Moviebase Livid (Livide)

Livid (Livide)
Livid (Livide)

Bewertung: 80%

Userbewertung: 70%
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Originaltitel: Livid
Kinostart: Unbekannt
DVD/Blu-Ray Verkauf: 10.05.2012
DVD/Blu-Ray Verleih: 05.04.2012
Freigabe: FSK 18
Lauflänge: 91 Minuten
Studio: La Fabrique 2
Produktionsjahr: 2011
Regie: Alexandre Bustillo und Julien Maury
Drehbuch: Alexandre Bustillo und Julien Maury
Darsteller: Chloé Coulloud, Béatrice Dalle, Catherine Jacob

Musikjournalisten schreiben gerne vom "schwierigen zweiten Album" einer neuen Band: Für den Erstling hat man sozusagen das ganze Leben lang Zeit und zusätzlich den Überraschungseffekt auf seiner Seite. Erweist sich das Debüt als Erfolg, beginnen die Schwierigkeiten: Die Erwartungen schrauben sich bis ins Unendliche, die Presse spottet schon im Voraus und egal ob man sich nun wiederholt oder komplett neu erfindet – man kann nur verlieren. Man kann dieses Konzept durchaus auch auf die Filmwelt anwenden, gerade liefert das französische Regieduo Bustillo/Maury den besten Beweis dafür. Mit ihrem rohen, wüsten Splatterdebüt "Inside" überraschten sie 2007 die gesamte Horrorfilmwelt – so einen bösartigen, kleinen Film, der bei allem Gemetzel von einem solchen inszenatorischen Gespür zeugte, hatte man schon lange nicht mehr gesehen. Nun erscheint mit "Livid" der Nachfolger und straft die ganze schöne Zweitwerk-Theorie lügen: Wahres Talent findet eben doch einen Weg.

Der Schlüssel zum Erfolg bei "Livid" ist dabei, dass Bustillo und Maury weder versuchen, ihren blutigen Überraschungshit eins zu eins zu kopieren, noch enttäuschen sie alle Erwartungen, die sich nach ihrem Erstling auf "Livid" gerichtet haben. Das nennt man dann wohl Entwicklung eines eigenen Stils. Auf den ersten Blick erscheint der neue Film noch drastisch anders als "Inside": "Livid" ist thematisch gesehen ein düsteres Märchen, in dem es oberflächlich um Hexen, Monster, Flüche und verborgene Schätze geht. Die Grundstory – drei Jugendliche brechen in das unheimliche Haus einer komatösen, alten Frau ein, in dem ein Schatz versteckt sein soll – erinnert in ihrer klassischen Schlichtheit ebenso an Steven Spielberg wie Stephen King. Im Gegensatz zu "Inside", der sein Setting aufs Minimalistische herunterbrach und den Zuschauer von jetzt auf gleich ins blutspritzende Chaos warf, investieren die beiden Regisseure diesmal mehr Zeit in den Aufbau von Stimmung und Atmosphäre: Das gelingt ihnen vor allem dank einer liebevoll gothischen Ausstattung und wundervollen, düster-farbenprächtigen Bildern.

Schon bald aber offenbaren sich auch die Gemeinsamkeiten der beiden Filme, die auf die individuelle Handschrift der Regisseure schließen lassen. Rein visuell sind da zum einen die auch in "Livid" recht deftigen Splattereffekte, die hier allerdings um einiges spärlicher eingesetzt werden, sowie der rabiate Einsatz einer rostigen Schere – Kenner des Debüts werden sich mit Schaudern  erinnern. Interessanter sind aber die thematischen Parallelen. Wie schon in "Inside" stehen sich in Bustillos und Maurys neuem Film starke und psychotische Frauenfiguren gegenüber, Männer sind grundsätzlich ängstlich, naiv – und daher Kanonenfutter. Auffällig ist außerdem eine psychologische Auseinandersetzung mit Mutter-Kind-Beziehungen und deren zerstörerischen Konsequenzen. Die Regisseure weisen explizit auf diese Brücke hin, indem sie Béatrice Dalle, die in "Inside" wohl eine der extremsten Mutterrollen der Filmgeschichte seit "Psycho" verkörpern durfte, in "Livid" erneut als Mutter besetzen – in diesem Fall allerdings als metaphysische Geistererscheinung.

Filmisch weist "Livid" vor allem in der zweiten Hälfte durchaus einige Schwächen auf: Die Story nimmt eine bis zwei Wendungen zu viel, manche Dialoge wirken etwas konstruiert und das Ende ist mit seinen esoterischen Untertönen ein wenig befremdlich. Der Gesamteindruck lässt einen aber über diese wenigen Ausfälle problemlos hinwegsehen. Hier sind zwei junge Genreregisseure dabei, ihren ganz eigenen Stil zu entwickeln und beschreiten dabei auch furchtlos andere visuelle Wege, als man es nach ihrem gnadenlosen Debüt hätte erwarten können. Nach "Livid" kann man es tatsächlich kaum erwarten, ihr "drittes Album" zu hören.           

>> verfasst von Tim Lindemann

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