Moviebase Midsommar

Midsommar
Midsommar

Bewertung: 80%

Userbewertung: 94%
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Originaltitel: Midsommar
Kinostart: 26.09.2019
DVD/Blu-Ray Verkauf: 07.02.2020
DVD/Blu-Ray Verleih: 07.02.2020
Freigabe: Unbekannt
Lauflänge: Unbekannt
Studio: B-Reel Films, Parts and Labor
Produktionsjahr: 2019
Regie: Ari Aster
Drehbuch: Ari Aster
Darsteller: Florence Pugh, Will Poulter, William Jackson Harper, Julia Ragnarsson, Jack Reynor, Anna Åström, Liv Mjönes

Gleich mit dem ersten Spielfilm zu einem der neuen Genre-Hoffnungsträger avancieren – davon träumen viele horrorbegeisterte Regisseure. Nur wenigen gelingt jedoch mit ihrer Premiere der große Wurf. Zu den seltenen Glücksfällen kann sich zweifelsohne der gebürtige New Yorker Ari Aster zählen, der dank seines ebenso clever konstruierten wie überzeugend inszenierten Okkult-Thrillers „Hereditary – Das Vermächtnis“ 2018 in aller Munde war. Nach diesem imposanten Auftakt durfte man gespannt auf seine nächste Schreckensvision sein, die – das war früh zu hören – in den Bereich des folkloristischen Grusels vordringen würde. Der in einer abgeschiedenen schwedischen Kommune angesiedelte „Midsommar“ unterstreicht einmal mehr, dass der erst 33-jährige Filmemacher sein Handwerk bestens versteht und keineswegs bereit ist, 08/15-Horror abzuliefern. Ähnlich wie bei seinem Debüt sollte man etwas Geduld mit ins Kino bringen.

Asters Gespür für bedrückende, unter die Haut gehende Stimmungen zeigt sich schon in den ersten Minuten seines neuen Films, der mit einer unglaublichen Tragödie beginnt. Als die Studentin Dani (Florence Pugh, „Malevolent – Und das Böse existiert doch“) erfährt, dass ihre psychisch kranke Schwester sich und ihre Eltern getötet hat, bricht für die junge Frau der Boden unter den Füßen weg. In dieser schmerzhaften Situation bräuchte sie dringend eine Schulter zum Anlehnen, einen Menschen, der aufrichtig Trost spendet. Doch ihr Freund Christian (Jack Reynor, „Transformers: Ära des Untergangs“), der an seiner Beziehung zweifelt, erweist sich als halbherzige Stütze. Um den grausamen Verlust zu vergessen, beschließt Dani, ihn und seine Freunde Josh (William Jackson Harper, „All Beauty Must Die“) und Mark (Will Poulter, „Black Mirror: Bandersnatch“) nach Schweden zu begleiten. Dort wollen die US-Amerikaner eine Gemeinschaft besuchen, aus der Christians Kommilitone Pelle (Vilhelm Blomgren, „Die Tage, an denen die Blumen blühen“) stammt und in der die Sommersonnenwende mit rauschenden Feierlichkeiten begrüßt werden soll. Das große Fest, das in dieser Form nur alle 90 Jahre begangen wird, nimmt allerdings schon kurz nach der Ankunft der ausländischen Gäste grauenhafte Züge an.

„Midsommar“ bringt das Kunststück fertig, trotz eines für Genrekenner sicherlich nicht überraschenden Verlaufs ein starkes Unwohlsein zu kreieren. In seiner Grundstruktur ähnelt Asters Schweden-Trip Robin Hardys schrägem Horrorklassiker „The Wicker Man“ von 1973, in dem ein strenggläubiger Polizist auf eine kleine Insel kommt, deren Bewohner seltsame Bräuche pflegen. Die inhaltliche Nähe ist allerdings nicht weiter tragisch, da es dem jungen New Yorker erneut gelingt, eine eigenwillig-irritierende Atmosphäre mit einprägsamen Bildern zu verbinden. Beklommenheit breitet sich bereits aus, wenn der Film im ersten Akt die Partnerschaft Danis und Christians als fragil und destruktiv entlarvt. Während er ein „Ich liebe dich“ nur schwer über die Lippen bringt und sich bloß deshalb nicht von ihr trennt, weil ihn sein schlechtes Gewissen plagt, scheint Dani zumindest noch ein bisschen an eine gemeinsame Zukunft zu glauben. Die Reise nach Europa könnte der Startschuss für einen Neuanfang sein. Doch diese Hoffnung zerbröselt langsam, aber sicher, wenn die US-Studenten in der skandinavischen Provinz aufschlagen.

Der Albtraum, der nach und nach Gestalt annimmt, ist vor allem deshalb ungewöhnlich, weil er sich dem größten aller Horrorfilmklischees entzieht. Während sich andere Genrebeiträge eifrig auf die Angst vor der Dunkelheit stürzen, taucht Aster die Leinwand in gleißendes Sonnenlicht. Die merkwürdige Gemeinde liegt verträumt mitten in der Pampa, ist umgeben von Wald und Wiesen und einem satten blauen Himmel. Überall laufen fröhliche, weißgewandte Menschen herum, die sich als eine große Familie begreifen. Den Zusammenprall zwischen moderner und archaischer Welt nutzt der Film ein ums andere Mal, um komische Akzente zu setzen. Und doch können einem die fast schon aggressive Ausgelassenheit und das euphorische Gebaren der Einheimischen von Anfang an nicht geheuer sein. Unter der Oberfläche müssen irgendwelche unvorstellbaren Abgründe lauern. 

Schon in „Hereditary – Das Vermächtnis“ reizte Aster sein Publikum mit einem gedrosselten Erzähltempo, nahm sich Zeit, um tief in das beschriebene familiäre Beziehungsgeflecht einzutauchen und quälende Emotionen freizulegen. Auch „Midsommar“ entfaltet sich in Schrittgeschwindigkeit und lullt den Zuschauer mit seiner ausführlichen Darstellung der festlichen Vorbereitungen geradezu ein. Spätestens ein blutig-irrwitziger Paukenschlag nach rund einer Stunde dürfte den Adrenalinpegel allerdings gewaltig nach oben treiben. An diesem so idyllisch wirkenden Ort herrschen offenkundig eigene Gesetze. Und fortan ist man bereit, das Schlimmste anzunehmen.

Das vom Regisseur selbst verfasste Drehbuch erlaubt sich in der Reaktion der Protagonisten auf das ungeheuerliche Ereignis kleine Unglaubwürdigkeiten. Diese lassen sich aufgrund der stetig bedrohlicher werdenden Atmosphäre aber gut verschmerzen. Um maximale Verunsicherung zu erzeugen, ziehen Aster und seine kreativen Mitstreiter wahrlich alle Register. Die dissonante, Gefahr verkündende Musik aus der Feder von Bobby Krlic (bekannt unter dem Künstlernamen The Haxan Cloak) sorgt für ein mulmiges Gefühl in der Bauchgegend. Florence Pugh arbeitet die Verwirrung und den Taumel ihrer Figur in ihrem Spiel fulminant heraus. Die akribisch ausgestatteten, mit grotesken Wandbildern verzierten Holzhäuser der Gemeinschaft haben etwas zutiefst Verstörendes. Und die aufregende, da ausgefallene Kameraführung von Pawel Pogorzelski verleiht den Festivitäten einen tranceartigen Anstrich – besonders stark in der Szene, in der Dani an einem rituellen Tanz teilnimmt.

Zwischendurch produziert der fast zweieinhalb Stunden lange Film vielleicht ein wenig Leerlauf. Mit seinen unkonventionellen Impressionen, seiner Verquickung von skandinavischer Folklore, Hinterwäldler-Motiven und heidnischem Wahnsinn, seinen spärlichen, aber effektiv gesetzten Splatter-Momenten und seiner schonungslosen Dekonstruktion einer toxischen Partnerschaft frisst sich „Midsommar“ allerdings viel nachhaltiger ins Gedächtnis als der gelackte Geisterbahnhorror, der die Kinosäle seit einigen Jahren dominiert. Nicht jede erzählerische Entscheidung – das gilt etwa für den Dissertationsstreit zwischen Christian und Josh – trägt Früchte. Die kleinen Macken sollten Freunde abseitiger Schauerkost jedoch nicht davon abhalten, sich diesem exzentrischen Beziehungsschocker hinzugeben.

>> von Christopher Diekhaus

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