Glass – Shyamalans ganz und gar ungewöhnliches Superhelden-Universum

Am Ende seines Schockers Split ließ der für seine Überraschungen berühmte wie berüchtigte M. Night Shyamalan eine kleine Bombe platzen. Ein Film, der bis zu diesem Zeitpunkt komplett für sich allein zu stehen schien, fügte sich durch den Auftritt einer von Bruce Willis (Stirb Langsam, Das fünfte Element) gespielten Figur namens David Dunn plötzlich in das Universum von Unbreakable – Unzerbrechlich ein, jener Produktion aus dem Jahr 2000, die der in Indien geborenen Regisseur und Drehbuchautor nach seinem wegweisenden Megahit The Sixth Sense drehte und in der er sich vor dem Comic-Schaffen verbeugte. Shyamalan unternahm in der Geschichte rund um den Security-Mitarbeiter David Dunn den Versuch, die Konventionen und Mechanismen des Superheldentums zu reflektieren, und legte eine für Hollywood-Verhältnisse höchst ungewöhnliche Arbeit vor.

Das ungewöhnliche Heldentrio: Mr. Glass, das Biest und Dunn. ©Walt Disney

Denkt man an übermenschliche Weltenretter, kommen einem – die Marvel- und DC-Verfilmungen lassen grüßen – inzwischen ausschließlich große, bunte, effektgeladene, häufig auf Action und augenzwinkernde Pointen getrimmte Spektakel in den Sinn, bei denen Handlung und Charakterzeichnung oftmals eine untergeordnete Rolle spielen. Unbreakable – Unzerbrechlich erschien weit vor der großen Superheldenwelle, die 2008 mit Marvels Iron Man begann, und hebt sich spürbar ab vom Oberflächenreiz der thematisch verwandten Superhelden-Blockbuster. Statt ausufernde Kriege um ganze Universen und gigantische Schlachtgewitter zu entfesseln, hüllt Shyamalan seine Erzählung in das Gewand eines psychologischen Dramas, das sich vor allem auf das Dilemma der Hauptfigur konzentriert und erst im letzten Drittel etwas stärker in übernatürliche Thriller-Gefilde vordringt.

Protagonist David Dunn – ausdrucksstark verkörpert von Action-Star Bruce Willis – kämpft in Unbreakable – Unzerbrechlich mit den Nachwehen eines Zugunglücks, das er als Einziger überlebte und bei dem er seltsamerweise nicht einen Kratzer abbekam. Schon früh erzeugt Shyamalan durch triste Farben, ominöse Kamerabewegungen und einen markanten Toneinsatz eine bedrückende, diffus unheimliche Atmosphäre, verankert diese aber konsequent in der uns bekannten Realität. Dunn bemüht sich, mit dem Geschehenen klarzukommen, und sucht nach einem Weg zurück in einen normalen Alltag, empfindet – wie er offen zugibt – jedoch eine schwer fassbare Unzufriedenheit und Traurigkeit.

Sie versucht das Trio zu bändigen: Sarah Paulson.

Magisch angezogen von seinen Erlebnissen wird der Comic-Experte Elijah Price alias Mr. Glass (Samuel L. Jackson), der seit seiner Geburt an der Glasknochenkrankheit leidet und am gesellschaftlichen Leben nur bedingt teilhaben kann. Für ihn sind Comic-Geschichten eine uralte, ernstzunehmende Kunstgattung. Und zudem ist er fest davon überzeugt, dass es Superhelden, Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, wirklich gibt. Dunn, der den Zugunfall schadlos überstanden hat und auch vorher nie erkrankte, ist in seinen Augen der beste Beweis für seine eigenartig klingende These. Während Price, einem Stalker gleich, versucht, Davids Vertrauen zu gewinnen und ihm die Augen zu öffnen, wehrt sich der Security-Mann entschieden gegen die Vereinnahmung. Ganz anders verhält es sich bei seinem Sohn Joseph (Spencer Treat Clark), den Elijahs Erklärungen stark beeindrucken und der in seinem Vater nur zu gerne einen Superhelden sehen möchte.

Aus dieser Gemengelage, die mit einem Strang rund um die Wiederannäherung zwischen David und seiner Ehefrau Audrey (Robin Wright) angereichert wird, zieht Shyamalan diverse hochgradig aufwühlende Momente – man denke nur an die Szene, in der Joseph auf seinen Vater schießen will, um ihm zu zeigen, dass er unverwundbar ist. Auf der Zielgeraden kommt es schließlich zu einem Augenblick der großen Erkenntnis. Die von Mr. Glass aufgestellten Behauptungen treffen zu. Und David nimmt seine Gaben – neben unglaublicher Muskelkraft kann er durch Berührung die Taten böser Menschen sehen – endlich an, um fortan Gutes zu vollbringen und finstere Zeitgenossen auszuschalten. Wie man es nach The Sixth Sense fast schon erwarten durfte, überrumpelt Shyamalan den Zuschauer kurz vor Schluss mit einer markanten Wendung. Auf der Suche nach seinem Platz im Leben und nach der Bestätigung für seine Theorien hat Mr. Glass diverse Attentate begangen und ist auch für das Zugunglück vom Filmanfang verantwortlich. Seine Rolle steht damit fest: Er ist dazu bestimmt, Davids Widersacher zu sein.

Lässt sich das Biest (James McAvoy) zur Räson bringen?

Unbreakable – Unzerbrechlich verneigt sich vor der Comic-Welt, kritisiert zugleich aber auch deren kommerzielle Ausschlachtung und erzählt eine Superheldenmär in einem ungewohnt intimen Rahmen, die ohne bunte Erkennungskleidung und magische Waffen auskommt. Gerüchte um eine Fortsetzung machten bereits damals die Runde. Da der eigenwillige Genre-Mix allerdings keine brillanten, sondern „nur“ ordentliche Kinozahlen schrieb und das Vertrauen der Studios in das Superheldenphänomen nicht stark genug war, widmete sich Shyamalan im Folgenden anderen Projekten. Die kreative Schwächephase des ambitionierten Leinwanderzählers, die spätestens nach The Village – Das Dorf einsetzte, führte dazu, dass der einst als Wunderkind gefeierte Regisseur mehr und mehr zu einem Außenseiter avancierte. Erst 2015 gelang Shyamalan mit dem bizarr-amüsanten Mystery-Thriller The Visit ein zufriedenstellendes Comeback, auf das der düstere Schocker Split folgen sollte.

Ist Unbreakable – Unzerbrechlich vor allem ein eindringliches Charakterdrama mit zahlreichen Comic-Verweisen, kommt der zweite Teil der Superheldentrilogie, der sich als solcher erst spät zu erkennen gibt, in Form eines beklemmenden Horrorkammerspiels daher. In seinem Zentrum steht mit Kevin Wendell Crumb (James McAvoy) ein Mann, der unter einer dissoziativen Identitätsstörung leidet und 23 unterschiedliche Persönlichkeiten in sich vereint. Lange Zeit hat man das Gefühl, einem logischen Gesetzen gehorchenden Albtraumszenario beizuwohnen. Bis im letzten Drittel die sogenannte „Bestie“ erwacht, eine monströse, über Superkräfte verfügende 24. Identität. Auch wenn mit Crumbs Entführungsopfer Casey Cooke (Anya Taylor-Joy) eine spannende weibliche Figur samt schmerzhafter Backstory als Gegengewicht fungiert, gehört der dicht inszenierte Film in erster Linie ihrem Peiniger, dessen verschiedene Ausprägungen McAvoy in einer wahrlich furchteinflößenden Tour-de-Force-Darbietung zum Besten gibt.

Der heimliche Drahtzieher: Samuel L. Jackson als Elijah Price / Mr. Glass.

Beim ersten Schauen erscheint der finale Dreh ins Fantastische noch reichlich krude und lächerlich. Eine zweite Sichtung liefert jedoch die Erkenntnis, dass Shyamalan viele kleine Hinweise einstreut, die den Superheldenbezug und die übernatürliche Volte bereits früher andeuten. Im Nebenstrang rund um die einfühlsame Psychiaterin Dr. Fletcher (Betty Buckley) ist mit Blick auf Kevins Krankheit immer wieder von besonderen Fähigkeiten und dem Ausschöpfen ungeahnter Potenziale die Rede. Ein Diskurs, der nicht von ungefähr an die Überlegungen aus Unbreakable – Unzerbrechlich erinnert. Auch Split greift die Idee außerordentlich befähigter Menschen auf und gibt ihr einen intimen Anstrich, den das Superhelden-Blockbuster-Kino meistens nicht erreicht. Bei Shyamalan gibt es keine großen Effektorgien, keine in sich zusammenstürzenden Welten. Zu sehen bekommen wir stattdessen eine klaustrophobische Entführungsgeschichte mit einem übernatürlichen Twist gegen Ende.

David Dunns Auftauchen in der letzten Szene legte den Ausbau des mit Unbreakable – Unzerbrechlich begründeten Universums nahe, das nun mit „Glass“ (eine ausführliche Kritik folgt Mitte dieser Woche) beschlossen wird. Einem Film, der sicherlich Probleme hat, seine Figuren sinnvoll unter einen Hut zu kriegen, der Cleverness zuweilen vorgaukelt, dessen wendungsreicher, Shyamalan-typischer Showdown gewiss für Diskussionen sorgen wird, in dem die Stärken der Vorgänger – unter anderem McAvoys beängstigendes Springen von einer Persönlichkeit zur nächsten – aber regelmäßig aufblitzen und der sich noch einmal intensiv mit den Motiven und Erzählbausteinen der Comic-Kunstform und ihrer Leinwandadaptionen auseinandersetzt.

Auch wenn nicht alle Rädchen ineinandergreifen, geht der Regisseur und Drehbuchautor erneut ambitioniert und ideenreich zu Werke. Die gesamte Superhelden-Trilogie bildet in jedem Fall eine erfrischende Abwechslung zu all den bombastischen Weltrettungsfantasien der Marvel- und DC-Maschinerien, deren Konflikte, Motivationen, Story-Verläufe und Actionlawinen sich immer stärker abnutzen. Bleibt nur zu hoffen, dass Shyamalan die kürzlich in einem Interview geäußerte Skepsis gegenüber einer großangelegten Franchise-Konzeption ernst meint und den von ihm erschaffenen, eigenwilligen Kosmos nicht doch noch weiter ausschlachtet.

Geschrieben am 14.01.2019 von Christopher Diekhaus
Kategorie(n): Glass, News



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