stephen-lang-ivStephen, wie dürfen wir uns deine Art der Vorbereitung auf die Rolle des blinden Mannes vorstellen? Hast du deine Augen geschlossen und dich auf die anderen Sinne verlassen?

Absolut, ja! Das war sogar der Kernpunkt meiner Vorbereitungsphase. Für mich ging es darum, die Blindheit zu meistern und glaubwürdig zu wirken. An so was muss man sich schließlich mit dem allergrößten Respekt nähern. Es gibt eine Menge Schauspieler, die die Fähigkeit des Sehens verloren haben. Und da willst du als jemand ohne Handicap natürlich sicherstellen, dass dir das Recht zusteht, eine solche Rolle zu spielen. Man muss sich so sehr bemühen, dass man sich am Ende selbst einen blinden Mann nennt. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man daran arbeitet. Und ich habe mich wirklich pausenlos angestrengt. Das fängt schon mit ganz simplen Sachen an. Ich habe mir beispielsweise selbst Toast gemacht und dabei meine Augen geschlossen. Ich musste also spüren, wo sich das Brot aufhält, wie ich es richtig toaste und wann es fertig ist. Am Ende musste es so aussehen, als wäre es kein ungewöhnliches Verhalten, sondern mein ganz normales Alltagsleben. Desweiteren habe ich mir selbst Aufgaben gestellt.

Ein sehr wichtiger Punkt war außerdem, mir das Haus im Film und dessen Geografie genau einzuprägen. Dafür habe ich sehr viel Zeit auf dem Filmset verbracht. Ich bin das ganze Gelände abgelaufen und habe stets meine Geschwindigkeit beschleunigt. Ich habe sogar jede Stufe der Treppen gezählt. Das war auch notwendig, da meine Figur jeden einzelnen Winkel des Hauses kennt. Mir war klar: Sollte es mir tatsächlich möglich sein, Leistungsfähigkeit und Tempo permanent zu steigern, würde es garantiert zur Plausibilität beitragen und bewirken, dass man mir das gestellte Handicap abkauft. Und außerdem würde es die Kraft, die meine Figur innerhalb ihrer vertrauten Umgebung besitzt, mit Authentizität bestätigen, da sein Können begründet sein will. Sein zu Hause ist sein Königreich, das er gekonnt regiert und versteht. Alle Entscheidungen, die ich traf, zielten auf dieses Ergebnis ab.

Das war garantiert genauso herausfordernd – eine Figur zu verkörpern, welche trotz Handicap nicht nur glaubwürdig sondern auch bedrohlich wirken muss, obwohl die Gegenspieler den Vorteil des Sehens haben.

Ich hoffe sehr darauf, dass es nichts in unserem Film gibt, das ihn im Bezug auf seine Fähigkeiten unglaubwürdig erscheinen lässt. Was wir auf keinen Fall erreichen wollten, war die Geburt eines Superhelden oder Megaschurken. Es ist nicht so, dass seine anderen Sinne so sehr verschärft sind, dass er zu Daredevil wird. Er ist kein blinder Superheld oder dergleichen. Er schenkt seinen anderen Sinnen, den Berührungen, Gerüchen oder dem Gehör, bloß sehr viel Aufmerksamkeit. All diese Dinge werden auf einmal höchst spannend.

Gestik, Mimik und Augenkontakt - das alles ist aufgrund bekannter Tatsachen auf ein Minimum reduziert. Welche Maßnahme war erforderlich, um auf andere Weise Präsenz und Ausdruck zu zeigen?

Das ist extrem interessant. Jemand hat mal zu mir gesagt, dass die Augen das Tor zur Seele sind. Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wer das war. Es muss allerdings irgendeiner der ganz Großen gewesen sein. (lacht) Doch wenn man eine Figur spielt, deren Augen im Grunde tot sind, muss man logischerweise auf andere Ressourcen ausweichen. Was sehr viel verrät, ist die Kopfhaltung und Richtung, in welche die Augen gerichtet sind. Die Augen spielen dabei keine Rolle. Die Kopfhaltung zeigt, dass ich mein Gehör oder meinen Geruchssinn an einer bestimmten Stelle verwenden will. Die Augen bewegen sich dann halt einfach mit. Wenn meine Figur jedoch rein zufällig Augenkontakt mit einem seiner Gegenspieler aufnimmt, haben wir unbewusst einen äußerst atemberaubenden und unheimlichen Moment kreiert. Die Figur, die von einem Blinden angestarrt wird, weiß zwar, dass sie nicht gesehen wird, fühlt sich aber so. Das kann ziemlich furchteinflößend sein. Solche Szenen wirken aber natürlich nur dann, wenn man sie nicht ständig wiederholt. Man darf es damit nicht übertreiben.

Regisseur Fede Alvarez war es sehr wichtig, Gut und Böse nicht klar zu definieren. Findest du es ebenfalls wichtig, jede Figur mit zwei Seiten auszustatten?

Mindestens mit zwei Seiten! Die Moralvorstellungen und Beweggründe der Figuren machen die Geschichte erst interessant und sorgen für eine frische Vorgehensweise. Ich will damit nicht behaupten, dass das vor uns noch nicht gemacht wurde. Natürlich wurde es das. Schließlich werden unzählige Filme produziert. Jedenfalls fiebert der Zuschauer immer mit jener Person mit, mit der er sich am besten identifizieren kann. Und das unabhängig davon, ob er realisiert, wie viel Dreck am Stecken der- oder diejenige tatsächlich hat. Ab dem Augenblick, wo unser Publikum feststellt, dass der blinde Mann gar kein so unschuldiges Opfer ist, haben wir beim Betrachter schon längst dafür gesorgt, dass er Gefühle für ihn entwickelt hat und mit ihm sympathisiert oder Empathie empfindet. Diese Emotionen sind bis da hin bereits festgeankert. Doch dann erfährt man plötzlich sein Geheimnis. Viele werden sich denken: 'Großer Gott, das darf doch wohl nicht wahr sein!' Sobald man den Tiefgang seiner Pathologie kennenlernt, könnte ich mir vorstellen, dass man zwar zunächst entsetzt reagiert, sein Handeln aber auf seinen Schmerz zurückführt. Die Wendung könnte die Gefühle für die Figur sogar noch verstärken. Und es geht ja nicht nur um den blinden Mann, sondern auch um drei Kriminelle, die bei ihm einbrechen. Für sie hegt man widersprüchliche Gefühle, aber das ist auch gut so und einer der Gründe, wieso der Film auf dieser Ebene erfolgreich funktioniert.

Die von dir erwähnten Kriminellen handeln im Interesse einer besseren Zukunft. Berechtigt ihre Denkweise zu einer schrecklichen Tat in der Gegenwart, damit man es eines Tages wieder besser machen kann?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich es als gerechtfertigt erachte. Aber ich kann ihre Motivationen nachvollziehen. Detroit wurde nicht umsonst als Schauplatz ausgesucht, wo die drei leben. Die Stadt symbolisiert einen Ort, an dem Leute zunehmend ein schlechtes Leben führen und der auf eine Weise Amerika repräsentiert. Zudem werden unzählige und aggressive Morde begangen. Detroit ist Motown. Dort begann die Autoindustrie, die Amerika einst ziemlich weit brachte. Aber das war einmal. Und diese drei Figuren sind Opfer der rückläufigen Verhältnisse. Sie handeln aufgrund ihrer Verzweiflung. Doch jeder von ihnen muss selbst für sich herausfinden, welche Tat was für ihn rechtfertigen soll. Sie alle haben eine Agenda. Wenn sie an ihrem Plan festhalten, müssen sie Integrität beweisen oder ihre Ehre bewahren. Sie alle versuchen letzten Endes nur ihrem Alltag und ihrer Hoffnungslosigkeit zu entfliehen.

  • von Carmine Carpenito




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