X – Gut, aber kein Highlight: Unsere Filmkritik zum Retro-Slasher von Ti West

Wer mit dem Horrorgenre nur gelegentlich in Berührung kommt, wird mit dem Namen Ti West wahrscheinlich wenig anfangen können. Denen, die sich ein bisschen besser in düsteren Gefilden auskennen, dürfte er aber vermutlich ein Begriff sein. Seit seinem Start im Filmgeschäft mit The Roost – Angriff der Fledermäuse im Jahr 2005 erforschte der oft als Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Editor in Personalunion auftretende West in seinen Werken immer wieder Abgründe und entpuppte sich dabei als Fan früherer Dekaden. Besonders deutlich zu sehen in der Gruselgeschichte The House of the Devil von 2009, die sich sowohl inhaltlich als auch stilistisch vor dem Schauerkino der 1970er und 1980er Jahre verneigt. Ganz ähnlich verhält es sich nun in seiner neuen Arbeit X, mit der er seine Spielfilmpause seit dem 2016 veröffentlichten Western In a Valley of Violence beendet. Nach diversen Fernsehaufträgen – unter anderem für die Horrorserien The Exorcist und Them – schlägt West endlich mal wieder auf der großen Leinwand auf und serviert dem geneigten Publikum einen Retro-Slasher, der sich sehen lassen kann. Gleichwohl: Die teilweise angestimmten Lobeshymnen muss man dann schon etwas relativieren. Derart bahnbrechend, wie manche Kritiker behaupten, ist X bei Licht betrachtet nämlich nicht.

Griffig und auf einen Klassiker des Terrorkinos verweisend – so präsentiert sich die Grundidee des Films, der im Jahr 1979 spielt und eine Gruppe vorwiegend junger Menschen auf eine Reise ins ländliche Texas schickt, wo – wie soll es anders sein – das Grauen wartet. Tobe Hoopers ikonisches Schreckensmeisterwerk The Texas Chainsaw Massacre kommt einem angesichts dieser Komponenten natürlich sofort in den Sinn. Ti West ist bei weitem nicht der Erste, der diesem billig produzierten, aber ungemein effektiven Hinterlandthriller seine Ehre erweist. Im Gegensatz zu vielen Kollegen schafft er es jedoch, dem vertrauten Szenario eine eigene Note zu verleihen.

Seine Protagonisten sind nicht nur auf Spaß und Party aus, sondern jagen in der Provinz handfesten beruflichen Ambitionen nach. Maxine (Mia Goth), ihr deutlich älterer Lebenspartner Wayne (Martin Henderson), Bobby-Lynne (Brittany Snow), Jackson (Kid Cudi), RJ (Owen Campbell) und Lorraine (Jenna Ortega) wollen den erblühenden Pornomarkt erobern und quartieren sich im Gästehaus eines greisen Ehepaares ein, das sie, ohne es zu verraten, für ihren schlüpfrigen Dreh zweckentfremden. Schon die Begrüßung durch den Hausherrn Howard (Stephen Ure) fällt allerdings feindselig aus. Obwohl von da an eine seltsame Stimmung in der Luft liegt, stürzen sich die Sechs voller Elan in ihre Arbeit. Irgendwann nimmt der Ausflug in die Pampa indes eine blutige Wendung.

Ti West begeistert mit clever gebauten Suspense-Szenen

Eines muss man gleich vorwegschicken: Zuschauer, die bislang mit Ti West nicht warm geworden sind, werden ihre Meinung auch nach X nicht ändern. Denn abermals verweigert sich der Filmemacher dauerlärmendem Geisterbahnschrecken, wie er das moderne US-Mainstreamhorrorkino dominiert. Bis in seinem neuen Werk das Morden losgeht, dauert es eine geschlagene Stunde, die der kreative Kopf jedoch nutzt, um das sich schnell einstellende Gefühl einer unausweichlichen Gefahr kontinuierlich zu verdichten. Auch wenn die Erlebnisse von Maxine und Co nicht permanent Schaudern hervorrufen – immer wieder setzt der Regisseur Akzente, ohne dabei außergewöhnliches Hexenwerk zu betreiben. Ein schauriger Score, gut platzierte Standardmotive – das plötzliche Auftauchen einer Gestalt im Bildhintergrund – und clever gebaute Suspense-Szenen – ein Krokodil, das sich langsam auf eine ahnungslose Schwimmerin zubewegt – können ungemein effektiv sein.

Der ungewöhnlich lange Vorlauf zur Eskalation wirft zudem interessante thematische Fragen auf. Freigelebte Sexualität vs. Repression körperlicher Lust, weibliche Selbstermächtigung und der Schmerz über die eigene Vergänglichkeit, die Frustrationen des Alters spielen eine durchaus bedeutende Rolle innerhalb des Plots, hätten – auch das gehört zur Wahrheit – aber an einigen Stellen ruhig noch etwas tiefschürfender verhandelt werden dürfen. Ähnlich sieht es bei den Figuren aus, denen das Drehbuch die volle Entfaltungskraft verwehrt. Andererseits kann man West nicht vorwerfen, dass es keine überraschenden Entwicklungen oder Hintergrundinformationen gäbe. Ein Mitglied der Pornocrew, das zunächst als verklemmte Kirchenmaus beschrieben wird, verblüfft zum Beispiel mit einem Wunsch, der für Zunder in der Gruppe sorgt. Slasher-Klischees greift der Film mehrfach auf, wandelt sie allerdings zum Teil auch mit einem Augenzwinkern ab. So sind es hier meistens nicht, wie üblich, Frauen, die leicht bekleidet durch die Gegend laufen, sondern Männer, denen in unpassenden Augenblicken Klamotten überflüssig erscheinen.

Setzt das auf handgemachte Effekte vertrauende Blutvergießen ein, würzt der Regisseur das Geschehen mit einem kräftigen Schuss Absurdität und schüttelt dabei den ein oder anderen Irritationsmoment aus dem Ärmel, den man in einem konventionellen Multiplexschocker nicht serviert bekäme. Überhaupt hebt sich X mit seinem leicht staubig wirkenden Retrolook, seinem Einsatz alter filmischer Gestaltungsmittel wie Schiebeblenden wohltuend ab von den gelackten Oberflächen vieler heutiger Horrorarbeiten. Wüsste man es nicht besser, könnte man wirklich meinen, dass der Provinzalbtraum zu Zeiten von The Texas Chainsaw Massacre entstanden ist. Übrigens: All jene, die West mit seinem Slasher-Beitrag abholt, können sich auf ein bereits heimlich abgedrehtes Prequel freuen. Ein schon in X zum Tragen kommender Besetzungskniff, der sich jedoch erst im Abspann erschließt, wird auch im zweiten Film von Bedeutung sein. Mehr wollen wir darüber an dieser Stelle nicht verraten.

>> von Christopher Diekhaus

©capelight pictures

Geschrieben am 16.05.2022 von Carmine Carpenito
Kategorie(n): News, X



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