Radha, nach Genrefilmen wie „Silent Hill“, „Rogue“ oder „The Crazies“ könnte man dich inzwischen als DIE australische Scream Queen schlechthin bezeichnen, oder

Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. (lacht) Aber ja, denn wer sonst dreht Horrorfilme? Diese Beschreibung ist urbildlich, aber Australien bietet bestimmt ein paar Horrorköniginnen.

Was genau fasziniert dich denn so sehr am Genrekino?

Die Mischung aus Gefühlstiefe, Kreativität und Expression macht es aus. All das interessiert mich. Außerdem ermöglicht dir das Genre, etwas wilder und unkonventioneller zu sein. Das gefällt mir. Auch der menschliche Verfall einer Figur kann für einen Schauspieler äußerst spannend werden.

Deine erste Zusammenarbeit mit Greg McLean war vor zehn Jahren für „Rogue“. Welche Veränderungen und Entwicklungen hast du auf dem Set zu „The Darkness“ bei ihm festgestellt?

Großartig finde ich, wie unkompliziert die Zusammenarbeit mit ihm verläuft. Er weiß, wie man seine Leute führt. Auf seinen Sets fühlt es sich immer so an, als wäre man auf einer Party. Es liegt ihm sehr am Herzen, die Mitwirkenden positive Erfahrungen sammeln zu lassen. Um die gewünschte Atmosphäre zu bewirken, setzt er eine Menge Energie ein. Außerdem denkt er immer zuversichtlich und trifft konstant die richtige Entscheidung. „The Darkness“ mag kein hochbudgetierter Film sein, aber Greg geht mit den wenigen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, sehr selbstsicher um. Zudem liebt er die Spontanität, weswegen er Wert auf naturalistische Reaktionen seiner Schauspieler legt. Alles soll sich möglichst echt anfühlen. Das ist eine seiner Hauptfähigkeiten.

Seine Filme machen oft mit reichlich Erdkunde auf sich aufmerksam. In „Wolf Creek“ war es der Krater, in „Rogue“ das Krokodil und in „Wolf Creek 2“ die Historik zwischen England und Australien.

(lacht) Kleine Geschichtslektionen sind tatsächlich vorhanden. Aber ich bin mir nicht sicher, wie viel man ab dem Albtraum der dysfunktionalen Familie aus „The Darkness“ lernt. Man erfährt etwas über ein antikes Indianervolk, welches angeblich von Dämonen besessene Steine auf unterirdischem Boden versteckte. Entfernt man sie von ihrem Platz, wird eine böse Kraft entfesselt, die in unsere Welt eindringt. Das könnte man so interpretieren, dass die Natur ihren Besitz irgendwann zurückfordert. Aber ich denke nicht, dass der Film die Absicht hat, bewusst Stellung zu dem Thema zu nehmen.

Greg's bisherige Filme haben aber schon etwas Geographisches an sich, oder?

Ja, Geographie spielte immer eine große Rolle, sei es in der Geschichte selbst oder für die Figuren im Film, die sich auf völlig fremdes Terrain begaben. In „The Darkness“ bleiben wir jedoch zu Hause. (lacht) Die Familie wird in ihren eigenen vier Wänden attackiert. Das unterscheidet sich stark von Greg’s bisheriger Art des Geschichtenerzählens. Normalerweise befasst er sich mit Figuren, die ihre gewohnte Umgebung verlassen, an verschiedene Schauplätze reisen und dort den Horror vorfinden. Aber in unserem Film lauert das Böse im eigenen Wohnreich, was der Intensität einen ordentlichen Schub verleiht. Denn wo soll man hin, wenn es selbst im vertrauten Reich nicht mehr sicher ist?

Die Idee zu „The Darkness“ basiert auf einer wahren Geschichte, die sich in Australien ereignete. Wie einfach fällt es dir an solche Ereignisse zu glauben, wenn es dadurch automatisch auch den Glauben an das Übersinnliche voraussetzt?

(lacht) Ich bin ziemlich offen, was das betrifft, allerdings auch niemand, der solche Geschichten dramatisiert und sich vorstellt, ob Leute wirklich einem Geist begegnet sind oder nicht. Alles ist möglich.

Glaubst du denn, dass manche Menschen vielleicht nur an das Übersinnliche glauben, weil sie sich Gewissheit einreden wollen, dass der Tod nicht das Ende ist?

Ja. Wenn jemand von uns geht, spürt man trotzdem noch dessen Anwesenheit. Man fragt sich, wohin es die ganze Energie dieses Menschen verschlägt. Irgendwo muss sie ja hin. Es gibt Geschichten, die das zu erklären versuchen. Aber keine von ihnen ist deutlich genug, damit sie auch wirklich Sinn ergibt. Also halten wir einfach an der Möglichkeit fest, dass es irgendwie weitergeht. Unserer Unterhaltung zuliebe können wir unsere eigene Vorstellung aber auch hervorragend in unheimliche Alternativen fürs Kino transformieren. (lacht)

Die Präsenz lässt die Figuren im Film mit ihren inneren Ängsten konfrontieren. Welche Überraschung würde dich erwarten, wärest du verflucht?

Einer der wohl unheimlichsten Filme war für mich „Gravity“. Der Gedanke, unwirksam im Nichts zu schweben, jagt mir Angst ein. Also wäre es höchstwahrscheinlich das Leben eines Astronauten, das mich zum Ausflippen bringen würde. (lacht)

Wie sieht es mit Tieren aus? Im Film wird eine Figur beispielsweise mit ihrer Schlangenphobie konfrontiert.

Du meinst, welche Tiere mir Angst einflössen?

Genau. Oder seid Spinnen und du beste Freunde?

Nein, Spinnen lösen in mir nicht gerade ein Wohlbefinden aus, ebenso wenig wie Schlangen. Aber mein Vater lebt in einer australischen Stadt und besitzt eine Schlange. Und zwar eine von den ganz giftigen. Doch er hat sie trotzdem in seinem Haus. Als ich sie zum ersten Mal sah, habe ich richtig laut geschrien. Aber nach einer gewissen Zeit gewöhnt man sich daran. So sind einem Dinge, vor denen man sich zunächst zutiefst fürchtet, auf einmal ganz sympathisch. (lacht)

Also kann man auch Schlangen gernhaben?

Das vielleicht nicht, aber sie sind auf jeden Fall sehr mystisch und magisch. Und wenn man auf Distanz geht, sehen sie sogar ziemlich schön aus. Aber bevor ich mich an sie gewöhnt hatte, fing mein Herz allein schon beim Anblick jedes Mal sofort an zu pochen. Immerhin war es so niemals notwendig, morgens einen Kaffee zu trinken. Ich musste einfach nur nach Schlangen suchen und schon war ich hellwach. (lacht)

Kommen wir zu einem ganz anderen Albtraum und zwar dem eines jeden Elternpaars, das sich wie im Film plötzlich von seinem eigenen Kind fürchtet, weil es sich verändert. Eine grauenvolle Vorstellung, nicht?

Unheimliche Kinder können ganz schon gruselig sein. Für mich sind das die furchteinflößendsten Figuren, die das Kino zu bieten hat. Aber es ist eine interessante Komposition, wenn ausgerechnet die Person, die man am meisten liebt, gravierende Veränderungen aufweist und man deshalb keine Ahnung hat, wie man damit umgehen soll. Genau das trifft auf den Jungen in unserem Film zu. Greg stellt die Situation auch sehr gut dar, da der Film im Grunde wie ein Familiendrama funktioniert. Es fühlt sich ziemlich authentisch an. Hinzu kommt, dass innerhalb vom Haus auch noch andere, sehr abnormale Sachen vonstatten gehen, die das Geschehen noch unheimlicher machen. Halt einfach, weil sich trotzdem alles immer noch in einer realen Welt abspielt.

Greg wollte eine Urangst, nämlich die Furcht vor dem Unbekannten, thematisieren. Was glaubst du, weswegen sich viele Leute so sehr vor dem Unbekannten fürchten, obwohl es so viel Gruseliges gibt, von dem wir wissen?

Für mich gibt es nichts Unheimlicheres als das Unbekannte. Das Ungewisse ist ein Ort, den du mit deiner eigenen Vorstellungskraft kreierst. Es kommt also ganz darauf an, wie kreativ es um deine Fantasie steht. Man ist sich stets bewusst, dass eine deiner schrecklichen Vorstellungen früher oder später eintreffen könnte. Allerdings kann man nie mit Gewissheit sagen, was tatsächlich passiert, sobald man die Tür öffnet. Selbst dann nicht, wenn man in seinem Kopf schon alle möglichen Szenarien durchgespielt hat. Dieses Gefühl entwickelt man auch während einer Filmsichtung. Man kann nie so genau sagen, was geschehen wird oder wovor man sich jetzt eigentlich fürchtet. Das finde ich ziemlich unheimlich.

Wie erklärst du dir das Phänomen, das Gruselfilme wie „The Darkness“ mit unserem Verstand anstellen? Wir wissen, dass Monster und Dämonen nicht wirklich existieren und trotzdem wagen sich viele Leute nach einem Horrorfilm kaum noch in den Keller.

(lacht) Na ja, so genau wissen wir es nun auch wieder nicht, oder? (lacht) Wenn ich es wüsste oder wir es wüssten, wäre es doch nervig. (lacht) Es kann alles Mögliche passieren. Selbst wenn man vermutet, es besser zu wissen, tut man es in Wahrheit nicht wirklich. Keiner tut es. Aber genau das ist das Schlüsselelement zur Angst. Wenn man sich vor etwas fürchtet, weil man nicht weiß, was es ist, kriegt man es mit seiner eigenen Furcht zu tun. Und dafür gibt es kein Schutzgehäuse, weswegen es ziemlich ungemütlich werden kann.

Entwickelst du denn während deiner Filme auch noch Angstgefühle?

Ich schätze Suspense in Horrorfilmen und mag Regisseure, die dich mit Spielereien bei der Stange halten. Außerdem mag ich es, wenn die Kinematographie über eine gewisse Eleganz beziehungsweise einen bestimmten Stil verfügt und die Geschichte Innovation versprüht. Natürlich will man immer noch schockiert und überrascht werden. Diese Erfahrung fordert man einfach. Wenn ein Film alle diese Qualitäten besitzt, kann man mich immer noch erwischen. (lacht)

Abschließend würde es uns interessieren, ob du erneut für einen Ausflug nach „Silent Hill“ zu begeistern wärst?

Nun, ich bin gut mit Samuel Hadida, einem der Produzenten der Reihe, befreundet. Wenn es eine Möglichkeit geben sollte, wieder zusammenzuarbeiten, wäre das toll. Ich finde, was Christophe Gans vor allem im Hinblick auf die Optik geleistet hat, ist unglaublich. Da kamen schöne Bilder zustande. Es wäre daher sehr interessant, das alte Team wieder zusammenzutrommeln.

Welchen Handlungsstrang würdest du denn gerne sehen wollen?

Am Erstling mochte ich sehr, dass er aus einem fast ausschließlich weiblichen Cast bestand. Das zu wiederholen, fände ich schön. Außerdem würde ich gerne sehen, wie Rose es irgendwie schafft, aus der Unterwelt zu fliehen, alle zusammenarbeiten, die Dunkelheit zu besiegen, anschließend die Sonne aufgeht und alle glücklich sind. (lacht)

  • von Carmine Carpenito




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