"8 Stunden Paris" oder "Wie ich lernte auf meinen iPod zu hören"



Die Mission? "The Hills Have Eyes" gucken und Alexandre Aja interviewen.
Der Ort? Paris.
Zeitlimit? 8 Stunden. Und keine Sekunde länger.


04.00: Aufstehen. Muss ich da echt noch was zu sagen?

08.44: Vor ungefähr einer halben Stunde bin ich gelandet. Jetzt sitze ich hier in einem Bus von dem ich nicht wirklich genau weiß wohin er fährt. Ich habe versucht dem Fahrer beizubringen, dass ich nach Paris muss (Französisch habe ich das letzte mal in der 11. Klasse gesprochen...). Der nickte gutwillig, ich habe ihm mal geglaubt. Jetzt ist er aber ohnehin erstmal damit beschäftigt, dem Begriff "dicht auffahren" eine neue Definition zu verleihen. Meine frisch geschnittenen Nägel Krallen sich in das rote Karomuster des Sitzbezuges. Aus meinem iPod tönen fröhlich die Stereophonics mit "Have A Nice Day". Blanke Ironie? Wird sich zeigen. Und da ist auch schon ein Bahnhof in Sicht!

09.14: Nach einer Schlange die ungefähr so lang war die Der Herr Der Ringe Teil 3 und unzähligen Wegweisern später befinde ich mich nun endlich in einem Zug. Stand meines Wissens nach sollte der mich nach Paris bringen. Von dort an sollte sich der alte Paris-Liebhaber in mir wohl wieder auskennen. Hoffe ich jedenfalls. Egal, notfalls schwimme ich durch die Seine, hauptsache ich komm' rechtzeitig zum Start von "The Hills Have Eyes" in der Rue de Troyon an. Ein schlechtes Gewissen, weil ich mich in der "Die-Rückkehr-Des-Königs"-Schlange vorgedrängelt habe, verspüre ich übrigens nicht. Im Zug herrscht Multi-Kulti, ich komme mir vor wie...nun ja, ich in einem Zug voller Multi-Kulti. Ganz nach Klischee sitzt im Abteil neben mir eine junge Pariserin samt Pariser (Witz komm' raus...), beide angezogen "à la mode". Gegenüber von mir zwei den Fahrplan studierende Araber, die glauben das man Versailles mit den Buchstaben "VARZALLNS" schreibt. Der 45-jährige Modedesigner (inklusive O-Zone Brille) studiert das, was ich als französische Bild Sport entziffern kann. Irgendwie paradox. Zu guter Letzt noch ein paar Hände voller asiatischer Touris und die obligatorsiche Gruppe (vermutlich amerikanischer) Rucksacktouristen, frisch aus Eli Roth's Hostel entflohen. Am Bildschirm neben mir zieht eine Gegend vorbei, die ich lieber nicht mein "zu hause" nennen möchte. Verzweifelt halte ich in den Banlieus von Paris Ausschau nach ein paar Yamakazi, aber weit und breit keine Spur von denen. Zurück werde ich definitiv mit dem Taxi fahren. Langsam beginnt sich der Geruch von diversen Pop- und Headshops in meiner Nase breitzumachen. Bitte fragt mich nicht woher er kommt. Gott wann bin ich endlich da? Zurück: definitiv Taxi!!!

09.59: Endlich wieder Frischluft. Raus aus der Metro und was erblickt mein Auge? Vor mir der monströse Arc de Triumphe. Wow. Man fühlt sich einfach nur lebendig. Jetzt weiß ich wieder warum ich hier bin (neben der "Hills"-Sache natürlich): ICH LIEBE PARIS! Wer wissen will wie man sich mal richtig lebendig fühlt dem empfehle ich die Rue de Rivoli oder den Champs Elysées entlang zu spazieren und "Bitter Sweet Symphony" von The Verve zu hören. Aber genug geschwärmt - Stadtplan raus und die Rue de Troyon suchen!

10.24: Endlich im Kino. Und erstaunlich wenig los. Bisher sitzen nur sechs Journalisten im kleinen Saal des Club d'Étoile. Mal abwarten, für mich heißt es jetzt erstmal relaxen und auf den Film freuen. Oh, und natürlich das Presseheft (auf französisch) lesen.

12.30: Was ein Erlebnis! Der Film ist vorbei. Wahnsinn! Nähere Infos hierzu gibt es in meiner Review. Jetzt erstmal Paris erkunden!

14.06: Paris erkundet.
Ich befinde mich nun im Hotel Lancaster in der Rue Berrie. Ich sitze, jedenfalls denke ich das, in einem Raum, der direkt aus dem wienerischen Schloss Schönbrunn stammen könnte. Wie passend, dass mich Mozarts jugendliches Gesicht von gegenüber angrinst. Ich traue mich gar nicht zu atmen, so still ist es hier. Mit mir im Raum sind zwei weitere Journalisten und die freundliche Betreuerin von Fox Frankreich. Zwischendurch bekommen wir Besuch von einem Pinguin, der uns mit Getränken versorgt. Jedes Auf- und Abtreten von ihm wird mit einem galanten "Merci" der Rauminsassen quittiert. Hinter mir: Gemurmel auf Französisch. Ich habe wirklich keine Ahnung, wer hier wer ist. Vorsichtshalber habe ich mal jedem die Hand geschüttelt, den mir die nette Dame vonFox vorgestellt hat. Irgendwer könnte ja immerhin dieser Aja sein. Nun gut, keiner von den Leuten war Aja, aber der Beleuchtungsassistent und der Kabelträger eines zufällig vorort gewesenen Fernsehsenders erfuhren an diesem besagten 20. Februar 2006 die Begrüßung ihres Lebens. Break the silence - die beiden anderen Reporter, die sich mit mir in einem Raum befinden, fangen an sich zu unterhalten. Auf Englisch. Nach nicht mal 20 Sekunden finden sie heraus, dass sie beide aus Deutschland kommen. Nun gut, ich seh mir das eine Weile mit an, bis ich mich schließlich als Dritter im Bunde zu erkennen gebe. Viel Zeit zum Smalltalk bleibt aber gar nicht, denn Alexandre Aja betritt den Raum. Jetzt kommt der Part in dem ihr euch das Interview angucken solltet.

15.57: Ich sitze in der RER 3B auf dem Rückweg zum Flughafen. Soviel zum Thema Taxi. Eingestiegen wieder in Les Halles, jetzt an der Haltestelle Gare du Nord. "Lebe wohl" zu Paris sagen. Jetzt gehts ab zum Aeroporte. Der Zug ist relativ leer. Eine füllige Dame, sicher Gospel Sängerin, steht vom Platz neben mir auf und verlässt den Zug. Ich frage meinen iPod was er dazu meint. Kinobe - "Slipping Into Something More Comfortable". Sollten damit die Sitze des Flugzeugs gemeint sein, so stimme ich mit ihm definitiv überein. Wieder übernimmt ein verdächtig strenger Geruch die Oberhand. Doch diesmal ähnelt dieser Gestank nicht indischen Räucherstäbchen. Viel mehr ist dieser arme Kerl im Abteil schräg gegenüber schuld. Break the silence 2 - hinter mir beginnt jemand zu telefonieren. Zu meiner Überraschung wird das Gespräch nicht auf Französisch geführt. Glaube ich. Draußen sieht es wieder mal aus wie in Matthieu Kassovitz's Film "La Haine". Kein Yamakazi weit und breit. Vor lauter Trubel habe ich heute ganz vergessen auf pariser Art zu speisen. Zu viele Geschäfte kamen mir auf dem Champs Elysées in die Quere. Immerhin hatte der Virgin Megastore (diesen Namen hat er verdient) ein nettes Exemplar von Singstar 80s für mich. Den Hauch einer Sightseeing Tour noch mit eingebaut, Pariser Luft und Lebensfreude geschnuppert und ganz nebenbei noch einen klasse Film gesehen und ein interessantes Interview gemacht. Der Sandler im Abteil gegenüber steht ohne ersichtlichen Grund auf und wechselt den Platz. Eine finale Duftwelle überkommt mich, jetzt ist der Geruch weg. Ein Tunnel. Was so Besonderes daran ist, dass ich ihn hier erwähne? Seine Wände sind sauber. Sonst ziehen die Pariser Tunnelwände Graffiti an wie Blut einen Moskito. Sowieso seltsam, die gesamten Tunnelwände der Metro sind bis auf den letzten Quadratzentimeter besprüht. Wie gelangt man als Normalsterblicher da rein? Fragen über Fragen. Der Sandler steht erneut auf und wechselt den Platz. Jetzt sitzt er am anderen Ende des Wagons. Der Verwesungsgeruch verfliegt mehr und mehr. Der Zug fährt jetzt ungewöhnlich langsam, bleibt fast stehen. Hoffentlich erwische ich meinen Flug. Warum nur habe ich kein Taxi genommen? Tipp an euch: reist nach Paris niemals mit dem Flugzeug. Der Charles De Gaulle Flughafen ist übertrieben riesig, es dauert ewig bis ihr in der Innenstadt seid und außerdem sind die Bahnhöfe in Paris ohnehin wunderschön. Wer "Die Fabelafte Welt Der Amelie" gesehen hat, kennt die Strecke zwischen Gare de l'Est und Gare du Nord sehr gut. Ich liebe Paris. Der Zug hält an, endlich bin ich am Flughafen angekommen.

16.32: Der Bus fährt mir vor der Nase weg. Hier ist es eiskalt und windig. Das heißt ich will jetzt endlich zu mir nach Hause ins Bett oder ins Disneyland. Naja. Wird wohl auf Ersteres hinauslaufen. Da kommt schon der nächste Bus. Nichts wie rein.

16.34: "Los, mach endlich die Tür zu, es zieht wie Hölle". Na endlich, der Bus fährt los. Von den Menschenmassen von heute Morgen fehlt jede Spur. "Um Himmels Willen"! Hier laufen tatsächlich vereinzelt Leute rum - und zwar auf der Autobahn! Netter Heimweg...

17.06: Wow, das ging jetzt aber fix. "Hier spricht Captain Hollywood, ihr Pilot. Ich und mein Team, wir wünschen ihnen einen angenehmen Flug". Standard. Sitze gerade im Flieger. Ich hab' sogar noch einen Flug früher nehmen können. Kein Grund zur Panik also. Obwohl...das Licht hier im Flieger flackert wie in ner Disco. Soviel zum Thema "angenehmer Flug". Nun gut, dass war es also für heute. Das war mein Tag in der schönsten Stadt der Welt. Zu guter Letzt stelle ich mir die Frage, wann ich denn wieder nach Paris kommen werde? Wie gut, dass mein iPod, wie auf alles, eine Antwort weiß. Die Stereophonics (wieder) meinten dazu jedenfalls: "Maybe Tomorrow"...




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