Moviebase Sieben Minuten nach Mitternacht

Sieben Minuten nach Mitternacht
Sieben Minuten nach Mitternacht

Bewertung: 80%

Userbewertung: 96%
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Originaltitel: Monster Calls, A
Kinostart: 04.05.2017
DVD/Blu-Ray Verkauf: Unbekannt
DVD/Blu-Ray Verleih: Unbekannt
Freigabe: FSK 12
Lauflänge: - Minuten
Studio: Apaches Entertainment, La Trini, Participant Media
Produktionsjahr: 2016
Regie: J.A. Bayona
Drehbuch: Patrick Ness
Darsteller: Lewis MacDougall, Liam Neeson, Sigourney Weaver, Felicity Jones, Toby Kebbell, Geraldine Chaplin, Jennifer Lim

In Mike Flanagans Mystery-Grusler „Before I Wake“ wird der 8-jährige Protagonist nach dem Krebstod seiner Mutter von einer Schreckgestalt verfolgt, die symbolisch für die Krankheit und die damit verbundenen Qualen steht. Ein ähnliches, gleichzeitig aber auch abgewandeltes Szenario entwirft die Bestsellerverfilmung „Sieben Minuten nach Mitternacht“, in der sich ein aufgewühlter Teenager große Sorgen um seine gesundheitlich schwer angeschlagene Mutter macht und eines Nachts Besuch von einem Baummonster bekommt, das ihm helfen will, mit seiner Verunsicherung und seinem Schmerz umzugehen. Beide Filme erzählen berührende Geschichten, unterscheiden sich allerdings ein wenig in ihrer Wucht. Während Flanagan mit eher begrenzten Mitteln und dementsprechend simplen Computereffekten arbeiten musste, konnte Juan Antonio Bayona („Das Waisenhaus“) bei einem geschätzten Budget von 43 Millionen Dollar ein opulentes Fantasy-Drama mit einer eindrucksvollen Monsterkreatur aus dem Boden stampfen.

Das Leben meint es nicht gerade gut mit dem 13-jährigen Conor O’Malley (Lewis MacDougall, „Pan“), der ständig Mobbingattacken seiner Mitschüler über sich ergehen lassen und zu Hause seiner kranken Mutter (Felicity Jones, „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“) beim Leiden zusehen muss. Auch wenn die Krebspatientin und Conors Großmutter (Sigourney Weaver, „The Cabin in the Woods“) bemüht sind, den Gesundheitszustand zu verschleiern, spürt der Junge genau, wie ernst die Lage ist. Nicht umsonst wird er immer wieder von einem Albtraum heimgesucht, der ihn zunehmend verstört. Als der künstlerisch begabte Teenager eines Abends zu später Stunde über seinen Zeichnungen sitzt, glaubt er, seinen Augen nicht trauen zu können: Um exakt 0:07 Uhr erscheint vor seinem Fenster die gewaltige Eibe, die eigentlich hinter dem Haus auf einem alten Friedhof steht, sich nun aber in ein sprechendes Baummonster verwandelt hat. In nächster Zeit will die aufbrausende Kreatur Conor drei Geschichten erzählen und verlangt im Gegenzug, dass der Jugendliche anschließend seine geheimen Ängste offenbart.

Wenngleich Bayonas jüngster Regiearbeit ein preisgekrönter Roman von Patrick Ness zugrunde liegt, durfte man doch gespannt sein, ob die Mischung aus fantastischen Elementen, Coming-of-Age-Story und Krebsdrama auch auf der Leinwand funktioniert. Leicht hätten die mitunter überwältigenden Bilder den emotionalen Kern der Handlung überlagern und den Film in eine beeindruckende, aber hohle Effektlawine transformieren können. Glücklicherweise gelingt Bayona und Ness, der sein eigenes Buch adaptierte, der Spagat zwischen schauerlich-übernatürlichem Treiben und Momenten, die tief im echten Leben verankert sind. Das riesige Baumwesen, das im Original von Liam Neeson mit einer prägnanten, respekteinflößenden Stimme gesprochen wird, ist eine imposante Erscheinung, die bei aller Hilfsbereitschaft stets etwas Bedrohliches ausstrahlt. Digitale Technik und traditionelle filmische Handwerksarbeit verschmelzen hier auf überzeugende Weise und unterstreichen, dass das zur Verfügung stehende Geld kreativ sinnvoll eingesetzt wurde.

Mit Jungdarsteller Lewis MacDougall hat Bayona einen hochtalentierten Schauspieler an der Hand, der die alles andere als leichte Hauptrolle mit traumwandlerischer Sicherheit stemmt. Nicht nur Conors Trauer und seine Verletzlichkeit transportiert der kleine Schotte, der seine eigene Mutter ein Jahr vor Beginn der Dreharbeiten verlor, kraftvoll in den Kinosaal. Auch die Wut über das beschwerliche Leben und die frustrierende Außenseiterrolle des Teenagers bricht sich an manchen Stellen mit überraschender Intensität Bahn, sodass die vom Monster und dessen Erzählungen losgetretene Erkenntnisreise zu einer packenden Gefühlsachterbahn avanciert. Die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit verschwimmen immer wieder. Und doch verfügt die Literaturverfilmung, die auf eine Idee der an Krebs verstorbenen Schriftstellerin Siobhan Dowd zurückgeht, über schmerzlich realistische Szenen, was nicht zuletzt Felicity Jones und besonders Hollywood-Legende Sigourney Weaver zu verdanken ist, die das Geschehen als strenge, vermeintlich herzlose, tatsächlich aber ebenfalls von der Situation überforderte Großmutter entscheidend erdet.

Da „Sieben Minuten nach Mitternacht“ seinen Figuren diverse ausdrucksstarke Passagen schenkt, wirken die zuweilen spektakulären Aufnahmen, mit denen der spanische Regisseur operiert, keineswegs aufdringlich. Vielmehr ergänzt die ausgefeilte, abwechslungsreiche Optik den entworfenen Reifungsprozess auf gelungene Weise. Einen schönen Kontrast zum etwas trostlosen Anblick der englischen Kleinstadt bilden die Geschichten des Baumwesens, die als Malereien erscheinen und Conors künstlerische Leidenschaft spiegeln. Das herzergreifende Finale, das den wiederkehrenden Albtraum des Jungen aufgreift, setzt auf große Bilder und allerhand Effekte, verliert das Befinden des Protagonisten aber nie aus den Augen. Ein schöner Beweis dafür, dass Fantasy und Drama durchaus Hand in Hand gehen können.

>> von Christopher Diekhaus

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