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Bewertung: 80%

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Originaltitel: Us
Kinostart: 21.03.2019
DVD/Blu-Ray Verkauf: 25.07.2019
DVD/Blu-Ray Verleih: 25.07.2019
Freigabe: FSK 16
Lauflänge: Unbekannt
Studio: Monkeypaw Productions, QC Entertainment, Universal Pictures
Produktionsjahr: 2018
Regie: Jordan Peele
Drehbuch: Jordan Peele
Darsteller: Elisabeth Moss, Anna Diop, Lupita Nyong'o, Yahya Abdul-Mateen II, Kara Hayward, Winston Duke, Cali Sheldon

Dass Horrorfilme den Finger an den Puls der Zeit legen und soziale Befindlichkeiten in den Blick nehmen, ist alles andere als selbstverständlich. Allzu oft beschränken sich Produzenten, Autoren und Regisseure auf lautes Klappern, ohne inhaltliche Ansprüche zu verfolgen. Ein gelungenes Beispiel, das diesem Trend zuwiderläuft, war die düstere Satire „Get Out“ aus dem Jahr 2017, die nicht nur großes Unbehagen heraufbeschwor, sondern sich auch klug und bissig mit dem alltäglichen Rassismus auseinandersetzte, den schwarze Menschen in den USA ertragen müssen. Der Afroamerikaner Jordan Peele, der mit diesem Werk seinen ersten Spielfilm inszenierte, erhielt für die raffinierte Verquickung von Nervenkitzel und thematischen Ambitionen einen Drehbuch-Oscar und durfte sich über begeisterte Kritiken und ein dickes Plus an den Kinokassen freuen. Bei Entstehungskosten von gerade einmal 4,5 Millionen Dollar spielte sein Debüt weltweit über 255 Millionen Dollar ein. Angesichts dieser Superlative stand zu befürchten, dass Peeles zweite Regiearbeit unter der Last gigantischer Erwartungen zusammenbrechen würde. Umso schöner ist es, dass sich „Wir“ als vergleichbar eindringlicher Albtraumstreifen erweist.

Wirklich freuen kann sich die junge Ehefrau und Mutter Adelaide Wilson (Lupita Nyong’o, „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“) auf den beginnenden Familienurlaub in der Nähe der kalifornischen Küstenstadt Santa Cruz leider nicht. Schon als sie mit ihrem Gatten Gabe (Winston Duke, „Black Panther“) und ihren Kindern Zora (Shahadi Wright Joseph, „Der König der Löwen“) und Jason (Evan Alex, „Baby Avengers“) in ihrem Ferienhaus aufschlägt, beschleicht sie ein ungutes Gefühl. Immerhin musste sie als kleines Mädchen an eben diesem Ort in einem Spiegelkabinett auf einem Jahrmarkt eine grauenvolle Erfahrung machen. Adelaides diffuse Befürchtungen konkretisieren sich in der Nacht, als plötzlich vier unheimliche Gestalten in ihrer Einfahrt auftauchen und sich nur wenig später Zutritt zum Anwesen verschaffen. Zu ihrem Entsetzen stellen die Wilsons fest, dass die aggressiven Einbrecher ihnen beängstigend ähnlich sehen.

Peele orientiert sich an den klassischen Mustern des Home-Invasion-Films, gibt seiner Geschichte durch das Doppelgänger-Motiv aber einen interessanten Dreh. Statt x-beliebigen, konturlosen Meuchelmördern stehen Adelaide und Co merkwürdige Ebenbilder gegenüber, was die Identität der Protagonisten schwer erschüttert. Warum sind die Eindringlinge den Bewohnern wie aus dem Gesicht geschnitten? Weshalb attackieren sie die Familie? Und warum tragen die vier ungebetenen Gäste alle einen roten Overall? Fragen über Fragen türmen sich nach ihrem Erscheinen auf, während die bereits im Prolog geschürte gespenstisch-beunruhigende Stimmung an diesem Punkt zum ersten Mal auf fulminante Weise explodiert. Die Konfrontation und die anschließenden Fluchtversuche treiben den Adrenalinpegel wiederholt nach oben, sind allerdings noch nicht das Ende der Fahnenstange. Vielmehr schlägt das vom Regisseur erneut selbst verfasste Drehbuch einige Haken und gibt letztlich einen reichhaltigen Subtext frei.

Konzentrierte sich „Get Out“ weitgehend auf das Übel des Rassismus, präsentiert „Wir“ diverse sozialkritische Anspielungen und thematische Ansatzpunkte. Hinter der vermeintlich simplen Doppelgänger-Bedrohung kommt eine Erzählung zum Vorschein, in der etwa die tiefe Spaltung der US-Gesellschaft, die Angst vor dem Fremden, die Verbitterung der Unterdrückten und die Furcht, eine versteckte böse Seite zu haben, ins Visier geraten. Die Zusammenhänge serviert Peele dem Betrachter nicht auf dem Silbertablett, sondern streut unzählige Hinweise und Andeutungen aus. Am Ende wirkt der wilde, mit vielen popkulturellen Zitaten gespickte Ideen-Mix vielleicht ein wenig überladen. Und noch dazu verpufft die Wucht der überraschenden Schlusswendung etwas schnell. Zu einer filmischen Enttäuschung mutiert der rätselhafte Schocker aber keineswegs. Viel eher stellt sich der Wunsch ein, das Ganze ein zweites Mal zu schauen und die Bezüge noch genauer zu studieren.

Ähnlich wie in seinem Debütwerk garniert der Regisseur das unheimliche Treiben regelmäßig mit humorigen Dialogen und absurden Begebenheiten, trifft dabei oft den Nagel auf den Kopf, hätte in manchen Momenten jedoch auf komische Einschübe verzichten können. Hier und da brechen sie die gruselige Atmosphäre nämlich einen Tick zu sehr auf. Ins Gewicht fällt dies allerdings nur bedingt, da „Wir“ auf vielen anderen Feldern überzeugt. Peeles Inszenierung ist selbstbewusst und gut durchdacht. Lieder werden raffiniert und amüsant in die Handlung integriert. Und die von Mike Gioulakis („Glass“) verantwortete suggestive Kameraführung trägt entscheidend zur Spannungssteigerung bei – man denke beispielsweise an eine Szene, in der Zora und ihr finsteres Double um einen geparkten Wagen schleichen. Hervorheben muss man sicher auch die Leistungen der in Doppelrollen agierenden Darsteller, denen das Drehbuch ein vollkommen gegensätzliches Spiel abverlangt. Besonders stark ist Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong’o, die sich mit Haut und Haar ihren beiden Parts verschreibt. 

Selbst wenn Peeles zweiter Film erzählerisch nicht ganz rund daherkommt und ein wenig ausufert, hat sich der kreative Kopf hinter „Get Out“ und „Wir“ schon jetzt zu einem der großen Hoffnungsträger des modernen Horrorkinos entwickelt. In diesem Sinne: Die nächste Schreckensvision aus seiner Feder kann kommen – je früher, desto besser!

>> von Christopher Diekhaus

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