Moviebase Der Leuchtturm

Der Leuchtturm
Der Leuchtturm

Bewertung: 80%

Userbewertung: 94%
bei 102 Stimmen

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Originaltitel: The Lighthouse
Kinostart: 28.11.2019
DVD/Blu-Ray Verkauf: 09.04.2020
DVD/Blu-Ray Verleih: 09.04.2020
Freigabe: FSK 16
Lauflänge: Unbekannt
Studio: A24, New Regency Pictures, RT Features
Produktionsjahr: 2019
Regie: Robert Eggers
Drehbuch: Max Eggers, Robert Eggers
Darsteller: Willem Dafoe, Robert Pattinson, Valeriia Karaman

Weltweite Bekanntheit erlangte Robert Pattinson als Glitzervampir Edward in den Verfilmungen der „Twilight“-Saga. Dem Image des Teenie-Schwarms entzog sich der britische Darsteller anschließend jedoch konsequent, indem er anspruchsvolle und eigenwillige Rollen übernahm. Ob als besessener Abenteurer in „Die versunkene Stadt Z“, als Kleingangster in „Good Time“ oder als zermürbter Astronaut in „High Life“ – überall legte Pattinson eindrucksvolle Proben seines Könnens ab. Zu Höchstform läuft der einst nicht selten belächelte Mime nun in der Psycho-Horrormär „Der Leuchtturm“ auf, die einen Kleinkrieg zwischen zwei Männern ins Rollen bringt. Der ausschließlich an einem Ort spielende Film ist die zweite Regiearbeit des US-Amerikaners Robert Eggers, dessen Debüt „The Witch“ 2015 zu einem Überraschungserfolg avancierte. Entsprechend groß war die Erwartungshaltung mit Blick auf sein zweites Werk, das bereits nach seiner Weltpremiere in Cannes mit Lobeshymnen überschüttet wurde. Auch wenn der neue Streifen nicht ganz an die beunruhigende Qualität des Erstlings heranreicht, gehört Eggers zweifelsohne zu den derzeit spannendsten und talentiertesten Filmemachern im Gruselsektor.

Ende des 19. Jahrhunderts treten der unerfahrene Ephraim Winslow (Robert Pattinson, „The Rover“) und der alte Haudegen Thomas Wake (Willem Dafoe, „What Happened to Monday?“) ihren Dienst als Leuchtturmwärter auf einer einsam gelegenen Insel irgendwo vor der Küste Neuenglands an. Wer von den beiden das Sagen hat, macht Wake schon kurz nach ihrer Ankunft klar. Unmissverständlich reklamiert er die Aufsicht über das Licht für sich, während er Winslow mit anstrengenden Handlangertätigkeiten abspeist. Ephraim hält seine Frustration zunächst zurück, verliert aber mehr und mehr den Halt in der Realität. Als nach Ablauf ihrer Schicht die Fähre wegen heftiger Stürme nicht erscheint und die Vorräte langsam schwinden, spitzt sich die Lage zu.

„Der Leuchtturm“ ist anders und herausfordernd. Das sieht und spürt man schon in den ersten Momenten. Eggers präsentiert seine von einer wahren Tragödie inspirierte Geschichte nicht nur in existenzialistischen Schwarz-Weiß-Bildern, die an die Frühzeit des Kinos erinnern, sondern fasst sie auch noch in ein höchst unübliches, fast quadratisches Format und betont auf diese Weise das Gefühl des Gefangenseins auf dem Eiland. Jede Einstellung ist sorgsam komponiert, wirkt zugleich karg und seltsam faszinierend. Ähnlich wie in „The Witch“ begleitet eine bis ins Mark vordringende atonale Filmmusik das ungemütliche Treiben. Und äußerst geschickt nutzt der Regisseur Umgebungslaute, etwa ein immer wieder erschallendes Nebelhorn, um Verunsicherung zu erzeugen. Die bedrückende Intimität des beengten Schauplatzes wird bereits bei Ephraims anfänglicher Begehung des Leuchtturms deutlich. Bedrohlich knarzen die Holzbretter unter seinen Schritten. Unaufhörlich pfeift der Wind ums Haus. Und ungeniert furzt Wake in seiner Gegenwart.

Dass die Vier-Wochen-Schicht kein gutes Ende nehmen kann, steht von Beginn an außer Frage und wird von einigen mysteriösen Andeutungen des Drehbuchs untermauert. Wakes früherer Gehilfe, so erfahren wir, soll wahnsinnig geworden sein. Mehr als einmal befallen den zunehmend labilen Winslow seltsame, auch sexuelle, Albträume. Und noch dazu begegnet ihm regelmäßig eine ominöse Möwe, die kommendes Unheil anzukündigen scheint. „Der Leuchtturm“ ist ein Gebräu aus unheimlichen Tönen, merkwürdigen Monster-Visionen, symbolisch aufgeladenen Gruselimpressionen und hitzigen Wortgefechten und hebt sich wohltuend vom aktuellen Horror-Mainstream ab, der vor allem auf den Effekt des schnellen Schocks vertraut. Robert Eggers und sein Bruder Max, die gemeinsam das Skript verfassten, ziehen den Schrecken hingegen vor allem aus der ausweglosen, psychischen Stresssituation und schlagen ein gemächliches Eskalationstempo an. Unter der Oberfläche mag es sehr früh brodeln. Bis sich die Spannungen gewaltsam entladen, dauert es jedoch eine ganze Weile.

Die Auseinandersetzungen der Leuchtturmwärter, die man allein wegen der markanten Dialekte im Originalton auf sich wirken lassen sollte, fördern nach und nach unterschiedliche Charakterbilder zu Tage. Während der dominante, ständig saufende, Weisheiten hinausposaunende Wake angeblichen Seefahrerzeiten nachtrauert und sich an die Kraft der Mythen klammert, entpuppt sich Winslow als ein verzweifelt nach einem festen Platz im Leben Suchender mit dunklen Flecken in seiner Vergangenheit. Ihr manchmal auch absurd komisches Ringen um geistige Klarheit, Macht und Anerkennung ist eine Allegorie auf destruktive männliche Impulse und steht im Kontrast zu den Ereignissen in „The Witch“, die um düstere weibliche Eigenschaften und die Emanzipation der Frau kreisten. Eggers lädt den Zweikampf zwischen Ephraim und Thomas mit mehreren Deutungsmöglichkeiten auf, driftet erfreulicherweise aber nie zu sehr in sperrig-verkopfte Gefilde ab.

„Der Leuchtturm“ nimmt einen schon deshalb gefangen, weil Robert Pattinson und Willem Dafoe ihre Rollen mit unerschrockener Intensität ausfüllen. Wer die Geschichte zu dünn findet und mit der Symbolhaftigkeit des Geschehens nichts anzufangen weiß, kann sich immer noch an zwei fulminanten Auftritten erfreuen, die zuweilen – etwa in einer Art Begräbnisszene - beinahe körperliche Beklemmung hervorrufen.

>> von Christopher Diekhaus

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