Pascal, bevor wir uns über deinen neuen Film „Ghostland“ unterhalten, möchte ich zunächst etwas Zeit zurückdrehen. „Martyrs“ feiert dieses Jahr sein zehnjähriges Jubiläum.

Richtig.

Der Film wurde nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa zum Kultklassiker und bekam in den USA sogar ein Remake spendiert. War es schwierig, auf diesen Erfolg aufzubauen?

Nein, da der Film beim Release noch kein Erfolgserlebnis war. Es dauerte locker sechs bis sieben Jahre, bis „Martyrs“ endlich als ein guter Film anerkannt wurde. Die Franzosen fanden ihn schrecklich und auch die französische Fachpresse hat ihn in der Luft zerfetzt. Ich musste mir echt eine Menge anhören, aber immerhin gab es schon damals eine kleine Gruppe Kinogänger, die den Film auf Anhieb verstand. Doch bis auch andere zu der Erkenntnis kamen und er breitflächiger auf Akzeptanz stieß, mussten erst einige Jahre verstreichen.

Und dennoch konntest du danach deine erste englischsprachige Produktion „The Tall Man“ in Angriff nehmen, die sich stilistisch stark von „Martyrs“ unterschied.

Nach „The Tall Man“ wollte ich etwas komplett anderes machen. Ich habe rund zwei Jahre an einem Drehbuch gearbeitet, das in eine sentimentale Richtung gehen, Suspense und Melodrama miteinander vermengen und im Herzen eine Liebesgeschichte erzählen sollte. Ich war verdammt stolz auf das Ergebnis und bin es noch. Allerdings konnte ich nie das notwendige Geld für die Realisierung auftreiben. Das war eine äußerst deprimierende Erfahrung, da meine Partner und ich uns beim Schreiben buchstäblich den Arsch aufgerissen haben. Einer der Gründe war das Budget, das über der Summe lag, mit der ich sonst auskomme. Am Ende fiel das Projekt komplett ins Wasser. Aus meiner Verzweiflung heraus musste ich mir also eine Alternative überlegen, schließlich mache ich Filme auch deshalb, um meine Miete bezahlen zu können.

Die Stadt, in der ich lebe, ist schweineteuer. Deshalb musste ich mir so schnell wie nur irgendwie möglich ein neues Werk einfallen lassen - eines, bei dem ich mir sicher sein würde, dass wir es auch tatsächlich finanziert kriegen. Mir war klar, dass ich mit einem Horror-Drehbuch schneller an zahlungswillige Investoren komme. Also habe ich Sommerurlaub gemacht und fleißig am Drehbuch geschrieben, das dann „Ghostland“ wurde. Nach gerade einmal fünf Monaten konnte ich bereits einen Vertrag unterschreiben und nach nicht ganz einem Jahr mit der Drehphase in Kanada beginnen.

Befasst sich „Ghostland“ deshalb mit den Höhen und Tiefen eines Autors?

Nun, in meinem Film konkurriert der persönliche Wunsch einer idealen Vorstellung tatsächlich mit der Realität. Ich hoffe nur, mein Film beantwortet keine Fragen. Er soll eher welche aufwerfen, da es letztlich immer noch um die Hauptfigur geht. Porträtiert wird das Leben eines 14-jährigen Mädchens, das dunkle Erfahrungen mit dem Bösen sammelt, dieses Leid und diesen Schmerz aber hinnehmen muss, um eine richtige Künstlerin zu werden. Dieser Handlungsteil war von Beginn an meine persönliche und emotionale Verbindung zur Geschichte. Es geht nicht um Lovecraft oder Bad Guys. Die Bad Guys in meinem Film stellen lediglich die Bedrohung dar, aber es hätten genauso gut auch andere Bösewichte sein können. Es geht eher darum, wie man unter schwierigen Umständen zu einem großartigen Autor wird.

Da wir schon bei Lovecraft sind: Für Beth gäbe es nichts Wichtigeres als seinen Zuspruch. Wessen Zustimmung würde dir am meisten bedeuten?

Puh, es gab oder gibt so viele Künstler, die ich schon mein ganzes Leben lang bewundere. Ich bin Beth in dieser Hinsicht sehr ähnlich. Eigentlich war ich mit 14 genau wie sie. Ich war total besessen von Musik und Filmen und habe heimlich mit Geistern kommuniziert, die in Wirklichkeit verstorbene Künstler waren. (lacht) Ich bewundere viele Regisseure. Aber als ich am Set von „Ghostland“ war und in Kanada jeden Tag an ihm arbeitete, war mein persönlicher Lovecraft niemand anderes als Tobe Hooper.

Sein Gespür für groteske und explizite Bilder war unverwechselbar. Ich stand immer gegen 6 oder 7 Uhr auf und war nicht selten total erschöpft. So sehr, dass ich nicht einmal mehr Bock darauf hatte, den Film zu Ende zu drehen. Ich stand sogar kurz davor aufzugeben oder einen massentauglicheren Film zu machen. Doch in solchen Momenten schoss mir dann immer wieder Tobe Hooper durch den Kopf, was mich dazu ermutigte, doch weiterzumachen und Grenzen zu überschreiten. Denn was Horrorfilme so spannend macht, ist, dass sie oft das aussprechen oder zeigen, was die Gesellschaft gerne unter den Teppich kehrt. Und genau das tat Tobe Hooper in seinen Filmen. Als er dann starb, und das war während der Fertigstellung unseres Films, traf mich das ziemlich hart.

Tobe Hooper hatte tatsächlich seine eigene Stimme, ganz anders als Beth im Film. Wie lange hat es bei dir gedauert, bis du deine eigene Stimme gefunden hattest?

Ich habe den traditionellen Fehler gemacht, den die meisten jungen Filmemacher begehen, wenn sie ihren ersten Spielfilm umsetzen. Es war ein Geisterfilm, der in Frankreich spielt. Im französischen Original hieß er „Saint Ange“, international trug er den Titel „House of Voices“. Und ich habe da echt alles falsch gemacht, was man als Nachwuchsregisseur nur hätte falsch machen können. Ich habe im Film meine Liebe für das Kino demonstriert, anstatt mein eigenes Kino zu kreieren. Das habe ich aber erst so richtig realisiert, als der Film bei seiner Premiere von Kritikern völlig auseinandergenommen wurde und auch beim Publikum durchfiel. Er wurde missverstanden, kam aber zu recht so schlecht an. In dem Film habe ich im Grunde nur meine Lieblingsfilme großer Regisseure reflektiert, anstatt mein eigenes Universum zu präsentieren. Das geschah dann erst mit „Martyrs“.

Lass uns näher auf Beth eingehen: Ihre Schwester findet es merkwürdig, dass sie Gruselgeschichten schreibt, obwohl sie sich selbst vor allem und jedem fürchtet. Denkst du, dass Autoren mit einer tiefen Verbundenheit zur Angst bessere Horrorhandlungen auf Papier bringen können?

Ja, das glaube ich tatsächlich. Das hat mit einer gewissen Form der Unschuld zu tun. Jede Schauermär und jedes Märchen, das mir als Kind erzählt wurde, habe ich immer sehr ernst genommen. Ich habe an sie geglaubt. Zynismus war das Beste an all dem, woran ich glaubte. Als Mensch bin ich heute mit allen möglichen Fehlern ausgestattet, aber eines bin ich ganz bestimmt nicht und zwar zynisch. Ich habe das Genrekino nie belächelt oder meine Charaktere verspottet. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass ich meinen Figuren überlegen wäre.

Abschließend würde ich gerne die erwachsene Beth zitieren: ‚Sie lieben nicht mich, sondern meine Verkaufszahlen.’ Wie viel Wahrheit steckt dahinter?

In dieser Branche trifft das Geld die Entscheidungen - und zwar alle. In Amerika war das schon immer so. Qualität wird dort in Zahlen interpretiert. Kassenschlager bedeutet gut. Nur leider eilt jetzt auch Europa diesem Ruf nach und das gerade einmal zehn Jahre nach „Martyrs“. Ich bin ein Kind des 20. Jahrhunderts und verabscheue das 21. total! Ich fühle mich von der digitalen Ära völlig erdrückt, weil sie im Grunde alles vernichtet hat, was ich jemals liebte. Zum Beispiel kleine Läden, wo man sich stets seine CDs oder VHS Kassetten kaufen konnte. Außerdem wusste man damals überhaupt noch nicht, um was es sich für einen Film handelte, den man sich da im Kino ansah oder in der Videothek auslieh. Man musste erst sein Geld ausgeben und erfuhr es hinterher. Heute ist das genaue Gegenteil der Fall. Ich hasse das Internet und das soziale Netzwerk! Diese Entwicklung macht mir echt zu schaffen. Meine Filme sind das Resultat dieser Frustration. Ich erschaffe immer Charaktere, die all das lieben, das ich liebte.




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