Moviebase Tenebre

Tenebre
Tenebre

Bewertung: 91%

Userbewertung: 88%
bei 8 Stimmen

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Originaltitel: Tenebrae
Kinostart: 12.09.1984
DVD/Blu-Ray Verkauf: 25.09.2012
DVD/Blu-Ray Verleih: Unbekannt
Freigabe: FSK 18
Lauflänge: 102 Minuten
Studio: Sigma Cinematografica Roma
Produktionsjahr: 1984
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Dario Argento
Darsteller: Anthony Franciosa, Christian Borromeo, Mirella D'Angelo, Veronica Lario, Ania Pieroni, Eva Robin's, Carola Stagnaro, John Steiner, Lara Wendel, John Saxon, Daria Nicolodi, Giuliano Gemma, Mirella Banti, Ennio Girolami, Michele Soavi, Lamberto Bava, Marino Masé, Fulvio Mingozzi, Gianpaolo Saccarola

Verhasst bei konservativen Kritikern, Rebell gegen die Zensur - so kennt man ihn, unseren Dario Argento. Seine Filmographie, die einer künstlerischen Experimentorgie entspricht, zeichnet die Klasse dieses Regisseurs aus und macht ihn zu einem modernen Unikat im Zelluloiduniversum. „Profondo Rosso“ markiert die Geburt des Argento-Stils, „Suspiria“ ist das surreale Horrormärchen und „Tenebre“ nimmt den Platz des Giallomeisterwerkes ein.

Die Story, typisch für einen Giallo, relativ simpel strukturiert in ihrem Aufbau, jedoch gewohnt undurchsichtig, mit Überraschungen und Wendungen gespickt und durch ihr augenöffnendes Finale faszinierend:

Der Schriftsteller Peter Neal (Anthony Franciosa) reist nach Rom, um dort sein neuestes Werk "Tenebre" zu promoten. Sein neuester Bestseller wird von seinen Fans als spannender Krimi geliebt, von den Kritikern jedoch als perverser Groschenroman abgestempelt. Gerade in Italien angekommen, bekommt Neal schon Besuch von der Polizei, da eine junge Ladendiebin, wie im Roman "Tenebre" beschrieben, erstochen wurde. Bald darauf geschieht ein zweiter Mord an einer Gegnerin Neals. Neal, der aufgrund mehrerer unbekannter Nachrichten, immer mehr in das grausige Werk des Mörders miteinbezogen wird, entschließt sich dazu mit seiner Assistentin (Daria Nicolodi) und seinem Gehilfen Gianni (Christian Borromeo) dem undurchsichtigen Fall auf die Spur zu kommen.

Vielen sind seine Filme einfach zu langweilig, sich zu stark gleichend – was man einem nicht geneigten Zuschauer wahrscheinlich sogar bestens nachempfinden kann. Ich respektiere diese Meinungen. Respecter oui, accepter non! Es ist und bleibt ein Argentostreifen, der wie gewohnt mit einer Geschichte auftritt, die zwar interessiert und auch spannend, jedoch nicht eine weltverändernde Innovation ist ; muss sie ja wohlgemerkt auch nicht. Argento ist ein visueller Regisseur, ein Kunstverliebter der die formalen Konventionen des Kinos bricht und experimentiert. Filme, die mit ihrer Form über den Inhalt triumphieren – ein Markenzeichen, für welches er gehasst und eben geliebt wird.

„Tenebre“ ist ebenso wie „Suspiria“ ein Experiment, sogar den Aussagen Darios nach, doch die Bedeutung des Wortes Experiment ist viel zu oft negativ behaftet. Diese Experimente funktionieren und das von Mal zu Mal besser. Es sind nicht überragende Schauspieler, die den Film zu einem Toptitel machen, genauso wenig wie eine geniale Story – es sind die Bilder. Bilder wie gemalt, gezeichnet mit einem der herrlichsten Stifte der Welt. Der Stift zusammengesetzt aus einer starken Mine bestehend aus der Legierung artifiziellen Gespürs für Bilder und metaphorischer Umsetzung derer, das ummantelnde Holz geschnitzt aus feinstem inszenatorischen Mut, schlussendlich schützend verkleidet durch klaren Lack, gemischt aus Eleganz und ambivalenter Schönheit. Doch leider gibt es diesen Stift nicht im Handel zu kaufen, sondern dieser liegt einzig und allein in den Händen unseres italienischen Filmemachers Dario Argento – er ist und bleibt, wie seine Filme, einzigartig.

„Suspiria“, den meisten die sich auch nur annähernd mit Film beschäftigen, ein Begriff. Farben wie im Malkasten, märchenhaft und gruselig. Doch nicht so bei „Tenebre“, der durch eine ganz andere Methode fesselt. Keine gewohnt kunterbunten Stimulierungen der Sehnerven finden hier Ausdruck, sondern völlig dem Titel entgegenwirkendes (Tenebre = Finsternis) Weiß. Helligkeit, grell und unangenehm bleibt nichts verborgen, keine dunklen Geheimnisse, keine schützende Finsternis. Fast pathologisch präzise werden die Schauplätze ausgeleuchtet, dominierendes Sonnenlicht lässt sich finden. Selbst zu Nacht werden Straßen durch mattes Laternenlicht und Wohnungen durch medizinisch helles Neonlicht bestrahlt. Alles wirkt kühl, unangenehm offen und sicher.

Hier bricht kein gewohnter Schatten ein, kein dunkler Mörder schleicht vor dem Licht verborgen an sein Opfer, Dunkelheit wiegt nicht in miteiferndem Schutz. Teilweise meint man sich, wie die Protagonisten selbst, in den grellen Schauplätzen zu verlieren; man fühlt sich ausgeliefert, beinahe präsentiert. Zu trügerisch wirkt die Helligkeit, ihre potentiellen Geheimnisse und dunklen Ecken verbergend komplett unnatürlich. Argento und sein Kameramann Luciano Tovoli gehen sogar so weit und benutzen ein spezielles Filmmaterial, extrem lichtempfindlich und jegliches Filmszenario in „Tenebre“ wunderbar unterstützend.

Dieses unwirkliche Flair wird ergänzt durch den modernistischen Touch des Films. Nicht verträumt romantisch wie einst „Profondo Rosso“ oder „Suspiria“, verhält sich die Optik bei „Tenebre“ extrem nüchtern, klare Linien, rechteckige und kubische Formen dominieren die Schauplätze. Fast mathematisch bzw. geometrisch zusammengesetzt scheint die Welt im fiktiven Rom der nahen Zukunft (5-10 Jahre anno dazumal voraus) zu sein. Hypermoderne Wohnungen mit ihrer ebenso ausgefallenen Ausstattung, trotzdem gefühllos und steril wirkend.

In dieses beschriebene Szenario schneiden nun messerscharf die pervers-anrüchigen Abartigkeiten eines Mörders ein. Die längst bekannten, lang und detailliert umgesetzten Morde besitzen eine immense Oberfläche an sexueller Sprache. Metaphorisch und bildhaft werden permanent erotische, nahezu fetischistische Akzente gesetzt, welche zur Thematik des Films passen. Und das ist das Geniale an Argento und seinen Bildern, er lässt Schreckenstaten zu etwas Anziehendem, etwas Schönem werden – auch wenn einem im selben Moment die Abartigkeit dieser Handlung klar wird. Argento spielt mit seinen Bildern, spielt mit dem Betrachter. Besonders sticht hier die Szene vor, als Jane (Veronica Lario) der halbe Unterarm abgetrennt wird und sie in Panik durch die Wohnung taumelnd, eine kalkweiße Wand mit dem aus der Wunde austretendem Blut bespritzt. Besudelt wäre der bessere Ausdruck, da wahrlich tiefrotes dickflüssiges Blut en màsse austritt. Purpurrotglänzend teilt diese Spur die weiße Wand in zwei Hälften und könnte im übertragenen Sinne als das selbe gespaltene Gefühl des Zuschauers dazu gesehen werden. Abstoßend in ihrer Grausamkeit, birgt diese Szenerie gleichzeitig eine seltsam attraktive Faszination. Das ist kein Zufall, denn Argento ließ sich zu dieser Szene durch den Österreicher Hermann Nitsch und sein „Orgien Mysterien Theater“ inspirieren. Menschen an eine weiße Leinwand gelehnt, werden mit Massen an blutroter Farbe übergossen und erzielen in ihrem Anblick selbigen Anblick wie Veronica Lario in „Tenebre“.

Einer der Superlativen im Giallogenre, spannend inszeniert und durch enorme optische Anziehungskraft vom ein oder anderen Plothole ablenkend, weiß „Tenebre“ auf ganzer Linie zu überzeugen. Moderne Synthiemusik der Goblinformation und mehr als befriedigende Schauspieler machen den Film zu einem Fest für die Sinne, das in seiner Intensität im Genre nach seinesgleichen sucht. Sinnlich, berauschend und faszinierend!

>> geschrieben von Benjamin Johann

 

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