgezogenen Augenbrauen und verzweifeltem Blick durch die Berge, beweist aber auch, dass sie taff sein kann. Etwas missraten ist lediglich die deutsche Synchronstimme der 35-Jährigen. Die immerzu ängstliche Stimme schmälert das Sehvergnügen.
Einige nette Überraschungen und Wendungen erleben wir bei der Hetzjagd durch die schottischen Wälder und bewahren den Film immer wieder vor den bekannten Klischees. Bilder aus der Perspektive der Kletterer geben mitunter das Gefühl, selbst im Geschehen dabei zu sein. Diese Einstellungen sind zwar rar gesät, treiben aber den Blutdruck nach oben. Zudem gibt es wilde Stürze, teilweise sogar recht unerwartet und mit blutigem Ausgang sowie krachende Knochen. Ohr und Auge werden ausreichend bedient. Bis die Gruppe schließlich aus dem Wald in das nahe gelegene Dorf einkehrt.
Ab diesem Zeitpunkt wandelt sich "Lonely Place" zu einem typischen Entführungsthriller ohne Höhepunkte. Barg die Flucht vor den kaltblütigen Killern im Geäst und Gestein noch unvorhersehbare Gefahren, stehen die Zeichen nun auf 08/15. Keine Klippen, keine Natur, dafür ein Stadtfest mit viel Buhei, aber ohne Einfallsreichtum. Das ist wirklich schade, lieferte Gilbey bis dahin einen toll bebilderten und spannenden Thriller. Doch die zweite Hälfte lässt diesen hoffnungsvollen Beginn in die Mittelmäßigkeit abrutschen. Das Potenzial ist verschenkt.
Die Qualität der Blu-ray ist dagegen richtig gut. Eine ständige Schärfe, kein Bildrauschen, satte Farben. Auch der Ton überzeugt. Etwas mager fällt dagegen das Bonusmaterial aus. Neben dem Original-Trailer steht noch eine Trailershow zur Verfügung. Interviews sowie ein Making Of und Audio-Kommentar fehlen. In Anbetracht der Kapazität einer blauen Scheibe ist das sehr dürftig. Bishin zum schwachen Finale kann "Lonely Place" mit seiner Kulisse und einigen Überraschungsmomenten punkten. Dann aber scheint den Gebrüdern Gilbey die Kreativität ausgegangen zu sein. Aufgrund der ersten Filmhälfte lohnt sich ein Blick für Thriller-Freunde aber allemal.
>> verfasst von Janosch Leuffen