Im Interview – House of Wax- und Orphan-Regisseur Jaume Collet-Serra

Seit dem heutigen Donnerstag macht Esther auch die deutschen Lichtspielhäuser unsicher. In seiner zweiten Regiearbeit für Dark Castle Entertainment holte Jaume Collet-Serra in der Tradionen großer Genre-Klassiker die teuflischen Kinder aus der Versenkung. In unserem ausführlichen Orphan-Interview sprach der gebürtige Spanier über die bitterböse Thematik, Kinder vor der Kamera und sein kommendes Projekt Unkown White Male. Hätte Rosemaries Baby eine ältere Schwester, dann wäre es Esther (Isabelle Fuhrman)! Hinter der Fassade des hübschen, intelligenten Waisenkinds verbirgt sich das Böse – kompromisslos, berechnend und kaltblütig. Nach einer Fehlgeburt entschließen sich Kate (Vera Farmiga) und John (Peter Sarsgaard) ihre Familie durch die Adoption des Mädchens zu komplettieren. Doch die frühreife Esther hat ihre ganz eigene Vorstellung vom perfekten Familienleben und wer sich ihr entgegenstellt, muss um sein Leben fürchten…

Warum jagen uns unheimliche Kinder im Horrorfilm solche Angst ein?

Ich glaube, wir Menschen sind so geschaffen, dass wir Kinder immer beschützen wollen vor dem Bösen in der Welt. Wenn nun aber das Böse selbst in Kindesgestalt auftritt, wird es unberechenbarer und schwerer zu bekämpfen. Kinder verbinden wir normalerweise mit Unschuld, darum ist ein Kind sozusagen die perfekte Tarnung für ″das Böse″. In ″Orphan″ kommt dazu, dass das kleine Mädchen nicht nur sehr böse, sondern äußerst clever ist und vor allem die Mutter damit zur völligen Verzweiflung und Todesangst treibt.

Du bist gebürtiger Spanier. Könnte es sein, dass das Motiv der ″bösartigen Kinder″ ein typisch spanisches Prinzip ist? Neben ″Orphan″ kamen in den letzten Jahren Filme wie ″Das Waisenhaus″, ″Shiver″ oder ″[REC]″ aus Spanien, die alle auf die ein oder andere Weise dieses Thema bedienen.

Ich kenne die Filme, glaube aber nicht, dass diese Häufung etwas mit dem Land zu tun hat. Das Thema ist zur Zeit generell einfach sehr populär im Horrorfilm. Da wäre noch ″Let The Right One In″, ″Case 39″ und es kommen in nächster Zeit auch noch einige weitere. Ich glaube, dass es sich da bloß um eine Phase im Horror handelt. Vor zehn Jahren waren eben Serienkiller und fiese Monster angesagt, jetzt sind es Kinder. [lacht]

Du hast gerade ″Let The Right One In″ erwähnt. Was dieser mit deinem Film gemein hat, ist, dass beide die Perspektive der Kinder sehr ernst nehmen und erfolgreich versuchen, den Zuschauer in diese kindliche Welt eintauchen zu lassen…

Das war die schwierigste Phase während des Drehs: Diese kindliche Perspektive glaubwürdig zu vermitteln. Da ruhte natürlich eine unglaubliche Last auf den Schultern der jungen Schauspieler, deren Agieren in diesem Fall über Gelingen oder Versagen des ganzen Films entscheidet.

Wie war denn die Arbeit mit den jungen Schauspielern, die ja zwischen sieben und zwölf Jahren alt waren? Speziell bei einem Horrorfilm stelle ich mir das sehr kompliziert vor.

Es war sehr schwierig und anstrengend, keine Frage. Zunächst einmal das zeitliche Problem: Minderjährige Schauspieler dürfen laut Gesetz nicht länger als vier Stunden pro Tag vor der Kamera stehen. Das zieht natürlich alles unglaublich in die Länge.

War es nicht merkwürdig, einem zwölfjährigen Mädchen dabei zuzuschauen, wie sie brutale Verbrechen begeht?

Eigentlich nicht, denn unheimlich oder schockierend werden die Szenen ja erst im fertigen Film, durch Hintergrundmusik zu Beispiel. Den Kindern hat es sogar viel Spaß gemacht mal so richtig bösartig sein zu dürfen. [lacht]

Wo siehst du die größten Unterschiede zwischen ″Orphan″ und deinem Debüt ″House Of Wax″?

Das sind zwei sehr unterschiedliche Filme. Zunächst einmal glaube ich, dass ″Orphan″ um einiges ″reifer″ und auch psychologisch interessanter ist als ″House Of Wax″. Wir hatten ein viel besseres Drehbuch als Grundlage. Bei ″House Of Wax″ ging es mir mehr um visuelle Aspekte. Es ist eben ein Slasher-Film, letztlich hatte ich nicht viel mehr zu tun als die Morde möglichst spektakulär in Szene zu setzen.

Immerhin hast Du so einen der visuell beeindruckendsten Showdowns der Horror-Geschichte kreiert…

Vielen Dank, das sehe ich genauso. Wie gesagt, es war mein Ziel, diesen relativ konventionellen Stoff zumindest rein optisch interessant zu machen. Bei ″Orphan″ habe ich hingegen versucht, mich mit visuellen Spielereien zurückzuhalten und den Fokus komplett auf die Schauspieler zu richten. Natürlich hätte ich den Film auch viel reißerischer und brutaler drehen können, aber das wäre meiner Meinung nach dem anspruchsvollen Drehbuch nicht gerecht geworden. ″Orphan″ ist so gedreht wie Horrorfilme aus den Siebzigern: Sehr ruhige Einstellungen und auf die schauspielersichen Leistungen konzentriert.

Welche Filme dieser Periode waren für dich denn besonders einflussreich?

Definitiv Roman Polanskis Horrorfilme aus den Siebzigern: ″Der Mieter″ und ″Rosemary's Baby″. Ich mag diese Filme so sehr, weil sie so real erscheinen. Es wäre schön, wenn ″Orphan″ auch mal so ein Kultklassiker würde.

Das Potential hätte er. Ist es das, was du mit deinen Filmen anstreben möchtest?

Meiner Meinung nach haben Filme eine längere Lebensdauer als nur das Startwochenende. "House Of Wax″ zum Beispiel: Am Anfang haben sich alle darüber lustig gemacht und besonders erfolgreich war der Film auch nicht. Als man dann langsam vergessen hatte, dass Paris Hilton mitspielt, habe ich oft von Leuten gehört: ″Ach, so schlecht war der Film auch nicht…″ Bei ″Orphan″ ist das anders. Da habe ich jetzt schon viel positives Feedback erhalten und hoffe einfach, dass ihn viele Menschen auf DVD und im Fernsehen für sich entdecken. [todernst] Aber ich mache mir keine großen Hoffnungen: Dieser Film ist einfach zu clever um kommerziell erfolgreich zu sein. Es gibt weder berühmte Stars noch Brüste zu sehen.

Findest du es nicht deprimierend, dass ein Film nur unter diesen Prämissen erfolgreich sein kann? Was ist mit deinem Beispiel ″Let The Right One In″? Der wird mit Sicherheit ein Klassiker werden und hat weder Brüste noch Stars.

Tja, das ist nun mal die Realität. Der Unterschied zwischen ″Orphan″ und ″Let The Right…″ ist einfach: Mein Film ist eine amerikanische Produktion und in Amerika definiert sich Erfolg ausschließlich über Geld. Glaubt mir: Hätte ich exakt den gleichen Film in Spanien oder meinetwegen Deutschland produziert, wäre er womöglich auch sofort zum Klassiker geworden. Hollywood hingegen bestraft einen nur dafür, wenn man einen cleveren Film macht.

Das muss dich doch unglaublich frustrieren…

Schon, aber aus diesem Grund mache ich Filme. Ich versuche den bestmöglichen Film zu drehen.

Anderes Thema: Du hast lange als Werbefilmer gearbeitet. Inwiefern hat diese Arbeit deinen jetzigen Stil oder das Herangehen an einen Film verändert?

Meinen Stil hat es nicht unbedingt beeinflusst und auch ansonsten kann ich das recht gut trennen. Einen Film zu drehen und einen einminütigen Werbespot zu konzipieren, sind einfach zwei komplett verschiedene Dinge. Meine Erfahrung in dieser Branche hilft mir allerdings, Probleme am Set schneller zu lösen und genau zu wissen, was für einen Look ich für den Film haben will. Ich arbeite einfach generell viel schneller.

In deiner Kindheit hast du vor allem amerikanische Western und Kriegsfilme geschaut. Wie kommt es da, dass du bereits zwei Horrorfilme gedreht hast und nicht etwa einen Western? Woher kommt die Faszination für den Horror?

Ach, ich würde das nicht unbedingt Faszination nennen. Die Filme, die ich als Kind gemocht habe, waren eben die Art von Filmen, die damals angesagt waren. Das heißt aber nicht automatisch, dass ich solche Filme machen will. Bitte verstehe mich nicht falsch: Es würde mir sehr gefallen, einen Western zu drehen, aber zur Zeit ist dieses Genre ziemlich tot, da macht kaum ein Studio mit. Das könnte sich allerdings bald auch wieder ändern…

Sprechen wir über deinen nächsten Film: ″Unknown White Male″…

Das wird ein echter Thriller, in dem es um einem Mann geht, der aus dem Koma erwacht und feststellen muss, dass ihm jemand seine Identität gestohlen hat. Das ist ein tolles Projekt, wir haben eine sehr gute Besetzung, u.a. Liam Neeson, und werden den Film komplett in Berlin drehen. Eure Hauptstadt wird ziemlich in Schutt und Asche gelegt, das kann ich schon verraten! [lacht] Aber ich werde auch auf jeden Fall weiter Horrorfilme drehen, ich habe da noch einige schöne Ideen… Ich möchte auf jeden Fall ungefähr jedes zweite Jahr einen Horrorfilm drehen.

Da muss man aber schon eine besondere Verbindung zum Horror-Genre haben, eine gewisse Faszination…

Faszination ist das falsche Wort, aber es macht mir unglaublich viel Spaß, Horrorfilme zu drehen. Bei ″normalen″ Filmen ist es doch so: Es gibt zwei bis drei gute Szenen und der Rest des Films ist nur dazu da, um auf diese Szenen hinzusteuern. Das ist doch langweilig! Im Horrorbereich hat man die Möglichkeit, jede Szene ganz besonders und stimmungsvoll zu inszenieren. Außerdem gefällt mir, dass man mit diesen Filmen die extremsten Reaktionen beim Publikum auslösen kann: Sie lachen, sie sind geschockt, überrascht… Außerdem sind Horrorfilme billig zu produzieren! [lacht]

Eine letzte Frage: Wie stehst du zum zeitgenössischen Horrorfilm? Welcher Film der letzten Jahre hat dir besonders gefallen und welcher gar nicht?

Tja, da muss ich schon wieder ″Let The Right One In″ bemühen. Ein großartiger Film und mit Sicherheit das Beste, was das Genre seit langem hervorgebracht hat. Ich freue mich auch sehr auf ″Paranormal Activity″, der soll sehr beeindruckend werden. Was ich gar nicht mochte, waren auf jeden Fall diese Torture-Porn-Geschichten. Das ist mir einfach zu dümmlich. Ich könnte niemals so einen Film drehen, wäre mir auch viel zu einfach. Das ist doch nur ein reines Austesten von Special Effects, sonst nichts. Die Kunst ist, das Publikum zu schocken, OHNE alles zu zeigen. Das Schrecklichste ist meistens, was sich im Kopf abspielt. Nehmen wir ein Beispiel aus ″Orphan″: Von der Szene, in der die Nonne getötet wird, hatte ich auch viel blutigere Einstellungen. Aber ich habe sie nicht verwendet und werde das auch nachträglich nicht tun. Und warum? Weil die Szene meiner Meinung nach viel schockierender und bösartiger wirkt als mit Sturzbächen von Blut.

>> Interview verfasst und geführt von Tim Lindemann

Geschrieben am 22.10.2009 von Torsten Schrader
Kategorie(n): News


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