Im Interview – Clancy Brown gibt in „The Mortuary“ den Grusel-Bestatter

Anfang der Neunziger wirkte Clancy Brown (Starship Troopers) unter Federführung des berüchtigten Crypt Keepers in HBO’s Kulthit Geschichten aus der Gruft mit. 30 Jahre später sorgt er nun selbst als wenig vertrauenerweckender Geschichtenerzähler dafür, dass uns die Haare zu Berge stehen – in der neuen Horror-Anthologie The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte, die seit gestern über Capelight Pictures in unseren Kinos läuft. Es warten vier Segmente, die Sam Raimi kürzlich als „völlig verdrehte Verquickung grausigen Spaßes und einfallsreichen Terrors“ umschrieb. Darum haben wir die Gelegenheit genutzt und uns anlässlich der deutschen Veröffentlichung mit Clancy Brown zusammengesetzt, der hier in die Rolle des Leichenbestatters und Erzählers Montgomery Dark schlüpft. Dabei kam unter anderem zur Sprache, weshalb viel Blut und Schweiß notwendig war, um diese Genreperle finanziert zu bekommen, was eine gute Anthologie ausmacht und wieso die Geschichte trotz der voranschreitenden Technologie immer an erster Stelle stehen sollte.

Clancy, Anthologien scheinen seit ein paar Jahren wieder beliebter zu werden. Was genau hat dich an dieser hier gereizt?

Du findest, dass sie in den letzten Jahren wieder populärer geworden sind? Das überrascht mich etwas, weil ich weiß, wie hart es für Ryan (Spindell) war, diesen Film überhaupt finanziert zu bekommen. Jedes Mal, wenn er damit vorstellig wurde, hieß es, die Realisierung sei unmöglich, weil man ihn nicht vermarkten könne. Es war also eine komplette Heldengeschichte notwendig, um endlich eine Person zu finden, die seine Idee tatsächlich unterstützen wollte. Aber eine Frau, ihr Name ist Allison Friedman, glaubte so fest an seine Vision, dass sie alle Hebel in Bewegung setzte und das nötige Geld auftrieb. Ohne sie gäbe es „The Mortuary Collection“ heute nicht. Deswegen habe ich mich ein wenig über deine Aussage gewundert. Ich meine, ja – sie waren schon immer beliebt. Aber sie scheinen wohl nicht ganz so profitabel zu sein.

Die Beispiele, die mir im Kopf herumschwirren, sind „American Horror Story“ oder „Black Mirror“. Aber sie haben den Vorteil, dass sie pro Episode oder Staffel eine in sich abgeschlossene Geschichte erzählen und euer Film innerhalb einer Rahmenhandlung viele kleinere.

Genau. Diese Anthologie-Serien sind etwas völlig anderes. Das sind tatsächlich alles in sich abgeschlossene Geschichten, die alle über ihre eigenen Komplexitäten oder Herausforderungen verfügen und Spaß machen. Aber bei einem Anthologie-Film muss sich jedes Kapitel mit dem jeweils anderen abstimmen, um sich passend in die Rahmenhandlung einzugliedern. Alles muss schlüssig und zusammenhängend sein. Das ist ganz schön hart und herausfordernd. Sicher auch deshalb, weil für gewöhnlich verschiedene Regisseure gemeinsam daran arbeiten. Aber in diesem Fall war Ryan für das Konzipieren jedes einzelnen Segments verantwortlich. In den 50er und 60er Jahren gab es auch schon Regisseure, die Anthologien ganz alleine auf die Beine stellten, aber das kam schon sehr lange nicht mehr vor.

Clancy Brown als Meister des Schreckens. ©Capelight

Mir gefällt, dass „The Mortuary“ immer wieder aufs Neues fesselt. Selbst wenn einem ein bestimmtes Segment nicht gefällt, kann die Sache beim nächsten wieder ganz anders aussehen. Dadurch weiß man nie so recht, was einen als Nächstes erwartet.

Das stimmt. Nicht jede Geschichte unterhält auf die gleiche Weise. Aber dieser Film regt zum Miträtseln an, weil man ständig darüber nachdenkt, in welcher Verbindung die Geschichten zur Rahmenhandlung steht. Auch setzt Ryan seine Schauspieler auf clevere Weise ein, sodass die einzelnen Geschichten schon allein dadurch miteinander verknüpft sind. Sie spielen sich alle innerhalb der Stadt ab oder drumherum, in der sich die Leichenhalle befindet. Es finden sich also überall Teile, die das Gesamtgerüst zusammenhalten – auch wenn es wie gesagt sein kann, dass dir eine der Geschichten nicht gefällt. Welche der einzelnen Segmente war denn dein Favorit?

Das war das mit der Schwangerschaft. Ich habe mich ständig gefragt, wie die Geschichte wohl aufgelöst wird – bis man es auf die schmerzhafteste Art und Weise erfährt.

(lacht) Ja, das war tatsächlich sehr schmerzhaft und grausam. Aber schön zu hören.

Vermögen dich Filme heutzutage noch zu überraschen? Das Problem wirst Du als Schauspieler sicherliche kennen: Je mehr man sieht, desto schwieriger wird es, kein Deja Vu-Erlebnis zu haben.

Es gibt einen Unterschied zwischen Filmen, die sich vertraut anfühlen und solchen, die dich wirklich überraschen. Aber als ich das Drehbuch zu „The Mortuary Collection“ las, war ich sofort der Meinung, dass es in allen Belangen funktioniert. Die krassen Überraschungen waren da, aber auch die nachdenklichen. Also solche, wo man vermutet, dass die Handlung in diese Richtung marschiert, nur um dann eine Kehrtwende zu machen. Dadurch wird speziell am Ende oft alles wieder auf den Kopf gestellt. Das passiert aber nie einfach so oder willkürlich, nur um spaßig zu sein, sondern überraschend logisch. Diese Handwerkskunst gefällt mir sehr, ebenso wie der Sachverstand, die selbstbewusste Form des Geschichtenerzählens oder die technische Fachkenntnis, welche für eine genaue Umsetzung der Vorstellungskraft vorausgesetzt wird. Ich muss also zugeben, dass ich Dinge schätze und liebe, die mit dem Filmerlebnis an sich gar nicht so viel zu tun haben. (lacht)

Es warten vier unheimliche Segmente. ©Capelight

Aber selbstverständlich mag ich es dann genauso, sie mir anzusehen. Ich bin aufgesprungen, habe gelacht und wurde regelrecht abgeholt. Ich mag den Film sehr. Ein Journalist hat mich mal gefragt, wann ich bei Filmen die Augen verdrehe. Aber so was kommt bei mir eigentlich nie vor. Ich habe nämlich festgestellt, dass wir die Dinge, die wir erwarten, aus einem bestimmten Grund erwarten und Teil dessen sind, was gutes Geschichtenerzählen ausmacht.

„The Mortuary“ war natürlich nicht deine erste Berührung mit dem Genrekino. „Friedhof der Kuscheltiere 2“, „A Nightmare on Elm Street“ oder „Little Evil“ sind nur ein paar Beispiele. Inwiefern hat sich deine persönliche Beziehung zu Horror in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Horror ist ein fantastisches Genre, einfach weil es zu Innovationen einlädt. Ich kann mich noch sehr gut an „The Blair Witch Project“, von dem eure Seite inspiriert wurde, erinnern und dass die Found Footage-Idee damals brandneu war. Erst kürzlich habe ich mich mit Regisseur Joe Dante über dieses Thema unterhalten, wobei Filme wie „Frankenstein“, „Frankensteins Braut“ oder „King Kong“ zur Sprache kamen, die damals alle ihren eigenen, noch nie dagewesenen Stil hatten. Alle genannten Titel waren von Grund auf innovativ und haben die damaligen technischen Möglichkeiten bis an ihre Grenzen ausgereizt, um ihre Geschichten zu erzählen. Darum macht mir Horror als Genre einfach Spaß. Und ich meine, wir kennen diese Geschichten, ihr Ursprung sind im Grunde Märchen. Daher wurden wir alle schon sehr früh in unserem Leben mit Horror vertraut gemacht und der Frage, wieso sie existieren. Das ist meine Beziehung zum Genre. Ich will einfach Teil von etwas sein, das cool und originell, gleichzeitig aber auch traditionell ist.

Gibt es denn irgendetwas über das alte Hollywood, das über die Jahre in Vergessenheit geraten ist und das du gerne zurückbringen wollen würdest?

(überlegt) Nicht wirklich. Aber mittlerweile kommt es vielleicht häufiger vor, dass Filme aus den falschen Gründen gemacht werden. Ich habe mal einen Film mit Regisseur Norman Jewison gedreht. Mittendrin musste er das Set verlassen, um einen Preis für sein Lebenswerk entgegenzunehmen. Und in seiner Rede sagte er: „Erinnert euch immer daran, dass es unser Job ist, Geschichten zu erzählen. Denn das ist es, was wir tun. Wir erzählen Geschichten.“ Solange die Handlung stimmt, spielt es keine Rolle, inwiefern sich die Technologie weiterentwickelt. Und genau das unterscheidet wirklich gute Filmemacher von jenen, die ausschließlich experimentieren und Spaß haben wollen. Aber das allein macht noch keinen guten Film. Die Geschichte muss immer an erster Stelle stehen.

Geschrieben am 23.10.2020 von Carmine Carpenito
Kategorie(n): News



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