Moviebase The Sacrament

The Sacrament
The Sacrament

Bewertung: 75%

Userbewertung: 70%
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Originaltitel: The Sacrament
Kinostart: Unbekannt
DVD/Blu-Ray Verkauf: 06.11.2014
DVD/Blu-Ray Verleih: Unbekannt
Freigabe: FSK 18
Lauflänge: 95 Minuten
Studio: Worldview Entertainment
Produktionsjahr: 2013
Regie: Ti West
Drehbuch: Ti West
Darsteller: Amy Seimetz, Joe Swanberg, Kate Lyn Sheil, AJ Bowen, Kentucker Audley, Gene Jones, Donna Biscoe, Cal Johnson, Dale Neal, Lashaun Clay, Lj Smith, Millie Wannamaker, Alisa Locke

Fluch oder Segen? Eine Frage, die sich mit Blick auf den großen Erfolg des Found-Footage-Streifens „Blair Witch Project“ immer wieder stellt. Jenes Horrorfilms, der 1999 auf die Ausdruckskraft von Amateuraufnahmen setzte, sie im Mainstream-Kino salonfähig machte und seither unzählige Nachahmer gefunden hat. Da viele Imitate eher dilettantisch statt effektiv mit ihrer formalen Gestaltung spielen, ist man inzwischen äußerst skeptisch, wenn ein neues Exemplar der Found-Footage-Gattung den Markt erobern will. Vorbehalte, die sich im Fall von Ti Wests Horrorthriller „The Sacrament“ schnell als unbegründet erweisen. Schließlich hat das dortige Geschehen nur bedingt etwas zu tun mit dem penetranten Kameragewackel vieler artverwandter Werke.

Im Mittelpunkt des Films, bei dem West einmal mehr für Drehbuch, Regie und Schnitt verantwortlich zeichnet, stehen der Journalist Sam (AJ Bowen) und der Kameramann Jake (Joe Swanberg). Zwei Reporter, die für das hippe, real existierende VICE-Magazin arbeiten und stets an spannenden Storys interessiert sind. Eine solche scheint die Suche des Modefotografen Patrick (Kentucker Audley) nach seiner Schwester Caroline (Amy Seimetz) zu versprechen, die sich der Eden Parish angeschlossen hat. Einer ominösen Kommune, die außerhalb der USA, mitten im Nirgendwo, ein autarkes und friedliches Zusammenleben propagiert. Kurzerhand begleiten Sam und Jake den jungen Mann in die Wildnis und sind erstaunt, was sie dort erwartet: Menschen unterschiedlicher Herkunft, die in Amerika am Rande der Gesellschaft standen, nun aber hoffnungsvoll und glücklich sind. Dass diese kleine, heile Welt auch ihre dunklen Seiten hat, wird den Neuankömmlingen bewusst, als sie bei einem abendlichen Fest auf das Oberhaupt der Gemeinschaft treffen, das von allen nur ehrfürchtig „Vater“ (Gene Jones) genannt wird.

Aufgebaut ist „The Sacrament“ als Dokumentarfilm, der die anfangs naiv-investigative Reise der VICE-Reporter ins Herz eines düsteren Paradieses beschreibt (und nebenbei Erinnerungen an den bizarren „The Wicker Man“ wachruft). Nach einer etwas unbeholfen wirkenden Exposition – einfallslose Texttafeln informieren über die Arbeitsweise des Lifestyle-Magazins, und die Teilnehmer umreißen den Grund für ihren Aufbruch – lässt uns West mit den drei Protagonisten direkt eintauchen in den unwegsamen, nicht näher benannten Landstrich, der Carolines Zufluchtsort Eden Parish beherbergt. Nicht nur der übertrieben optimistische Name der Aussteiger-Kommune lässt sofort böse Vorahnungen aufkommen. Auch die schwer bewaffneten Wachen, die Sam, Jake und Patrick am Eingangstor empfangen, sorgen für erste Irritationen. Wozu die grimmigen Gewehrhelden, wenn doch alle in schöner Eintracht leben? Verwirrend ist außerdem Carolines leicht aufgekratzte Begrüßung, hinter der sich die Freude über das Wiedersehen mit ihrem Bruder verbergen könnte. Vielleicht aber auch etwas ganz anderes. Amy Seimetz jedenfalls gibt dieser früher drogensüchtigen Frau eine beunruhigend ambivalente Aura. 

Filmisch präsentiert sich „The Sacrament“, abgesehen von kleineren Ausnahmen, zunächst recht sorgsam komponiert. Was nicht verwundern muss, da sich Sam und Jake nach der Ankunft mit ihrem Aufenthaltsort vertraut machen und der Frage nachgehen wollen, wie das Leben in der Eden Parish funktioniert und warum sich die Mitglieder auf ein solch entbehrungsreiches Dasein eingelassen haben? Eine journalistische, also professionelle Herangehensweise, die klar strukturierte Bilder erfordert. Kein sinnfreies Drauflosfilmen im Dauerwackelzustand.

Geschickt konstruiert West aus den Gesprächen zwischen dem Kamerateam und den Bewohnern ein überlebensgroßes Bild des Gemeindegründers und zögert dessen Auftauchen ganz bewusst hinaus. Tritt „Vater“ nach mehr als einer halben Stunde schließlich zum ersten Mal in Erscheinung, stellt sich beim Zuschauer sofort ein Gefühl der Verunsicherung ein. Denn nur auf den ersten Blick wirkt dieser übergewichtige, hüftsteife Mann wie ein bescheidener Anführer. Unter den Jubelstürmen der versammelten Mitglieder betritt er die Bühne, wirft Kusshände in die Runde, klatscht einzelne Gefolgsleute ab und lässt Sam im nachfolgenden Interview höflich, aber unnachgiebig auflaufen, während er sich ständig von ihm abwendet und ins Publikum blickt. Dorthin, wo seinen Ausführungen ungeteilte Zustimmung sicher ist. Dass die lange wie eindringliche Dialog-Sequenz hervorragend funktioniert, liegt nicht zuletzt am nuancierten Spiel des Guru-Darstellers Gene Jones, der seinen Zeilen, trotz äußerer Gelassenheit, eine erschreckende Abgründigkeit verleiht.

Mit diesem Übervater ist nicht zu scherzen. Das wird mehr als deutlich und bewahrheitet sich auf bittere Art und Weise, als Sam und Jake kurz darauf mit dem wirklichen Grauen der angeblich so friedvollen Kommune konfrontiert werden. Ab diesem Punkt nimmt die Dramatik unaufhaltsam zu, was auch die Bilder merklich beeinflusst, die plötzlich viel hektischer daherkommen. Immerhin geht es nicht mehr um die Dokumentation des Gemeindealltags, sondern ums nackte Überleben. Auch wenn das Weiterlaufen der Kamera mitunter etwas konstruiert (um nicht zu sagen: unlogisch) erscheint, gelingt es West, den Betrachter mitzureißen und kräftig durchzuschütteln. Menschlich erzeugter Schrecken kann manchmal so viel beklemmender sein als jedes noch so furchteinflößende Monster.

Vorwerfen kann man dem Film sicherlich, dass er im letzten Akt etwas zu häufig in spekulativ-drastischen Einstellungen badet, wie sie der auf Produzentenseite involvierte Eli Roth bekanntermaßen liebt. Allerdings erzeugt „The Sacrament“ auch hier Momente unheimlicher Intensität, die über effekthascherische Gewaltdarstellungen hinausgehen, da sie die tragische Dimension des Gezeigten unterstreichen. Abschließend noch ein kleiner Tipp: Wer die unmittelbare Wirkung des Films erleben will, sollte vorab den Trailer meiden und auch dem DVD-Cover keine Aufmerksamkeit schenken. Denn leider werden dort die historischen Ereignisse, auf denen das Drehbuch beruht, allzu prominent ausgebreitet.

>> von Christopher Diekhaus

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