Julien Maury - Livid

Nachdem ich “Livid” gesehen hatte, war mein erster Gedanke: Was beunruhigt euch nur so an Mutter-Tochter-Beziehungen? Das ist ja hier wie auch in “Inside” ein sehr zentrales Thema...

Wir hassen eben unsere Mütter! [lacht] Nein, Quatsch. Also, glaube es mir oder nicht, aber das war wirklich keine bewusste Entscheidung. Erst nachdem wir “Livid” beendet hatten, sind uns die zahlreichen Ähnlichkeiten zwischen unseren beiden Filmen aufgefallen. Das kommt alles ganz natürlich, wenn wir zu zweit brainstormen. Wovon wir allerdings tatsächlich schon immer überzeugt waren, ist, dass es viel unheimlicher und verstörender ist, eine Frau als Bösewicht in einem Film zu besetzen. Und auch Beziehungen zwischen Eltern und Kindern bieten natürlich tollen Stoff für Horrorgeschichten, aber wir haben nie bewusst entschieden, in diese Richtung zu gehen.

Interessant, was du über die Frauenrollen sagst. In euren Filmen sind Frauen ja generell die viel stärkeren Charaktere. Die Männer sind meist naiv, ein bisschen dumm und werden frühzeitig umgebracht...

Das stimmt absolut. Besonders bei “Livid” haben wir darauf Wert gelegt, dort sind die männlichen Charaktere ja wirklich sehr dumm und feige. Wir wollten das Genreklischee aufbrechen: Zuerst setzt sich der ältere Bruder an die Spitze der Gruppe und kehrt eine typische Macho-Attitüde heraus, aber sobald Sachen anfangen schief zu laufen, verwandelt er sich in ein absolutes Weichei. Wir wollten natürlich, dass sich das Publikum mit der weiblichen Heldin, Lucie, identifiziert, aber gleichzeitig auch mit dem scheinbaren Bösewicht. Denn ich und Alex finden, dass die Monster, Schurken und “Bad Guys” in Filmen doch eigentlich immer die interessantesten Charaktere sind - sie sind psychologisch viel komplexer. Warum gehen Menschen sonst wohl und schauen sich zum hundertsten Mal Freddy Krüger, Jason und Leatherface an? Und über wen hat George Lucas seine zweite “Star Wars”-Trilogie gedreht? Richtig: Darth Vader, und nicht etwa Yoda. [lacht] Es macht uns einfach am meisten Spaß, solche düsteren, vielschichtigen Figuren zu entwerfen.

Félix Moati gerät in die Fänge des Bösen.

...die bei euch aus irgendeinem Grund immer mit einer rostigen Schere herumlaufen...

[lacht] Ja, ich weiß auch nicht, was unser Problem mit Scheren ist. Na ja, in “Livid” haben wir es dann natürlich als Anspielung auf “Inside” eingebaut.

Nach eurem Erfolg mit “Inside” hattet ihr ja angeblich auch einige Angebote aus Hollywood. Kannst du uns dazu etwas erzählen?

Zunächst einmal muss ich sagen, dass “Inside” nicht wirklich ein finanzieller Erfolg war. Wir haben allerdings gute Kritiken bekommen – erstaunlicherweise sogar zu Hause in Frankreich – und auf dem DVD-Markt hat sich der Film auch sehr gut geschlagen. Es ist eben schwierig, in Frankreich Genrefilme zu drehen – man bekommt nur wenig Unterstützung und Aufmerksamkeit, viele Produzenten haben Angst ein finanzielles Risiko einzugehen. Deshalb war es umso spannender für uns, dass wir nach “Inside” einen Anruf aus Hollywood bekamen, von den Weinstein Brüdern. Man weiß ja, wie das ist: Sobald ein junger, europäischer Regisseur einen ungewöhnlichen Film dreht und damit einen gewissen Erfolg erzielt, ruft Hollywood an – dort braucht man immer frisches Blut. Bob Weinstein bot uns also an, das Reboot von “Hellraiser” zu verfilmen.

Wir haben lange darüber nachgedacht, schließlich sind wir große Fans von Clive Barker, wenn wir auch selbst eher einen anderen Stil verfolgen. Bob drängte uns schließlich ein Skript zu schreiben und das taten wir: Der erste Teil unserer Story war eine klassische Gruselgeschichte und im zweiten Teil ging dann die Hölle los. Wir hatten dabei ein erwachsenes Publikum im Kopf und entschieden deshalb, eine etwa 40-jährige Frau als Hauptfigur einzusetzen. Aber das gefiel den Weinsteins leider gar nicht: “Horrorfilme sind für Teenager gedacht und die wollen keine alten Leute sehen. Baut bitte eine junge, hübsche Hauptdarstellerin mit großen Brüsten ein.” Wir fanden das ziemlich bescheuert, schrieben das Skript aber tatsächlich um, wieder und wieder. Irgendwann dachten wir uns: Können wir auf das Resultat überhaupt noch stolz sein? Irgendwann stiegen dann die “Saw”-Autoren mit in das Projekt ein, jede neue Fassung des Drehbuchs war schlimmer als die vorangegangene und wir entschieden uns, auszusteigen.

Können diese Augen schlechte Absichten haben?

Entstand die Idee zu “Livid” während dieses Prozesses oder hattet ihr das Projekt schon vorher im Kopf?

Weißt du, wir versuchen immer, unsere Projekte in Frankreich zu realisieren, darum hatten wir auch schon vor der “Hellraiser”-Geschichte den Plan gefasst, den nächsten Film hier zu Hause zu drehen.Wir wollen die Franzosen einfach davon überzeugen, dass französischer Horror auch cool sein kann, vielleicht sogar cooler als amerikanischer Horror. Das ist allerdings ein hartes Stück Arbeit. [lacht] Ursprünglich waren wir an einem anderen französischen Projekt namens “Neige” beteiligt, dort ging aber leider das Geld aus. Daraufhin sprach uns der Produzent von “Inside” an, ob wir mit ihm nicht noch einen eher kleinen Film drehen wollten. Uns ist die Low-Budget-Schiene ganz recht, denn es läuft alles viel entspannter ab, von daher sagten wir sofort zu. Wir wollten schon länger einen richtig klassischen Mystery-Film im Stil der “Hammer”-Streifen drehen. Also dachten wir über eine Story nach und entschieden uns, mit einer ganz typischen Prämisse anzufangen: Eine Gruppe von Teenagern bricht in ein altes, düsteres Haus ein – und begegnet dort dem Übernatürlichen.

Der Film hat etwas sehr düster-märchenhaftes: Sowohl die Story als auch das tolle Setdesign erinnern stark daran...

Das stimmt, der Film ist definitiv ein Märchen, ein sehr düsteres. Außerdem wollten wir eine echte Achterbahnfahrt daraus machen, wie eine dieser “Urban Legends”, die man sich unter Freunden erzählt. Dabei war uns das Setting und die Ausstattung ganz besonders wichtig, denn wie schon gesagt, wollten wir uns an stimmungsvollen, klassischen Horrorfilmen orientieren.

Zum Schreien: Auch in Livid dürfen unheimliche Erscheinungen nicht fehlen.

Wo habt ihr gedreht?

Unser Production Designer hat einen genialen Job geleistet: Das Haus, in dem wir drehten, ist in der Nähe von Paris und stand zu dem Zeitpunkt komplett leer – abgesehen von vielen leeren Alkoholflaschen und Graffitis an den Wänden. Er musste also absolut alles bauen! Wir haben nichts im Studio gedreht. Da das Haus aber so riesengroß war, konnten wir dort alles aufbauen, was wir wollten. Für ein paar Wochen haben wir dann buchstäblich darin gelebt. Wir sagten also zu unserem Production Designer: Wir wollen, dass das Haus ein eigener Charakter ist. Es soll seine eigene Geschichte, sein eigenes “Leben” haben. Wir haben es ihm so beschrieben: Das Haus ist wie ein lebendiges Wesen – das Schlafzimmer der alten Dame ist der Kopf, das verborgene Tanzzimmer ist das Herz und so weiter und so fort. Alles stellte ein Körperteil oder Organ dar. Und natürlich [lacht laut] ist der Eingang durch den Keller, den die Jugendlichen nehmen, der Hintern. Sie arbeiten sich also von ganz unten bis zum Herzen des Hauses vor.

Ein cleveres Konzept! Nebenbei habt ihr noch Dario Argentos “Suspiria” reichlich Tribut gezollt...

Natürlich. Wir lieben “Suspiria”, es ist einer unser Lieblingsfilme. Wir waren schon immer der Meinung, dass klassisches Ballett und Horror außergewöhnlich gut zusammen passen. Eine absolut fesselnde Kombination! Deswegen lieben wir auch “Black Swan”. Na ja, aus diesem Grund haben wir also einige Referenzen an “Suspiria” in “Livid” untergebracht. Wie du ja bemerkt hast, hängt in einer Szene ein Diplom von einer Ballettschule in Freiburg an der Wand. Wir fanden die Vorstellung toll, dass unsere böse Hauptfigur Deborah bei der “Mater Suspiriorum” in die Lehre gegangen ist. [lacht]

Ein weiteres Paar Augen für die wachsende Sammlung.

Letzte Frage: Angenommen ihr hättet für euer nächstes Projekt so viel Geld, wie ihr braucht – was wäre eure erste Wahl?

Wir haben aktuell ein absolutes Traum-Projekt in Aussicht, eine Literaturverfilmung. Zurzeit aber sieht es leider so aus, als würde es am Geld scheitern, da ein wirklich großes Budget für Kostüme, Statisten und so weiter vonnöten wäre. Ich glaube auch, dass wir noch nicht genug Erfahrung gesammelt haben, um ein solches Projekt zu stemmen – wir haben ja gerade einmal zwei kleine Filme gemacht. Und dieser Film wäre wirklich so etwas wie der “Indiana Jones” des Horrors!

Was können wir also als Nächstes erwarten?

Bisher ist noch nichts unterschrieben, es ist also etwas zu früh, um darüber zu sprechen. Wir haben seit “Livid” allerdings bereits zwei neue Drehbücher geschrieben, die sich zurzeit auf den Schreibtischen von verschiedenen Produzenten befinden. Außerdem haben wir ein sehr tolles amerikanisches Drehbuch geschickt bekommen. Wir denken ernsthaft darüber nach, das zu verfilmen – wir haben jetzt nicht mehr solche Illusionen was die Arbeit in Hollywood angeht. Wir können also noch nicht genau sagen, welches nun tatsächlich das nächste Projekt wird – ich kann aber schon verraten, dass alle Projekte im Horror- oder Fantasy-Genre bleiben. Unser absoluter Traum wäre es, einen Film hier in Frankreich mit französischen Produzenten aber englisch-sprachigen Schauspielern zu drehen. Das wäre, glaube ich, das Cleverste, was wir tun könnten, denn wir würden mehr Erfolg auf dem internationalen Markt haben und trotzdem unsere Freiheit behalten. Genauso haben es unsere Freunde Pascal Laugier (Regisseur von “Martyrs”) und Juan Antonio Bayona (“The Orphanage”) übrigens mit ihren neuen Filmen gemacht: Sie sind besetzt mit US-Stars aber komplett europäisch produziert.

>> verfasst und geführt von Tim Lindemann




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