American MaryErst einmal herzlichen Glückwunsch zum Screamfest-Award für die beste Regie. Was bedeuten euch solche Auszeichnungen?

Das ist für uns eine große Ehre. Wir sind ja eher den umgekehrten Weg gegangen, um Regisseurinnen zu werden. Wir sind seit unserer Kindheit Schauspielerinnen. Und als eineiige Zwillinge wird man zusammen gebucht. Damit haben wir gut verdient und haben das bis Anfang 20 gemacht. Wir waren sehr zufrieden mit unserer Karriere. Doch wir konnten auch Martial Arts und haben uns dann entschlossen, die Chance zu nutzen und Stunts zu machen. Wir haben extra eine Schule besucht und dort auch viel gelernt. Leider haben sie dann die finanziellen Mittel für unser Abschlussprojekt gestrichen. Und da haben wir beschlossen, unseren eigenen Film zu machen. Wir wollten das Drehbuch selbst schreiben, selber Regie führen und Stunts machen.

Es sollte cool und anders sein. Wir haben einfach immer weiter gemacht und freuen uns sehr, dass den Zuschauern unsere Arbeit gefällt. Das ist verrückt, weil wir immer diese Fähigkeiten hatten, sie aber nie wirklich unterbringen konnten. Dann kam „American Mary“ und wir haben gesagt: Das ist das, was wir tun möchten. Wir schätzen die Unterstützung dafür sehr und sind natürlich stolz auf den Award. Doch das ist nicht allein unser Verdienst. Das Effekt-Team hat einen tollen Job gemacht, die Schauspieler ebenso. Für uns ist das eine große Ehre.

Wie ihr eben schon gesagt habt, arbeitet ihr als Zwillinge zusammen. Seid ihr denn während der gesamten Produktion, insbesondere bei „American Mary“, immer einer Meinung? Oder gibt es auch Punkte, an denen die eine Ja sagt und die andere Nein?

(lachen) Es gibt solche Momente, in denen das vorkommt, klar. Wenn wir ans Set kommen gehen wir sicher, dass wir alles im Vorfeld diskutiert haben. Bevor wir einen Film machen, sprechen wir ausgiebig darüber. Das ist schließlich das, was wir lieben. Es ist unsere Leidenschaft. Deswegen besprechen wir jedes Detail, bevor der Dreh beginnt. Wir haben ungarische Vorfahren und von daher lieben wir es, etwas auszudiskutieren. Das hört sich fürs ungeübte Ohr an, als würden wir streiten. Doch wer das kennt, der sagt: Oh nein, sie reden nur miteinander. (lachen) Für andere ist das manchmal sehr, sehr hart.

Wir sehen immer zu, dass es am Set zwischen uns keine Unstimmigkeiten gibt. Wenn wir dann doch mal keine Entscheidung treffen können, finden wir einen anderen Weg. Das macht großen Spaß. Wir sind eine unaufhaltsame Kraft und ein unbewegliches Objekt. Wir können uns auch nicht vorstellen wie es ist, ohne die andere zu arbeiten, weil wir so gut zusammen harmonieren. Als Kinder sind wir in die gleiche Klasse gegangen, hatten später auch die gleichen Aushilfsjobs. Weil wir eineiige Zwillinge sind, können wir Dinge diskutieren, ohne wirklich darüber zu sprechen. Manchmal reicht ein Blick. Und das hat am Set bei der Crew ab und zu für Verwirrung gesorgt.

Mary kann sich vor neuen Kunden kaum retten

In „American Mary“ werdet ihr dann aber doch getrennt. Aber nur, um noch näher beieinander zu sein. Fühlt ihr zwischen euch eine besondere Verbindung?

(lachen) Das erste Mal, als wir von Körpermodifizierungen gehört haben, war ein Aprilscherz. Da waren zwei eineiige Brüder und einer der beiden ließ seinen Arm abtrennen. Der wurde dann seinem Bruder wieder angenäht. Der Arm wurde nicht vom Körper abgestoßen, weil sie genetisch identisch waren. Und dabei lag ein Liebesbrief, in dem stand: „Nur wenn du einen eineiigen Zwilling hast, wirst du diese Verbindung zueinander verstehen.“ Das hat uns total verrückt gemacht. Als ich ein Kind war hat unsere Mutter gesagt: Aus allem, was euch Angst macht, lernt ihr. Und wenn euch so etwas begegnet, versucht möglichst viel darüber zu lernen, dann schwindet die Angst.

So sind wir auf das Thema Körpermodifizierungen gestoßen. Und je mehr wir darüber wussten, desto weniger waren wir davon abgeschreckt. Die anfängliche Faszination wurde dann zur Irritation. Wir finden es traurig, dass Menschen andere Menschen so schnell verurteilen. Vieles beruht nur auf Missverständnissen. Als wir den Film drehten mussten wir diese Szene mit den Zwillingen unbedingt mit reinnehmen. Die Künstler hatten auch schon alles für eine filmische Operation vorbereitet, aber das hätte zu lange gedauert. Wir wären zu beschäftigt gewesen.

Habt ihr vor Schreiben des Drehbuchs mit Personen gesprochen, die von „Body Integrity Identity Disorder“ betroffen sind? Das ist ja in erster Linie eine Krankheit.

Wir hätten vielleicht mit solchen Menschen sprechen sollen, aber wir realisierten anfangs gar nicht, dass das Drehbuch so davon geprägt sein würde. Nach diesem Aprilscherz haben wir erstmal recherchiert und waren von dem Thema fasziniert. Russ Foxx, der im Film den „Penis Guy“ spielt, ist im wahren Leben selbst ein Body-Artist. Nachdem wir das Drehbuch geschrieben und verfeinert hatten, schickten wir es an einige Personen in der „Body Mod“-Community. Wir wollten uns vergewissern, dass die Sachen, die wir geschrieben hatten, wirklich möglich sind. Für diese Menschen ist das ein Lebensstil, den wir nicht angreifen und schlecht machen wollten. Unsere Intention war es, diesen Menschen in einer positiven Art zu zeigen, dass sie von vielen als „anders“ angesehen werden.

Plötzlich kann sich die Studentin teure Sachen leisten

Mary ist eine Studentin, die wenig Geld zur Verfügung hat. Glaubt ihr, dass jemand wirklich so weit wie Mary gehen würde, um mehr Geld zu verdienen?

Wir verstehen das eher als Kommentar zur Rezession und zur heutigen Wirtschaft. Natürlich muss das nicht so kommen, aber wenn du etwas willst, wird es dir auch möglich sein, hart dafür zu arbeiten. Mittlerweile ist alles so schwer geworden. Eine Arbeit im medizinischen Bereich zu finden ist sehr hart und schwierig. Wenn du dazu einen Lebenshintergrund wie Mary hast, hast Du das Gefühl, du arbeitest gegen eine Wand. Du musst immer Kompromisse finden. Mary hat starke Ambitionen, eine Chirurgin zu werden, weshalb sie vielleicht auch falsche Entscheidungen trifft. Sie braucht und will das Geld. Sie geht in den Stripclub, weil sie das Geld will. Sie stimmt einer Schönheitsoperation in der Hinterecke zu, weil sie das Geld will.

Mehr als alles andere will sie ihr Ziel erreichen. Deshalb sehen wir das als Kommentar auf das, wie Menschen heute sind. Sie sind so verzweifelt, Geld und Erfolg zu haben, dass die Methoden immer härter werden. Diese Verzweiflung ist natürlich, nur muss man sich zwischendurch auch fragen: Wer bin ich eigentlich? Wir fanden diesen Ausgangspunkt sehr interessant. Vor allem als arbeitende Frauen in einem von Männern dominierten Bereich. Welche Anstrengungen hätte ich und welche könnte die Figur haben? Das ist schon übertragbar, auch wenn die Handlung natürlich etwas ins Phantastische geht.

Ihr habt euch mit Katharine Isabelle eine sehr sexy Mary ausgesucht. Warum habt ihr euch für sie entschieden? Haben ihre Auftritte in den Ginger Snaps-Filmen eure Entscheidung beeinflusst?

Ja, absolut. Wir mochten schon immer Horrorfilme und ganz besonders die Fitzgerald-Schwestern in den „Ginger Snaps“-Filmen. Doch wir haben nie die Chance gesehen, dass Katharine den nächsten Schritt ausgerechnet mit uns gehen würde. Sie ist unglaublich talentiert, hat schon mit Al Pacino und Halle Berry zusammengearbeitet. Sie ist einfach wundervoll. Eines Tages haben wir sie am Set ihres Films „Josie and the Pussycats“ getroffen – und sie war wirklich nett zu uns! Da haben wir beschlossen: Irgendwann werden wir mit ihr zusammenarbeiten. Und wir werden mit ihr etwas Großartiges machen. Etwas, von dem wir als selbstsüchtige Fangirls wollen, dass sie es tut. Was toll klingt, wenn du „American Mary“ siehst. Aber alles, was sie in dem Film tut, wollten wir so.

Als wir das Drehbuch geschrieben haben, haben wir es für sie geschrieben. Das ist zwar nicht der beste Weg, aber hier ging es nicht anders. Es war einfach der Jackpot. Als wir sie trafen fühlte es sich an, als würden wir unseren verloren gegangenen Drilling treffen. Sie ist so süß und bescheiden, einfach auf dem Boden geblieben. Und sie arbeitet sehr hart. Wir hatten kaum Zeit und Geld für den Film, mussten alles in 15 Tagen drehen. Sie hatte 17 Kostümwechsel und nur drei Takes für jede Szene. Hätten wir eine weniger talentierte Darstellerin gehabt, hätte der ganze Film nicht funktioniert. Dass ihr nächster Film „American Mary“ sein würde, hätten wir nicht gedacht. Deshalb war es uns eine große Ehre, mit einer so tollen Schauspielerin zu arbeiten, die wir auch selber lieben.

Ihre Kunden wünschen sich spezielle Körpermodifizierungen

Welche Pläne habt ihr jetzt nach „American Mary“? Könnt ihr euch vorstellen, einen Film ohne eure Zwillingsschwester zu drehen?

(lachen) Wenn du uns jemals wahrhaftig begegnen solltest, wirst du schnell feststellen, dass wir niemals einen Film ohne die andere machen können. Und selbst, wenn es eine wollte, würde es die andere nicht zulassen (lachen). Unser nächster Film wird ein Monstermovie mit dem Titel „Bob“. Wir lieben handgemachte Effekte wie wir sie auch bei „American Mary“ schon eingesetzt haben. Die Zuschauer sind so gesättigt von visuellen Effekten, dass sie die praktischen Effekte total vergessen. Dabei sind genau die zeitlos. Wir möchten eine Geschichte, die visuelle Effekte nicht zulässt, weil die Make Up-Effekte zur Handlung dazu gehören sollen. Für das Projekt arbeiten wir mit First Comics zusammen. Wir sind sehr dankbar für die Möglichkeit, deren Arbeit auf die große Leinwand bringen zu dürfen. Außerdem haben wir Co-Autoren, die wir sehr schätzen.

Und das wird uns jetzt erstmal die nächsten Jahre beschäftigen. Es macht auch einen großen Unterschied, ob man für solch einen Film nur einen Zwilling oder beide trifft. Zwillinge haben einfach eine ganz besondere Beziehung zueinander. Wie beispielsweise diese berühmten Hockeyspielerinnen. Die sind so gut, weil sie genau wissen, was die andere denkt und tut. Da reicht nur ein Blick, um eine komplette Konversation zu haben. Jetzt weiß du auch, weshalb wir nie etwas ohne die andere machen. Wir können uns einfach nicht vorstellen, wie man als Einzelkind durch den Tag kommen kann. Wenn du der Meinung bist, dass das schön ist, dann müssen wir dir leider sagen, dass es nichts Besseres gibt, als einen Zwilling zu haben. (lachen)

>> geführt und verfasst von Janosch Leuffen




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