Die besten Horrorfilme 2019: Unser Jahresrückblick

In einer Zeit, in der bombastische Multi-Millionen-Dollar-Superheldenabenteuer den Markt immer stärker dominieren, fällt es düsteren Genrefilmen schwer, Aufmerksamkeit zu generieren. Dass Horror-, Thriller- und Science-Fiction-Stoffe dennoch ihre Plätze finden können, beweist das fast abgelaufene Jahr. 2019 hatte, blickt man auf den Kinobereich, eine durchaus bunte Mischung zu bieten. Große Effekt-Streifen wie Robert Rodriguez‘ Manga-Adaption Alita: Battle Angel kämpften neben standardisierten, innovationsarmen Gruselwerken wie Lloronas Fluch oder Annabelle 3 und ambitionierten Spannungsarbeiten wie Grant Sputores Regiedebüt I Am Mother um die Gunst des Publikums. Wer es laut und brachial haben wollte, konnte ebenso auf seine Kosten kommen wie jemand, der schaurige Geschichten mit Hintersinn bevorzugt. Dass gerade im Mainstream immer weniger Risiken eingegangen werden und die Macher eher auf die Kraft etablierter Marken setzen, darf und muss man kritisieren. 2019 zeigten einige der jüngeren Stimmen im Horrorkino aber sehr wohl, wie kraftvoll das Genre auch heute, in einem zunehmend formelhaften Umfeld, sein kann.

Wie gewohnt folgen nun unsere Jahreshighlights, bei denen wir uns über Kommentare, Kritik und Vorschläge freuen.



MIDSOMMAR

Bereits mit seinem Spielfilmdebüt Hereditary – Das Vermächtnis sorgte Regisseur und Drehbuchautor Ari Aster für unerwartete Furore. Vom unheimlichsten Horror-Streifen seit Friedkins Der Exorzist war rasch die Rede. Obschon diese Zuschreibung etwas hochgegriffen ist, demonstrierte der Amerikaner ein erstaunliches Gespür für böse Vorausdeutungen und zerstörerische zwischenmenschliche Dynamiken. Aspekte, die auch seine zweite Arbeit zu einem ausgefallenen, bestürzenden Erlebnis machen. Midsommar ist schon deshalb einen Blick wert, weil der in einer nordischen Kommune angesiedelte Film die Gesetzmäßigkeiten des Genres auf den Kopf stellt. Statt furchteinflößender Finsternis herrscht hier eine regelrecht bedrückende Helligkeit vor, die dem nur langsam eskalierenden Treiben eine surreale Note verleiht.

Der Plot mag für Horrorenthusiasten recht früh zu durchschauen sein. Auf dem Weg zum erschütternden Finale gelingt es Aster aber mehrfach, dem Zuschauer den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Midsommar ist grandios fotografiert, erzeugt dank seines detailverliebt ausgestatteten Schauplatzes in der pittoresken Einöde ein durchdringend mulmiges Gefühl und bebildert überzeugend das Auseinanderbrechen einer toxischen Beziehung, die von den ersten Szenen an unter einem denkbar schlechten Stern steht. Selten hat man in letzter Zeit auf der großen Leinwand einen schmerzhafteren Emanzipationsprozess gesehen.

DER LEUCHTTURM

Einen ähnlichen Aufstieg wie Ari Aster feierte auch Robert Eggers, dessen Erstling The Witch Kritik und Publikum weitgehend begeistert aufnahmen. Mit seinem zweiten Film, dem in existenzialistische Schwarz-Weiß-Aufnahmen getauchten Horrordrama Der Leuchtturm, legte er dieses Jahr einen ähnlich atmosphärischen Schauerstreifen nach und bewies, dass man aus einer begrenzten Prämisse – zwei Männer begeben sich auf eine einsame Insel – einiges an Verstörungskraft ziehen kann. Eggers scheut nicht vor stilistisch ungewöhnlichen Entscheidungen zurück, präsentiert den Film etwa in einem beinahe quadratischen Format und reichert den Abstieg in den Wahnsinn mit einer ordentlichen Portion absurden Humors an.

Das stark symbolisch aufgeladene Katz-und-Maus-Spiel der beiden Protagonisten beleuchtet destruktive männliche Eigenschaften und bietet unterschiedliche Interpretationsansätze. Wer sich für den Überbau nicht begeistern lässt, kann sich immer noch über die fulminanten Darbietungen von Robert Pattinson und Willem Dafoe erfreuen, die sich mit allem, was sie haben, in den Kleinkrieg der Leuchtturmwärter werfen. In wohl keinem anderen Film von 2019 reiben sich zwei Hollywood-Stars derart intensiv auf.

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BORDER

Bizarr, unvorhersehbar und Konventionen sprengend – wenn es in diesem Jahr ein Werk gab, das den genannten Umschreibungen vollauf gerecht wurde, dann war es wohl Ali Abbasis seltsam faszinierende Genre-Kreuzung Border. Basierend auf einer Kurzgeschichte von John Ajvide Lindqvist erzählt der im Iran geborene Regisseur von einer Zollkontrolleurin, die Gefühle riechen und Übeltäter dadurch treffsicher überführen kann. Der Film vermischt skandinavische Folklore, Fantasy-Bausteine, Krimi-Versatzstücke, romantische Anflüge und Drama-Elemente zu einem ebenso irritierenden wie aufregenden Cocktail.

Obwohl Hauptdarstellerin Eva Melander unter einen zentimeterdicken Maske steckt, bringt sie das Innenleben der fremdartig grobschlächtig aussehenden Grenzbeamtin auf ergreifende Weise zum Ausdruck. Ein weiterer Grund für die Aufnahme in die Jahresbestenliste sind die Denkanstöße, die Abbasis Literaturverfilmung liefert. Immer wieder animiert die Außenseitergeschichte das Publikum dazu, über Vorurteile, gesellschaftliche Zwänge und starre Kategorisierungen zu reflektieren. Obendrauf bekommt man eine der wohl schrägsten Sexszenen seit geraumer Zeit geboten.

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WIR

Mit Spannung erwartet wurde 2019 die zweite Regiearbeit von Jordan Peele, der für sein Filmdebüt, die bissige, Rassismus anprangernde Horrorsatire Get Out, einen Drehbuch-Oscar erhalten hatte. Sozialkritische Untertöne ziehen sich auch durch den Home-Invasion-Thriller Wir, in dem eine afroamerikanische Familie von merkwürdigen Doppelgängern bedrängt wird. Einmal mehr gelingt es dem aus der Comedy-Richtung stammenden Filmemacher, Grauen und skurrilen Humor zu einer ganz eigenen, beunruhigenden Melange zu verbinden. Gekonnt jongliert Peele mit sattsam bekannten Genremustern und verpasst ihnen mitunter einen frischen Anstrich.

Noch umfassender als Get Out untersucht Wir den Zustand der USA, die Gräben zwischen Schwarz und Weiß und die Konflikte zwischen Arm und Reich. Thematisch ist das Ganze sicherlich etwas überfrachtet. Und zweifelsohne lässt der Regisseur manche Überlegungen zu sehr in der Luft hängen. Verzeihen kann man ihm dies aber ohne Probleme, da er eine mysteriös-bedrückende Grundstimmung kreiert und seine in Doppelrollen auftretenden Schauspieler – allen voran Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong’o – zu mitreißenden Leistungen antreibt. Keine größeren Ansprüche zu haben und sich damit vor einem Scheitern abzusichern, ist weniger aufregend, als ein bisschen an seinen hohen Ambitionen vorbeizufliegen. Peeles Mut zur allegorischen Überhöhung hat auf jeden Fall Anerkennung verdient.

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CRAWL

Dass man auch mit einer einfach gestrickten, aber kompetent zusammengeschraubte Genre-Arbeit bestens unterhalten kann, führte uns 2019 der Franzose Alexandre Aja vor Augen. Nachdem die Unterkategorie des Tierhorrors dank „Sharknado“ und Co mehr und mehr in alberne Gefilde abgedriftet war, legte er mit seinem Alligatorenreißer Crawl einen kompakten, maximal auf Spannung getrimmten Beitrag vor, der überdies eine zupackende Heldin ins Zentrum rückt.

Die Leistung des Regisseurs wird besonders dann deutlich, wenn man seinen geradlinigen Survival-Thriller mit dem im Oktober angelaufenen 47 Meters Down: Uncaged vergleicht. Wo dort nervige Charaktere und schwach inszenierte Haiangriffe für gähnende Langeweile sorgen, schafft es Aja, seine Protagonistin zu einer echten Identifikationsfigur aufzubauen und die Attacken der überzeugend getricksten Krokodile mit einer gewissen Unberechenbarkeit aufzuladen. Crawl wird in 45 Jahren gewiss nicht die Wirkungskraft haben wie Steven Spielbergs Überklassiker Der weiße Hai. Vielen anderen Tierschockern ist das gut geölte, handwerklich nicht zu beanstandende Alligatoren-Kammerspiel aber überlegen. Auch, weil es nicht krampfhaft um ironische Einlagen bemüht ist, sondern zumeist mit einer gewissen Ernsthaftigkeit daherkommt.

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Als einer der peinlichsten Filme im Horror- und Thriller-Segment entpuppte sich 2019 zweifellos Daniel Farrands‘ Exploitation-Heuler The Haunting of Sharon Tate, der die realen Morde an Roman Polanskis Ehefrau und mehreren Bekannten mit einem dämlichen übernatürlichen Dreh versieht. Auch wenn das Unterfangen an Geschmacklosigkeit und Dilettantismus nicht zu überbieten ist, stellt für uns Sylvester Stallones fünfter Auftritt als Vietnam-Veteran John Rambo die größte Ernüchterung des Jahres dar.

Bedenkt man, dass die von Schriftsteller David Morrell geschaffene Figur vor vier Jahrzehnten in einem spannenden Actiondrama die Leinwände eroberte, kann man nur fassungslos sein, was in der Folgezeit aus dem traumatisierten US-Soldaten (Sylvester Stallone) geworden ist. Rambo: Last Blood (Rambo 5) präsentiert sich als über die Maßen dumpfe, unglaubwürdige, ohne Zwischentöne auskommende, rassistische Klischees bedienende Rache-Fantasie, die sich um die angeknackste Psyche des Titelhelden keinen Deut schert. Spätestens im absurden Splatter-Finale möchte man Stallone bei den Schultern packen, schütteln und fragen, was genau ihn da geritten hat. Unwürdiger hätte Rambos mutmaßlicher Abschied nicht ausfallen können.



Uraufgeführt wurde der britische Psychothriller Beast bereits 2017 beim Filmfestival in Toronto. In den Handel kam er hierzulande allerdings erst im Herbst 2019. Zum Glück, möchte man sagen. Denn Michael Pearce liefert ein bemerkenswertes Debütwerk ab, das von einer jungen Frau erzählt, die sich in eine stürmische Beziehung mit einem vermeintlichen Killer stürzt. Beeindruckend sind nicht nur die beiden Hauptdarsteller, deren Zusammenspiel eine rohe emotionale Wucht entfaltet. Erstaunlich ist auch, wie souverän der Regisseur visuelle Mittel und unheilvolle Töne einsetzt, um eine unbehagliche Atmosphäre zu etablieren.

Von den ersten Momenten an herrscht ein frostiges Klima, spürt man, wie eingeengt sich die Protagonistin in ihrem strengen Elternhaus fühlt. Langsam, aber unaufhaltsam legt der Film ihre dunkle Seite offen und steuert auf ein mehrdeutiges Ende zu, das man nicht so leicht abschütteln kann.



2019 hat gezeigt, dass im düsteren Filmschaffen noch immer Potenzial steckt. Dass man nach wie vor Geschichten finden kann, die beunruhigen und verblüffen. Ob 2020 allerdings in einer ähnlichen Dichte Horror- und Thriller-Werke abseits etablierter Pfade zu sehen sein werden, ist derzeit eher unwahrscheinlich. Natürlich gibt es auch im kommenden Jahr wieder unkonventionelle Arbeiten – etwa Antebellum, das Grimmsche Horrorwerk Gretel & Hansel, Jessica Hausners Körperfresser-Variation Little Joe – Glück ist ein Geschäft oder The Lodge von den Ich seh, Ich seh-Machern Veronika Franz und Severin Fiala. Aktuell hat es jedoch den Anschein, als würden Remakes – unter anderem Sam Raimis The Grudge – und Fortsetzungen – Escape Room 2, Conjuring 3, Halloween Kills, Ghostbusters: Legacy, um nur ein paar zu nennen – die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Vielleicht sind aber auch hier einige Überraschungen dabei. Wie toll wäre es zum Beispiel, wenn A Quiet Place 2 an die Qualität des packenden Vorgängers anknüpfen könnte!? Wo wir schon beim Wünschen sind: Etwas mehr anstrengen dürfen sich 2020 auch die großen Streaming-Dienste. Netflix und Co haben 2019 nämlich viel Gruselmittelmaß ins Schaufenster gestellt.

Das Serienjahr 2020 verspricht schaurig zu werden. ©HBO

Doch was dem Filmjahr an Abwechslungsreichtum und Mut fehlen könnte, macht 2020 in serieller Hinsicht wieder wett. Dafür sorgen mit Spannung erwartete Neuzugänge wie Stephen Kings The Stand und The Outsider, der parallel zum US-Start auch in deutschen TV-Haushalten einkehrt, HBOs bitterböse Cthulhu-Geschichte Lovecraft Country, die vor dem Rassismus-Hintergrund der Fünfziger spielt, oder Joe Hills mehrfach verschobenes Locke & Key. Dazu gesellen sich alte Bekannte wie die BBC-Neuadaption zu Dracula, die zweite Staffel von Netflix‘ Spuk in Hill House, genannt Spuk in Bly Manor (nach dem Roman von Henry James), Stranger Things 4 und frische Staffeln zu Black Summer, Westworld oder The Walking Dead samt neuer Ablegerserie The Walking Dead: World Beyond.


In diesem Sinne wünschen wir ein besinnliches Weihnachtsfest und erholsames Restjahr!

– Euer BlairWitch.de-Team

Geschrieben am 25.12.2019 von Christopher Diekhaus
Kategorie(n): News



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