dont-breatheFede, dein Film lässt Horror und Thriller zu einem Albtraum mit verstörend realer Komponente verschmelzen. Was hat dich an der Geschichte besonders gereizt?

Am Anfang stand die Überlegung, sich mit dem Home Invasion-Subgenre zu beschäftigen. Da dieses üblicherweise einem bestimmten Schema folgt, mussten wir herausfinden, wie wir das Konzept so beugen können, dass es auf eigenen Füßen steht. Irgendwann haben wir uns überlegt, wie es wohl wäre, eine solche Geschichte aus Sicht der Einbrecher zu erzählen; und wenn, wie wir das vernünftig umsetzen könnten. Außerdem fanden wir, dass es interessant wäre, den Besitzer des Hauses mit einem Handicap auszustatten. Aber erst, als wir uns sicher waren, dass wir die idealen Voraussetzungen geschaffen haben, wurde es ernst. Von da an waren wir Feuer und Flamme.

Wann immer wir fremdes Terrain betreten, müssen wir uns an die Regeln des Eigentümers halten. In Amerika haben Hausbesitzer sogar das Recht dazu, Einbrecher auf ihrem Grundstück zu erschießen. Einige taten sich nach dem ersten Trailer deshalb schwer damit, diesen Gaunern über die Schulter zu blicken und mit ihnen zu sympathisieren. Aber man muss sich nur Filme wie "Psycho", "Der Fremde im Zug" oder "Vertigo - Aus dem Reich der Toten" ansehen. Keiner der Protagonisten in diesen Filmen agiert heldenhaft. Sie alle haben zweifelhafte Moralvorstellungen. Und dennoch sind es die spannendsten Charaktere. Bei Filmen mit solchen Figuren kann man nie mit Gewissheit sagen, wie die Geschichte endet. Ganz einfach aus dem Grund, weil man gar keine Ahnung hat, wer jetzt überhaupt im Recht ist und dementsprechend gewinnen sollte. Wenn man in einem Film einer Figur folgt, die ganz klar als Held dargestellt wird, ist einem sofort klar, dass man ihr das Glück gönnen und die Daumen drücken soll. Bei "Don't Breathe" ist das eben nicht so.

Entspricht es der Wahrheit, dass der Film eine direkte Reaktion auf jene Kritiker ist, die deinem Spielfilmdebüt „Evil Dead“ zu viel Gore und zu wenig Suspense vorgeworfen haben?

Ja. Allerdings würde ich nicht unbedingt sagen, dass ich den Film speziell für die Kritiker gemacht habe. Eher für jene Zuschauer, deren Meinung ich in gewisser Weise teile. Viele fanden „Evil Dead“ gut, waren jedoch der Ansicht, dass das Remake zu viel Blut enthielt. Deshalb wirkte er auf einige Zuschauer vielleicht nicht ganz so unheimlich, wenn auch immer noch schockierend. Andere wiederum, mich eingeschlossen, liebten das Blut. Aber ich war trotzdem auch der Ansicht, dass wir als Nächstes etwas anderes ausprobieren sollten. Etwas, das zwar fast ohne Blut auskommt, aber mindestens genauso schockierend ist. Hier und da kommt natürlich immer noch ein bisschen Kunstblut vor. Es ist also nicht so, dass wir vollständig darauf verzichtet haben. Die Sache ist die, dass man bei so blutig-schockierenden Filmen wie „Evil Dead“ kaum Platz für Suspense hat. Also haben wir beschlossen, uns dieses Mal voll und ganz auf den Nervenkitzel zu konzentrieren. Also ja, auf eine Art und Weise ist „Don’t Breathe“ definitiv eine Reaktion auf Feedback.

Würdest du sagen, dass „Don’t Breathe“ vielleicht noch schockierender als „Evil Dead“ geworden ist, weil sich so ein Szenario auch im realen Leben abspielen könnte?

Ob man so empfindet, liegt natürlich im Auge des Betrachters. Aber für mich ist er das allemal. Denn wie du schon gesagt hast, handelt es sich um eine echte Welt. Manche Teile im Film sind von Schlagzeilen inspiriert, von denen die Leute zwar sicher schon gehört haben, es aber gleichzeitig überraschend finden, dass so was auch wirklich geschehen sein soll. Zu wissen, dass sich so etwas Tragisches irgendwo ereignet hat, kann durchaus unheimlich sein. Bei „Evil Dead“ war von Anfang an klar, dass eine übernatürliche Geschichte erzählt wird. Deshalb gibt es keine Brücke zur Realität und dementsprechend macht man sich dann auch keinerlei Gedanken darüber. Bei „Don’t Breathe“ könnte mehr haften bleiben. Zumindest hoffe ich darauf.

Da wir gerade beim Thema sind: Du wolltest es unbedingt vermeiden, erneut auf dieser bekannten Schiene zu fahren, weil paranormale Aktivitäten in Filmen inzwischen zum Trend geworden sind. Langweilt dich das Subgenre mittlerweile oder hast du im Moment einfach nur das Interesse verloren?

Ich wollte den aktuellen Trend auf jeden Fall umgehen. Ob mir das auch wirklich gelungen ist, ist Ansichtssache. Ganz so schwierig war es aber nicht. Wenn du dich zurücklehnst und dir einige solcher Filme ansiehst, stellst du ziemlich schnell fest, was sie gemeinsam haben und welchem Trend sie nachgehen. Sobald du an diesem Punkt angelangt bist, kannst du bewusst eine andere Richtung einschlagen. Was „Evil Dead“ damals so einzigartig machte, war das unüblich hohe Level an Gore. Das bekommt man normalerweise ausschließlich in kleineren Horrorfilmen zu sehen, die man im Heimkino genießt. Der breiten Masse bleiben diese Momente jedoch verwehrt. Daher wollten wir es wagen und dem Mainstream Publikum eine große Portion Gore servieren. Und nun war es unser Ziel, übersinnliche Themen zu umgehen. Es gibt ja viele andere Filmemacher, die Fans solcher Filme ausreichend versorgen. Deswegen wollten wir etwas auf die Beine stellen, das authentisch ist, klassisch daherkommt und an Filme von Alfred Hitchcock erinnert. Das trifft speziell auf „Psycho“ zu, wo man zunächst meint, den genauen Handlungsverlauf zu kennen, dann jedoch schlagartig mit einer ungeahnten Wendung überrascht wird.

Ging Dir „Don’t Breathe“ leichter von der Hand, weil es sich um ein Original handelt?

„Don’t Breathe“ war sogar noch schwieriger umzusetzen als "Evil Dead". Allerdings fällt es mir schwer, das zu erklären. Schaust du Fußball? Bestimmt tust du das!

Ehrlich gesagt bin ich nicht sehr sportbegeistert.

(lacht) Ich genauso wenig. Aber wenn du ein Remake machst, fühlst du dich irgendwie in der Rolle des Torwächters. Jeder geht davon aus, dass du beim Elfmeterschießen versagst. Aber wenn du den Ball fängst und somit jedem in deinem Team den Tag rettest, sind alle perplex. So ähnlich war es bei "Evil Dead". Bei „Don’t Breathe“ lastete mehr Druck auf mir, weil man Geldgeber und Kinogänger dazu einlädt, einen Film zu unterstützen, der keine Vergangenheit besitzt und von dem somit noch nie jemand gehört hat. Viele Zuschauer regen sich tierisch darüber auf, wenn Hollywood phasenweise nur Remakes und Fortsetzungen produziert. Aber wird tatsächlich mal ein Original umgesetzt, denken einige plötzlich wieder anders und bevorzugen eben Altbewährtes. In unserem Fall hoffe ich, dass wir Kinogänger davon überzeugen können, sich in einen Saal zu setzen und einem Original die Chance zu geben.

  • von Carmine Carpenito




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