Hitman: AbsolutionSechs Jahre sind eine lange Zeit, ganz besonders in einer schnelllebigen Welt wie jener der Videospiele. Stets besteht die Gefahr, irgendwann zum alten Eisen zu gehören. Dennoch hat IO Interactive den Schritt gewagt und dem Hitman eine umfangreiche Pause gegönnt, in der Mechaniken überarbeitet, alte Tugenden überdacht und vor allem die technische Seite generalüberholt wurden. Eines hat sich dabei gewiss nicht verändert: der Hitman (Codename: 47) geht weiterhin knallhart und skrupellos zu Werke, ohne Rücksicht auf Verluste, und stellt noch immer eines der besten Schleichabenteuer, das man für bare Münze erwerben kann. Da muss sogar die zuletzt veröffentlichte Konkurrenz in Form von Dishornered zurückstecken.

Die Frage, die sich zunächst stellt, ist aber: wie identifiziert man sich mit einem Serienkiller und steuert ihn möglichst sicher durch die Szenarien, an deren Ende auch schon das nächste Opfer wartet? IO Interactive versucht diese Hürde wieder mit der eigentlichen Spielstory zu umgehen, scheitert dabei aber zunächst an der Glaubwürdigkeit. Viele Sequenzen und Ansätze wirken einfach zu grotesk und weit hergeholt. Dass die dänischen Entwickler keinen Hehl aus dieser Herangehensweise machen, ließ sich schon im visuell beeindruckenden Storytrailer erahnen, der vor witzigen Einfällen und blutigen Tatsachen sprühte. Hat man sich mit dieser Tatsache arrangiert, fällt auf, dass viele Elemente für die breitere Zielgruppe fallen gelassen oder zumindest in den Hintergrund gerückt wurden. Auf dem einfachsten Schwierigkeitsgrad manövriert man den Hitman fast ohne Rätselhürden durch die Umwelt, stattdessen gibt es immer wieder Schleich- und auch Actioneinlagen.

Doch die Dänen lassen dem Spieler freie Hand und uns wahlweise in den schwierigeren Modus wechseln, in dem dann auch mehrere Herausforderungen auf gestählte Profikiller warten. Gegner lassen sich nun beispielsweise markieren, um deren Tagesablauf besser studieren zu können. Spieler der ersten Stunde dürften derlei Hilfsmittel natürlich links liegen lassen, machen sich im Zweifelsfall sogar eigenständig Notizen. Nötig ist all dies nicht, doch es bringt uns näher an das Spielerlebnis, das man aus den Vorgängern gewohnt ist. Neueinsteiger werden sich freilich über die eingebauten Features freuen und sie bereitwillig nutzen, müssen in dem Fall aber auch mit einem gehörigen Punkteabzug in der Endnote leben. Doch das dürfte am Ende kaum ins Gewicht fallen, schließlich zählt der eigene Spielspaß. Eher noch wird der Wiederspielwert durch die vielfältigen Bewältigungsmöglichkeiten erhöht.

Die Spielwelt hat IO Interactive so detailliert wie möglich auf die Bildschirme gezaubert. Blätter wiegen sich im Wind, während gelbliche Sonnenstrahlen hindurchfallen und ausufernde Schatten werfen. Überall herrscht geschäftiges Treiben, gehen Passanten ihrem Tagwerk nach und fahren Autos auf den Straßen. Kurz gesagt: dem digitalen Sandkasten wurde echtes Leben eingehaucht, er wirkt stets glaubwürdig und nachvollziehbar. Das steht zwar im krassen Gegensatz zur Geschichte, fungiert in dem Fall aber eher als Gegenpol. Allgemein sind die Reaktionen auf Hitmans Taten nun deutlich realistischer gehalten. Taktisches Vorgehen ist unbedingt erforderlich, sonst endet die sicher geglaubte Mission schon bald im Fiasko. Unser Protagonist darf sich beispielsweise in die Arbeitskleidung so mancher Örtlichkeit zwängen, muss dann aber auch damit leben, von den argwöhnisch reagierenden Mitarbeitern erkannt zu werden, wenn er nicht gut genug aufgepasst hat.

Es sind solche Schlüsselmomente, die den Reiz der Spielereihe ausmachen und richtig viel Spaß bringen. Jeder Handgriff und Schritt will wohl überlegt sein, denn oft sind rasche, im schlimmsten Fall sogar tödliche Folgen zu erwarten. Doch keine Angst vor dem Scheitern, denn genau diese Fehlschläge bringen uns ins Grübeln. Man will es schlicht besser machen, geht mit einem neuen Blickwinkel an die Thematik heran, überdenkt die Situation. Hitman: Absolution brilliert in diesen Situationen mit zahlreichen Lösungswegen. Genau diese Highlights sind es dann auch, die über so manches Manko hinwegtäuschen können. Das Checkpoint-System etwa darf als durchweg misslungen betrachtet werden, während die Level zwar Weite vortäuschen, oft aber in zu kleinem Rahmen abgesteckt sind.

Am Ende spielt Hitman: Absolution seine größten Stärken genau dann aus, wenn alle unnötigen Hilfestellungen in den Wind geschlagen werden und man angespannt auf die nächsten Schritte wartet oder einfach nur beobachtet. Wer den alten Hitman sucht, der uns seit nunmehr über einem Jahrzehnt begleitet, wird ihn also auch hier finden. Der Spagat zwischen Mainstream und alten Hardcore-Fans ist gelungen, wenn auch mit Abstrichen. Bleibt nur zu hoffen, dass uns IO Interactive nicht erneut sechs Jahre auf die Rückkehr des berühmten Glatzenträgers warten lässt, den sicherlich nicht nur wir vermissen würden.

>> verfasst von Torsten Schrader




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